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Sonntag, Oktober 25, 2020

Martin Sellner!


Als die meisten von uns aus der freiheitlichen Bloggosphäre vor über zehn Jahren das Bloggen einstellten und uns in die Facebook-Mausefalle locken ließen, waren wir schlechthin naiv. Heute, in Zeiten des NetzDG, des "Deplatformings" und der "Gemeinschaftsstandards" ist es Zeit, ganz stirneresk wieder auf seinen EIGENEN und EINZIGEN Standards zu beharren. Also eine Renaissance der privaten Blogs in die Wege zu leiten.

 Man muss rückblickend Thorsten Hinz in der Jungen Freiheit beipflichten: 

"Die Ausschließungsmechanismen der analogen Medien werden spiegelbildlich auf die digitale Welt übertragen. Die Annahme einer Netzneutralität war von Anfang an illusorisch. Die großen digitalen Medien und Netzwerke sind keine neutralen Mittler, die die Datenpakete unabhängig von Herkunft, Inhalt und Eigeninteresse transportieren, und erst recht keine idealistischen Vorkämpfer der Meinungsfreiheit."

Pars pro toto steht der aus den sozialen Netzwerken sogar bis zur damnatio memoriae verbannte Martin Sellner. Seine Namensnennung, wie hier in der Headline, ist auf Twitter, Facebook, Youtube nicht mehr möglich, bzw. zieht die totalitäre Sanktion der eigenen Account-Auslöschung nach sich. 

Ich selbst bin Sellner bislang nur ein einziges mal bei einem privaten Abendessen vor vier Jahren begegnet und habe ihn als überaus klugen und zudem sehr charmanten Kopf kennengelernt. Aus Rücksicht auf meine bisherigen AfD-Jobs (zuletzt surrealerweise für AfD-Chef Meuthen in Brüssel) habe ich auch um diese Begegnung nie viel Aufhebens gemacht. Doch heute möchte ich meinen Lesern, die sich fragen, was denn aus dem einstmals so arg libertären DDH geworden ist (dazu folgt in Bälde eine längere Erklärung) zur Einstimmung schon einmal einen brillanten Zweiteiler aus Sellners Feder anempfehlen. Wäre ich ein verkommener Globalelitist, hätte ich vor so einem Brain wie dem eines Sellner auch Angst.

Montag, Oktober 20, 2014

Ein nichtabgedruckter Lesebrief an die Dorstener Zeitung

Leserbrief zu "Tobias Voss verpasst den WM-Titel", Dorstener Zeitung vom 20.10.2014


Fragwürdige Punktrichterentscheidungen

Sehr geehrte Damen und Herren,

als trotz Bahnstreiks von weit her (Stuttgart) eigens zur Dorstener Fight Night angereister Zuschauer, für deren verdienstvolle Ausrichtung übrigens dem Veranstalter Workers Hall großer Dank und Respekt zu zollen ist, komme ich leider nicht umhin, ein paar kritische Anmerkungen zum Ausgang des Abends zu machen, der mich dann doch mit einem etwas flauen Gefühl im Magen zurückließ. Sowohl nach meiner eigenen Wahrnehmung (ich saß unmittelbar am Ring, also hatte eine ähnliche Perspektive wie die Punktrichter) als auch bestärkt durch vielfältige Gespräche mit fachkundigen Beobachtern (darunter langjährige aktive Kampfsportler) im Anschluß an die Veranstaltung drängt sich mir der Eindruck auf, daß sowohl beim Kampf von Shkelcim Ademaj gegen Marcel Hesker als auch beim WM-Fight von Ismail el Brouzini gegen Tobias Voss Urteile der Ring- bzw. Punktrichter getroffen worden sind, die jede Menge Fragen und Ungereimtheiten aufwerfen. Daß Marcel Hesker durch den Ringrichter ausgezählt wurde obwohl dieser längst kampfbereit auf beiden Beinen stand, ist eine so eklatante Fehlentscheidung, daß es schon ein gerüttelt Maß an Dreistigkeit bräuchte, diese auch nur im Nachhinein zu rechtfertigen! Ebenfalls einen Hautgout hat die schwerlich nachvollziehbare (und ja keineswegs einstimmige!) Punktrichterentscheidung im Falle Voss, der in vier der fünf Runden erkennbar dominierte, dessen Gegner während des Kampfes mehrfach den Boden aufsuchte und der zudem so lädiert war, daß er nach dem Kampf auch noch ins Krankenhaus gefahren werden mußte. Ein Schlag Brouzinis auf den Hinterkopf von Tobias Voss wurde ebenfalls nicht gerügt (laut Regelwerk wäre hierfür mindestens eine Verwarnung einschlägig). In beiden Kämpfen war das Urteilsvermögen der vorgeblich "Unparteiischen" gewissen Eintrübungen ausgesetzt, die sich günstigstenfalls auf Überforderung zurückführen lassen.
Brisant oder doch zumindest bemerkenswert an diesen Vorgängen scheint mir zu sein, daß ausgerechnet die beiden fragwürdigsten, vom Publikum nachvollziehbar mit einhelliger Mißbilligung quittierten Jury-Urteile des Abends sich dramatisch zum Nachteil der beiden Zugpferde und Publikumslieblinge von Workers Hall auswirkten. Hier wird man an den Leitspruch des englischen Hosenbandordens - "Honi soit qui mal y pense!" ("Ein Schelm wer Übles dabei denkt!")  - unweigerlich erinnert. Auch wenn mir für meinen subjektiven Befund keine gerichtsfesten Beweise vorliegen, so läge es nach meinem Dafürhalten doch fernab der Lebenswirklichkeit zu behaupten, an diesem Abend sei bei den letzten beiden Kämpfen alles mit rechten Dingen zugegangen.

Mit freundlichen Grüßen

Dietmar-Dominik Hennig
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DDH am Ring

Tobias Voss, Copyright: jps Pictures 



Freitag, Juni 25, 2010

Nachspielzeit: Einer geht noch rein

Das ultimative Schlußwort soll auf diesem Blog ein kluger Kommentator namens "bart" auf ef-online haben, der die Gründe für das - vorläufige - Scheitern der libertären Bewegung durch das Abhandenkommen ihres wichtigsten publizistischen Sprachrohres klar benennt:



"Michael Kastner ist ja ziemlich frühzeitig aus dem ef-Verbund ausgetreten. Ebenso Andreas Ullrich. Vielleicht war da noch die Hoffnung auf Besinnung, die Blankertz blieben ließ. Für mich kam die Wandlung insgesamt schleichend. Wenn man die Magisterarbeit Libertarianism von Lichtschlag liest, merkt man die Verbundenheit zwischen ihm und Blankertz. Ein weiterer möglicher Grund, dass es so ist, wie es ist. Allemal schade für das einstige Blatt, das mit hohem Anspruch gestartet ist. Letzlich waren es dann ökonomische Zwänge (praktische Praxis), die über die Ausrichtung des Magazins entschieden. Da war man dann am Scheideweg, wo man sich entscheiden musste: Das Magazin wird aufgegeben oder unter einer anderen Fahne fortgeführt. Die einstige idealistische Idee wurde bei dieser Entscheidung untergraben.

[...]




Aufgeben wäre ehrlicher gewesen.


Aufgegeben hat man ja sowieso. Egal welche der beiden Optionen man gewählt hätte, beides bedeutete den Tod für den einstigen Anpruch des Magazin. Diese Ambition der Freiheit eine Stimme zu geben war ja auch der Sinn für die Schaffung der Zeitschrift. Und nun? Wo will eigentlich ef jetzt hinsteuern? Obendrein hat man ja nicht mal zugegeben, dass man aufgegeben hat. In der Tat wäre das ehrlicher gewesen.





Dann hätte man nach wirtschaftlichen Maßstäben das Restkapital bewahren müssen.




Und was dann? Magazin einstellen? Meinst Du, dass der begangene Weg etwa, also der Versuch ein libertäres Print-Magazin zu etablieren falsch war?





Aus den Kapitalgebern wurden Idealisten, die unbedingt ein Fanal der Freiheit setzen wollten. Von da an war ef eine Koalition der Kapitalvernichter später nach dem Motto "Mehr netto", insgeheim aber nach dem Slogan "ef um jeden Preis".




Zustimmung! Mit den Kapitalgebern ist man eine Koaltion eingegangen und hat sich die eigentliche Idee zerreißen lassen. Aber selbst, wenn die Zeiten schwer sind, muss man standhaft bleiben. Viel zu schade ist sonst das verschenkte Potenzial. Diese Aufrichtigkeit, die "Dignität der Theorie" sollte man sich immer vor die Augen führen und nicht verlieren. Das ist ja auch Thema von Stefan Blankertz' Vortrag.





Ähnlich der Nazi-Propaganda "Sieg um jeden Preis" und der
Blut-Tränen-Strategie der Briten. Die hatten den Spruch nämlich auch. Wie sich die Geschichte doch ähnelt!

Und wie sich die Geschichte doch ähnelt! Ich möchte in diesem Kontext noch einmal auf Lichtschlags Buch Libertarianism - Eine (Anti-)Politische Bewegung in den USA und ihre Bedeutung für Deutschland zurückgreifen, weil ich es einfach nicht fassen kann, wie man wahre Erkenntnisse einfach so über Bord werfen kann!
Zitat über die Entwicklung des Cato-Instituts (u.a. Herausgeber der wissenschaftl. Zeitschrift The Cato Journal):






(...) Es (gemeint ist das Cato-Inst.) geht 1976 unmittelbar aus der Charles Koch Foundation hervor. Wegen des von den Koch-Millionen abhängigen Leiters Crane, so Murray Rothbard, verlassen die besten Männer nach und nach das Institut: (...)
(Es folgt eine Aufzählung von wichtigen Persönlichkeiten des Cato-Instituts). Crane bindet das Cato Institute direkt an die LP (=Libertarian Party) an. Schließlich überwirft sich im Frühjahr 1979 auch Rothbard mit Crane, und das Institut verlässt seine Nähe zur Österreichischen Schule der Nationalökonomie (...)
(S.67) (Hinweis: Alles hier in Klammern stehende, wurde vom
Zitierenden selbst hinzugefügt)




Das hatten wir doch alles schon einmal! Beim Versuch den Libertarismus in den USA politisch salonfähig zu machen, wird das im gleichnamigen Buch noch deutlicher:





Vor praktischen Fehlversuchen mittels beispielsweise einer libertären Partei könnte daher der deutsche Libertarianism (vorerst) verschont bleiben. (S.83)



und dann Blankertz (im Lichtschlag-Buch zitiert):




"Gegen die Falle des Etatismus hilft nur Theorie, die zunächst davon absieht von konkreter politischer Verwertung" (S.83)


Anmerkung: Im Interview macht Blankertz die für ihn gültige Zweideutigkeit des Begriffs Politik deutlich. Neben der gewaltsamen Staatspolitik könnte man Politik auch als "die Sorge um das gute Zusammenleben freier Bürger" (S. 132) verstehen. Deshalb der Hinweis, weil man durch das Wörtchen "zunächst" irritiert sein könnte.
Aus den Erfahrungen der libertären Bewegung in den USA und noch einem im Buch beigefügtem Interview mit Stefan Blankertz (auf den sich Lichtschlag ziemlich oft in seinem Werk beruft) hat Lichtschlag gelernt. So kritisiert er selbst aus eigener Feder den Versuch der Annäherung Hans-Hermann Hoppes zu den Konservativen, also Etatisten:




"Hoppes Ausführungen sind nach Auffassung des Autors dieser Arbeit letztlich nicht mit der libertären Argumentation vereinbar." (S.99)


deutlicher geht's nimmer!
Was danach im ef-Verein folgt, wissen wir ja alle nur zu gut. Bündnis mit den Konservativen (Etatisten!) und das Setzen auf politisches Engagement.
Wie konnten das die Verantwortlichen von ef nur zulassen? Das ist Selbstmord. Was anderes kann man dazu nicht sagen.
Über diese Widersprüche ließe sich ein ganzer Artikel schreiben.
Wäre wünschenswert, wenn alle an dieser Misere Beteiligten ihren Fehler eingestehen und zugeben und wieder auf den rechten Weg kommen.
Ansonsten bleibt der Konflikt, weil das Problem immer noch gegenwärtig ist und allerhöchstens nur angerissen wurde. Da besteht dringender Nachholbedarf!"




Anm. d. Red.: bart hat recht! Leider!

Samstag, Mai 08, 2010

Die Neoliberalen und Neokonservativen fühlen sich mal wieder "befreit"

Bei soviel genügsamer Freiheitsseligkeit braucht man sich wirklich nicht mehr zu wundern, warum die echte Freiheit wohl noch dreieinhalb Ewigkeiten auf sich warten lassen wird.

Ich für meinen Teil erinnere am heutigen 8. Mai mal taktloserweise daran, daß MEINE Vorfahren nach dem 8. Mai 1945 nahtlos in die nächste Diktatur überführt wurden. Und was die hochwohlgeborenen, sich bis heute in der besten aller Welten wähnenden Wessis anbelangt: die haben weder ein "First Amendment" noch andere amerikanische dortzulanden als UNANTASTBAR geltende Jeffersonianische Grundfreiheiten je geliefert bekommen, sondern eine muffig-restaurative Adenauer-Republik (mit Globke als Kanzleramtsminister!) und einem Grundgesetz, das Privateigentum zur Verfügungsmasse der Willkür der jeweiligen politischen Machthaber macht.



Man denke nur an die skandalöse Staatshehlerei im Zusammenhang mit den 45-49 enteigneten SBZ-Gütern durch Kohl/Waigel nach 1990!

Und an die Wiedereinführung von Hitlers Wehrpflicht durch die "bürgerlichen" Parteien in den 50ern!

Und an die Beibehaltung von Hitlers strenger Schulpflicht im freiesten Staat der deutschen Geschichte!

Befreit sind wir alle (Deutsche wie Nichtdeutsche) noch lange nicht! Erst am Tage des Endes aller Staatlichkeit! Vorher sich "befreit" zu fühlen ist eine obszöne Befindlichkeit, mehr nicht!

Mittwoch, März 03, 2010

Kapitalismus vs. freier Markt

Eine überaus lehrreiche Vorlesung - nicht nur für Libertäre! - die Sheldon Richman vor zwei Tagen vor der "The Future of Freedom Foundation" (FFF) gehalten hat. Wünsche viel Freude beim Vermehren der gewonnenen Einsichten:


Economic Liberty Lecture Series: Sheldon Richman from The Future of Freedom Foundation on Vimeo.

Dienstag, Oktober 27, 2009

Libertäre Strategiedebatte: Murray Rothbard's Warnung vor den Gefährdungen durch Kompromißlertum und konservative Vereinnahmung ist aktueller denn je!

Dabei stammt das Papier aus dem Jahre 1961!



"In the name of practicality, the opportunist not only loses any chance of advancing others toward the ultimate goal, but he himself gradually loses sight of that goal—as happens with any “sellout” of principle. Thus, suppose that one is writing about taxation. It is not incumbent on the libertarian to always proclaim his full “anarchist” position in whatever he writes; but it is incumbent upon him in no way to praise taxation or condone it; he should simply leave this perhaps glaring vacuum, and wait for the eager reader to begin to question and perhaps come to you for further enlightenment. But if the libertarian says, “Of course, some taxes must be levied,” or something of the sort, he has betrayed the cause.

[...]

In World War II, as I said before, the danger and despair of the individual hardcore libertarian was his isolation. Now, in 1961, with the libertarian and right-wing movements seemingly flourishing and growing apace, on scholarly and more popular levels, he is, once again, increasingly in danger of being isolated. Except this time, the danger is less apparent and more insidious. For it is the danger of the hardcore libertarian being swamped by a growing mass of “conservative” and right-wing thinkers.

[...]


The increasing danger of the “swamping” of the libertarian intellectual—which itself is inherent when the hard core is not nourished, fostered, and brought together as a nucleus—has been enormously redoubled by the transformation that has been effected in the right wing itself. This transformation, lead by the theoreticians of National Review, has transformed the Right from a movement which, at least roughly, believed first of all in individual liberty (and its corollaries: civil liberties domestically, and peace and “isolation” in foreign affairs) into a movement which, on the whole, is opposed to individual liberty—which, in fact, glorifies total war and the suppression of civil liberty, as well as monarchy, imperialism, polite racism, and a unity of Church and State. The Right having increasingly taken on this tone and complexion, it is all the more vital for the libertarian movement to be dissociated from, rather than allied with, the bulk of the right wing. The chief trouble now with the theory of the “popular front” is that this “front” has been largely infected with enemies of, rather than friends of, liberty. Fortunately, the Volker Fund’s own program suffers much less than others (Earhart, Richardson, etc.) from this problem, because the fund’s concentration has been on economists, who, in their capacity as economists (Chicago School, etc.) have been, at least on net balance, proponents of liberty. But in any other field but economics, the danger is grave indeed.

[...] even though there is opportunity for a philosophic synthesis, in some respects, between libertarians and conservatives (e.g., the addition to libertarianism of natural law, moral principles, etc.) there is no real opportunity for a political synthesis.


(Even philosophically, conservatism has so many things wrong with it that an attempt at synthesis distorts the real nature of conservatism: as it must overlook the conservatives’ hostility to personal liberty, drive toward war, reverence for a theocratic state so long as it be “traditional,” support for colonial imperialism, opposition to reason, etc. And here I want to go on record as regretting my own recent article in Modern Age, as distorting the nature of conservatism by dwelling almost exclusively on its favorable features.)

[...]



I have come to the conclusion that, for libertarian thought to survive, a sharp break with “conservatism” must be undertaken,


[...]


My thesis can be summed up as saying that in this crossroads in the history of libertarian movement it is vital to de-emphasize drastically popular fronts with the conservative “Right,” to nourish and construct the hardcore libertarian movement with some form or forms of nucleus or center, and to emphasize libertarian scholars and intellectuals primarily, and, if more direct action is desired, libertarian publicists and workers exclusively. The big danger to the libertarian movement now is a swamping by a rapidly growing (on intellectual and “practical” levels) conservative movement that presents more of a threat to liberty than a support. The great task facing us is the rescue of the libertarian movement from this danger."

Donnerstag, Oktober 22, 2009

Bürgerliche Staatsfetischisten vs. pauperisierte Staatsopfer

Umverteilung findet im Staat von oben nach unten statt. In welchem Maße man das gut oder schlecht finden soll, darüber sind sich Sozialisten (bis in die CDU hinein) und Konservative (ebenfalls bis in die CDU hinein, die damit sowohl den linken als auch den rechten Flügel des Etatismus abdeckt und darum, ganz nebenbei bemerkt, doppelt so eklig ist wie jede andere Partei, mit Ausnahme der Grünen, die dreimal so eklig und damit Ekelpegel-Rekordhalter sind) uneinig. Doch stimmt diese Prämisse von der Umverteilung von stark zu schwach überhaupt? Tut der Staat zuviel für Unterschicht und "Kopftuchproletariat" (wie sich der "liberal"-konservative Mittelstandsprofessor Eberhard Hamer einmal auf einer Tagung auszudrücken pflegte)?

Umgekehrt (zu den Mythen der neoliberalen Bonzen-Idolatrie und ihrer verkürzten "Leistungsträger"-Rhetorik) wird ein Schuh daraus: Der Staat stärkt die Starken und schwächt die Schwachen. Das ist seine Funktion, darum existiert er. Drei von mir sehr geschätzte Autoren haben sich mal der Frage, wie das im Spätetatismus mit Ober- und Unterschichten denn wirklich aussieht, in den vergangenen Wochen mal aus unterschiedlichem Blickwinkel zugewandt. Zur Sarrazin-Debatte schrieb Chris Vigelius, seit langem mein Quantum Trost auf ef-online, einen sehr klugen Artikel, der die ökonomischen Fehlanreize, und nicht die Einwanderer als Ursache der Integrationsmisere erkennt, mit dem Titel: "Sozialhilfe: Die Scheinheiligkeit des Thilo Sarrazin", der es wert ist, zitiert zu werden:


" [...] die Fehlanreize wirken keineswegs nur auf Einwanderer, sie wirken genauso auf die autochthone Bevölkerung, mit den gleichen Folgen. Sie fällt bei ersteren nur deswegen stärker auf, weil aufgrund der massiven Fehlanreize praktisch nur noch Leistungsunwillige und -fähige einwandern, während alle anderen, vor allem gut ausgebildete und leistungswillige Fachkräfte, um Deutschland in der Regel einen großen Bogen machen.

Und die wenigen, die trotzdem kommen wollen, dürfen oft nicht. Denn die üppige Alimentierung ist beileibe nicht der einzige Fehlanreiz, mindestens genauso fatal wirkt ein Ausländerrecht, das immer noch von dem im Kern national-sozialistischen Gedanken der Abschottung des deutschen Arbeitsmarkts gegen "Fremdarbeiter" beseelt ist, das arbeitswillige Zuwanderer mit Willkür und bürokratischen Schikanen traktiert, und dessen völlige Absurdität sich am offensichtlichsten im Begriff der sogenannten "Arbeitserlaubnis" manifestiert, die jeder Ausländer braucht, wenn er sich an der Mehrung des allgemeinen Wohlstands und der Finanzierung des Staatswesens beteiligen möchte. Eine solche Arbeitserlaubnis bekommt, wenn überhaupt, höchstens derjenige, der sich auf ein nicht selten monatelanges Spießrutenlaufen bei zig Behörden und Institutionen einlässt. Selbst wer -mit Abitur und tadellosen Deutschkenntnissen- nur für ein paar Monate als Au Pair in Deutschland leben und arbeiten möchte, lernt als erstes: In Deutschland gibt es viele, viele Behörden, und die wollen alle irgendwie beschäftigt werden.

Weder Erlaubnis noch Einkommensnachweis braucht dagegen derjenige, der einen ausländischen Partner heiratet und anschließend samt Kindern von Sozialhilfe lebt. Vor allem dann nicht, wenn beide Partner aus dem nahen Osten stammen; bei "eingeborenen" Deutschen mit geregeltem Einkommen und Partnern aus Osteuropa oder Fernost soll es dem Vernehmen nach dagegen durchaus öfter zu Problemen mit Behörden kommen. Die Gründe dafür sind unklar, jedenfalls solange man nicht Verschwörungstheorien anhängt, Fakt ist aber: Diese Art der Einwanderungspolitik führt innerhalb der Gruppe der Einwanderer zu einer zusätzlichen Negativauslese, da ungebildete und einkommenslose Einwanderer natürlich vorzugweise innerhalb ihrer eigenen Bildungsschicht heiraten. Für die gut ausgebildete angehende Ärztin aus Istanbul stellt der -nicht selten noch mit archaischen Vorstellungen über die Rolle der Frau brillierende- deutsch-türkische, arbeitslose Analphabetenproll aus Neukölln sicher nicht gerade den Traumprinzen dar, auf den sie ihr Leben lang gewartet hat.

Hauptleidtragende dieser Negativauslese sind neben der Volkswirtschaft nicht zuletzt die Einwanderer, auf die die genannten Kriterien nicht zutreffen, denn das Klischee des arbeitsscheuen Krawallmachers und Gewalttäters wird in der öffentlichen Wahrnehmung letzten Endes auf alle Angehörigen des jeweiligen Kulturkreises angewandt, auch wenn es in vielen Fällen überhaupt nicht zutrifft. Um es bewusst platt zu sagen: Nicht "die Türken" oder "die Araber" sind dumm und faul, sondern die deutsche Politik begünstigt im Effekt die Zuwanderung dummer und fauler Türken und Araber. Dafür können aber weder Türken noch Araber etwas."


Auch Buchpreisträger Christian Hoffmann befaßt sich in seinem Beitrag "Ungleichheit, soziale Kälte und Ausschliessung - dank Sozialstaat" den er ursprünglich für die Schweizer Monatshefte schrieb, mit den besonders sozialschädlichen und damit besonders Unterschicht und Randgruppen treffenden Folgen wirtschaftlicher Interventionspolitik:

"Ein zentraler Treiber sozialer Ausschliessung sind Steuern und Abgaben: Damit sich die Beschäftigung einer Arbeitskraft lohnt, muss diese einen Mehrwert schaffen, der über den verursachten Kosten liegt. Schon einfache manuelle Arbeiten können im Verbund einer arbeitsteiligen Fabrik rentabel sein, wenn sie nicht künstlich verteuert werden. Angenommen, auf die tatsächlichen Lohnkosten eines Mitarbeiters, der bisher profitabel eine bestimmte Menge eines Produkts pro Stunde fertigte, entfallen nun plötzlich zusätzliche 50 Prozent Steuern und Abgaben — auf einen Schlag wird dieser Mitarbeiter unprofitabel und muss entlassen werden. Profitabel ist nun nur noch jener höher qualifizierte Mitarbeiter, der in der Lage ist, eine Maschine zu bedienen, die eine deutlich höhere Anzahl Produkteinheiten je Stunde fertigt. Steuern und Abgaben führen zwangsläufig dazu, dass Arbeitsplätze kapitalintensiver werden. Gering qualifizierte Arbeitskräfte werden so aus dem Arbeitsprozess herausgefiltert. Sie werden ausgeschlossen.

Ein zweiter zentraler Treiber sozialer Ausschliessung sind staatlich erzwungene Lohnkartelle (ob nun gewerkschaftlich getragen oder durch Mindestlöhne). In einer Marktwirtschaft sind Preis, Menge und Qualität der Arbeit ein Resultat aus Angebot und Nachfrage. Die Beteiligten können sich entscheiden, wie viel Arbeit sie zu einem bestimmten Preis anbieten oder nachfragen wollen. Das heisst aber auch: unfreiwillige Arbeitslosigkeit kann es auf freien Arbeitsmärkten nicht geben. Wenn aber durch staatlichen Zwang der Arbeitspreis über den Marktpreis getrieben wird, werden jene Arbeitskräfte aus dem Arbeitsprozess gedrängt, deren Beitrag nun nicht mehr profitabel ist. Dabei handelt es sich naturgemäss um geringqualifizierte Arbeitskräfte — erneut werden diese also durch staatlichen Zwang dauerhaft ausgeschlossen.

Ein dritter zentraler Treiber sozialer Ausschliessung sind bürokratische Hürden wie Auflagen und Bewilligungen. Die Erfahrungen der Schwellenländer zeigen: nicht die Lohnabhängigkeit führt zu einem dauerhaften sozialen Aufstieg, sondern selbständiges Unternehmertum. Je schwieriger daher der Weg in die Selbständigkeit ist, desto eiserner werden sozial Ausgeschlossene in die Armut verbannt. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Jeder Fahrzeugbesitzer mit einem Mindestmass an Fahrkenntnissen ist in der Lage, Taxi-Dienstleistungen anzubieten. Staatliche Auflagen in Hinblick auf die Kenntnisse und Qualifikation des Chauffeurs oder die Beschaffenheit des Fahrzeugs, im schlimmsten Fall gar die Ausgabe von Lizenzen, erschweren den Markzugang. Nicht selten werden derartige Hürden von etablierten Anbietern unterstützt — Marktzutrittshürden sind immer auch eine Protektion gegenwärtiger Marktteilnehmer. Potentielle soziale Aufsteiger werden so durch bürokratische Hürden am Aufstieg gehindert."


Auf der anderen, gewissermaßen der Nutznießer-Seite dieser Bilanz stehen jene, die in jedem Staat zu den Gewinnern gehören und die die eigentlichen Nettostaatsprofiteure sind: die Wohlhabenden und (Einfluß-)Reichen, in unserem Falle also die Angehörigen der staatstragenden Bourgeoisie. Matt Jenny beschreibt die in seinem ebenfalls in den Schweizer Monatsheften erscheinenen Artikel als die "enthusiastischen Bürgerlichen":


"Bürgerliche können grob in zwei Typen eingeteilt werden: in die widerwilligen Liberalen und in die enthusiastischen Bürgerlichen.

Widerwillige Liberale findet man unter den Vertretern des Anarchismus, des Nachtwächterstaats wie auch des Neoliberalismus. Sie sind Liberale aus Verlegenheit. Für sie ist der Liberalismus die schlechteste Ideologie, mit Ausnahme all jener anderen, die es sonst noch gibt. Eigentlich würden sie gerne auf eine politische Ideologie verzichten, würden sich am liebsten gar nicht mit Politik beschäftigen müssen. In einer unvollkommenen Welt kommen die widerwilligen Liberalen aber leider nicht darum herum, eine politische Position zu vertreten. Diejenigen, die dabei dem Staat Legitimität zusprechen, tun dies ohne Enthusiasmus und mit dem Wissen, dass jeder noch so beschränkte Staat stets die Saat seines exzessiven Wachstums in sich trägt.

Ganz anders die enthusiastischen Bürgerlichen. Sie haben im Liberalismus, welcher Couleur auch immer, und im liberalen Staat Identifikationsobjekte gefunden. Sie sind überzeugt, dass beim Regieren nichts schiefgehen kann, wenn nur die richtigen Politiker am Drücker sind. Sie sehen es als Pflicht, gar als Ehre an, sich am politischen Prozess zu beteiligen. Sie glauben, dass immer Liberales herauskommen muss, wenn Bürgerliche am Werke sind. Manche sehen im Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft sogar eine Erweiterung der marktwirtschaftlichen Arbeitsteilung, quasi eine riesige public private partnership. Ihre Traumkarriere ist eine dreifache in Wirtschaft, Politik und Militär. Sie sind bürgerliche Staatsfetischisten.

Inwiefern sich die widerwilligen Liberalen von den enthusiastischen Bürgerlichen konkret unterscheiden, zeigt sich derzeit wohl am besten in ihrer jeweiligen Reaktion auf den aktuellen führungsschwachen Bundesrat. Während beide dem Bankkundengeheimnis nachtrauern, schöpfen widerwillige Liberale Trost aus der Tatsache, dass Politiker, die ausländischem Druck nicht standhalten können, wohl auch innenpolitisch nicht allzuviel Schaden anrichten. Eine führungsstarke und effiziente Regierung ist nicht ihr Wunsch; denn sie wissen, dass im politischen Kontext Stärke und Effizienz stets grosse Gefahren bergen.

Damit sind die widerwilligen Liberalen freilich in der Minderzahl. Sie werden übertönt von den enthusiastischen Bürgerlichen, die wieder starke Männer (und, wenn es heutzutage nicht anders geht, auch Frauen) nach Bundesbern schicken wollen. Sie sollen auf Biegen und Brechen erreichen, was der Bankenplatz allein nicht schafft. So ist womöglich auch die AHV entstanden, die den Arbeitgebern vermeintlich Lasten abnimmt, wenn die Arbeitnehmer eine bessere Altersvorsorge fordern.

Die Forderung nach mehr Politikern nennt man in der Argumentationstheorie ein non sequitur. Aus der Tatsache, dass im zivilen Bereich ein Problem auftritt, folgt nicht, dass der Staat angerufen werden muss. Dieser Fehlschluss passiert nur, wenn man — uneingestanden oder unbewusst — an die Allmacht des Staats glaubt. Wenn schon Kooperation nötig ist, wieso dann nicht versuchen, diese ohne Staat durchzuführen? 1947 hätte man private und auf dem Kapitaldeckungsverfahren beruhende Vorsorgefonds gründen oder stärken können. Und heute könnten die Banken sich schlichtweg weigern, die Informationen ausländischer Kunden an deren Regierungen herauszurücken.

Gewiss, dies wäre ein steiniger Weg, vielleicht sogar ein hoffnungsloser. Mehr Hoffnung in private Initiative zu setzen als in den Staat mit seiner Bilanz an Fehlschlägen, ist immerhin eine Tugend der widerwilligen Liberalen. Während ihr Glaube an den Staat enge Grenzen hat, so glauben sie mit viel Enthusiasmus an die Fähigkeit des Menschen, zu kooperieren und auf freiwilliger Basis Richtiges zu tun."



All diese Erkenntnisse sind nicht neu, aber sie verdienen es, immer und immer wieder verbreitet zu werden, da sie gerade in unserer Zeit leider auch von vielen die sich für "liberal" oder gar "libertär" erklären nur allzugern vergessen werden. Stefan Blankertz schrieb bereits vor 11 Jahren in "Die Therapie der Gesellschaft":


157.

Opfer oder Täter? – Manche Liberale meinen, die „Besserverdienenden“ bräuchten Schutz vor der Ausbeutung durch den Umverteilungsstaat. Es gibt dagegen soziologisch gesehen keinen Zweifel, daß die Mächtigen im Staat darum „mächtig“ heißen, weil sie es vermögen, einen großen Anteil an den finanziellen und politischen Ressourcen des Landes auf sich zu vereinigen. Egal, wie die Mächtigen z.B. den Spitzensteuersatz gestalten, sie werden in der Endabrechnung ihren Schnitt machen. Naiv wäre es, etwas anderes anzunehmen. Wer sollte glauben, daß man dadurch reich und mächtig wird, indem man alles, was man hat, freizügig weggibt?

158.

Cry for me, Argentinia. – Nein, die Opfer des Sozialstaates sind nicht die vielzitierten Besserverdienenden. Geschichtlich gesehen haben die Besserverdienenden den Sozialstaat geschaffen, und heute verteidigen sie ihn, aus einem ganz einfachen Grund: Der Sozialstaat ist ein Instrument der herrschenden Klasse, um sich auf Kosten der weniger einflußreichen Mitmenschen zu bereichern und gleichzeitig das Mäntelchen der Nächstenliebe umzuhängen.

Die Besserverdienenden haben öffentliche Schulen eingerichtet, um die Ausbildung ihrer Kinder von den weniger Bemittelten via Steuern finanzieren zu lassen; haben Zwangsversicherungen eingeführt, um ihre höheren Ansprüche von den Bescheideneren absichern zu lassen; haben Sozialhilfe eingeführt, um ein Heer von Wohlfahrtsbürokraten zu schaffen, die loyale Wähler sind.

Die Besserverdienenden streiten für Subventionen, um sich selbst gegen Marktrisiken abzuschotten; propagieren „Resozialisierung bzw. Psychiatrisierung anstatt Strafe“, um Arbeitsplätze für Psychologen zu schaffen; polemisieren gegen die Privatisierung der Polizei, um nicht für ihre eigenen erhöhten Sicherheitsinteressen aufkommen zu müssen.

Für jede einzelne Maßnahme des Sozialstaates läßt sich angeben, wer in Wahrheit der Nutznießer ist. Die Opfer sind die Enteigneten, die Entmündigten, die Schwachen, die Übervorteilten, die Armen und die Menschen, die mit Zukunftsideen auf eine offene, veränderbare Gesellschaft hoffen.


[...]


168.

Repressive Entstaatlichung: ein Beispiel. – Konservative Regierungen, bisweilen sogar progressive Regierungen wie die Clinton-Administration, kürzen Sozialleistungen auf eine Art und Weise, die die Armen tatsächlich ärmer werden läßt. Letztlich festigt das dann wieder das Vertrauen in die Notwendigkeit des Wohlfahrtsstaates.

Es ist naheliegend, daß Menschen, denen die staatlichen Interventionen in die Wirtschaft die Möglichkeit zur Arbeit genommen haben, auf Unterstützung angewiesen sind. Sie könnten sich selbst erhalten, wenn man sie nur ließe. Sie sollten für die Unterstützung, die sie erhalten, alles andere als dankbar sein. Sie sollten erzürnt sein. Aber was bleibt ihnen übrig? Sie nehmen die Unterstützung und ballen die Faust in der Tasche. Nun verkündet der schlaue konservative Politiker, es handle sich doch um arbeitsfähige Menschen, denen darum keine Unterstützung zukomme. Die Unterstützung wird gestrichen, die wirtschaftlichen Möglichkeiten verbessern sich jedoch nicht. Was soll ein Mensch in einer solchen Situation anderes tun, als Vertreter des Wohlfahrtsstaates zu wählen?

Dienstag, August 11, 2009

Erkenntnisse des Tages

1.) Das Grundgesetz taugt nicht mehr als die Weimarer Reichsverfassung.

2.) Die Monarchie taugt nicht mehr als die Demokratie.

Statt ihre Zeit mit Konstitutionalismus und fruchtlosen Staatsformendebatten zu verplämpern, sollten Liberale also endlich die Idee der Freiheit zum Nullstaat (=Anarchie) konsequent zuende denken!

Sonntag, Mai 24, 2009

Die Philosophie der Freiheit heißt NICHT Konservati(vi)smus!

"I do not believe that the philosophy of freedom has much to do, in an essential way, with conservatism. The relationship is largely due to historical accident. Furthermore, analytically speaking, the moral, political and economic basis of freedom does not fit coherently in the conservative intellectual framework.


The central reason for confusion on this matter is due to the peculiarities of the American (and English) political context. Our heritage is filled with the language, the ideals and the reality of liberty. Our Constitution exhibits a great concern for division of power, rights and limitations on the Federal (and state) government, and the importance of contract. So to “conserve” is, to an extent, to conserve these traditions. So American conservatism seems like a philosophy of liberty.


Another reason for the seeming identification of liberty with conservatism is the complex of compromises the political system has yielded. Those who are conservatives in a more literal sense found an uneasy alliance with those whose primary interest is liberty and only secondarily in the American traditions. There is much interesting political, sociological and even religious history here.


Nevertheless, the spirit of liberty (and I would say classical liberalism) is very different from that of conservatism. The conservative fundamentally doesn’t want to rock the boat. One can see it now in the intrigue about Nancy Pelosi and the CIA. The classical liberal (let me invoke the spirit of H.L. Mencken here) knows that both politicians and the CIA cannot be trusted. The true liberal is not afraid to recognize the corruption of power. The conservative, on the other hand, will say, “How can you question these hard-working people in the CIA who risk their lives for America?” Or: “How can you question the Speaker of the U.S. House of Representatives, Third-in-Line to the Presidency?”


To the conservative Faith in Power is very important. The conservative believes that we ought not to release pictures of torture perpetrated by “our” interrogators. The classical liberal thinks the truth is vital. The American public should know just how widespread all of this was (is?). If it stirs up hostility to American troops both in places where they ought not to be or where they possibly should be, that is part of what defending our liberty is about.


I could easily see a conservative cringe here. (I have purposefully chosen edgy examples.)"


Aus einem sehr anschaulichen Grundsatzartikel von Mario Rizzo, dessen Lektüre vor nicht nur terminologischen Verwechslungen bewahrt.

Mittwoch, November 19, 2008

Jenseits von Napf und Kette

Zu Sowjetzeiten gab es einen Witz: Treffen sich zwei Hunde: Eine englische Dogge und ein russischer Hund. Und die Dogge fragt: "Sagen sie mal, sie haben jetzt Perestroika, wie sieht das aus?". Und der russische Hund antwortet: "Man hat die Kette um zwei Meter verlängert. Und den Napf drei Meter weiter gestellt."

Bringt dieser Witz nicht die reale Erfahrung ALLER Menschen in ALLEN Staazi-Systemen, und nicht nur in der historischen Umbruch-Periode des Ostblocks, auf den Punkt, die bei halbherzig-technokratischen "Reformen" (ob diese Agenda nun zu Recht oder zu Unrecht unter der Chiffre "neoliberal" verfolgt wird, sei dahingestellt) von einem bestimmten "ineffizienten" hin zu einem anderen "effizienteren" Etatismus unter die Räder kommen? Genau diese Kombination aus "Weniger im Napf" bzw. "Napf weiter weg" und "Kette etwas länger" (oder nur weniger spürbar?) ist es, die den ganzen Liberalisierungsansatz in den Augen der Menschen diskreditiert. Weil sich am Grundsätzlichen nichts ändert. Man bleibt Kettenhund, der nicht wirklich frei ist, dessen Existenzbedingungen als Kettenhund aber sich verschärfen (und eben nicht nur irrigerweise als sich verschärfend imaginär wahrgenommen werden, wie die "wirtschaftsliberalen""Reformer" des Etatismus behaupten). Um nur mal ein Beispiel zu nennen: Ist man denn frei, wenn man als Niedrigqualifizierter aufgrund des "liberalisierten" Kündigungsschutzes leichter "freigesetzt" werden kann, aber wegen des nach wie vor unfreien Arbeitsmarktes, dessen Zutritts-Barrieren oftmals im sozialen Wohlfahrtsstaat unüberwindlich sind (Flächentarifverträge, Gesetze, Mindestlöhne, Zwangsversicherungen, Kammernzwänge, Berechtigungswesen, Zunft(un)wesen, Protektionismus, Kriminalisierung bestimmter Tätigkeiten/Gewerbe sog. "victimless crimes" etc. pp.) faktisch an der Kette der Sozialbürokratie bleibt: entmündigt und entwürdigt? Ist in Deutschland in den letzten Jahren nicht parallel zu den zaghaften wirtschaftsliberalen Reformen auch der Zwang verschärft worden im "war on terror", im Kampf um sog. "Innere Sicherheit", durch Re-Militarisierung auch der zivilgesellschaftlichen Sphäre? Bewegen wir uns nicht seit Jahren in Riesenschritten mit Schily und Schäuble auf den totalen Überwachungsstaat zu? Ist es nicht makabre Ironie, wenn bspw. im sächsischen Landtag NSDAP und SED (die jetzt beide anders heißen) gegen ein die Befugnisse des BKA geheimdienstlich ausweitendes Gesetz Sturm laufen und sich damit objektiv im Recht befinden, obwohl jeder geschichtsbewußte Mensch weiß, daß beiden, wenn sie erst am Ruder wären, die Befugnisse solcher Behörden gar nicht weit genug gehen könnten?

Ist es nicht an der Zeit, über eine echte Alternative zum konservativ-reaktionären Programm der Liberalisierungen nachzudenken? Könnte diese Alternative nicht schlicht Liberalismus heißen? Also niemand mehr an Ketten, der darauf warten/hoffen muß, daß ihm einer was in den Napf tut? Wenn die sozialistische "Verhausschweinung" (Röpke) des Menschen aus ökonomischen UND ethischen Gründen abzulehnen ist, dann ist es die (neo)konservative "Verhofhundung" erst recht!

Sonntag, Oktober 19, 2008

Den Bastard verstoßen!

"Was bedeutet das für den Liberalismus, den verstossenen Vater des Abendlandes, der einst das dunkle Zeitalter erhellt hatte? Niemand wird ihm glauben, dass der Neoliberalismus nicht wirklich sein Kind ist. Er muss für eine Krise geradestehen, vor der er selber immer gewarnt hatte."

Matt Jenny in seiner brillanten Paxx-Kolumne "Was tun?" zur babylonischen Sprachenverwirrung um die Begriffe "libertär" und "liberal" im Angesicht der globalen Staatsfinanzenkrise, dem Waterloo des fiat-money-Systems.

An dieser Stelle mein Vorschlag zur Güte: einfach keine Kuckuckseier mehr ausbrüten, sondern den Bastard "Neoliberalismus" endlich verstoßen!

Mittwoch, Juni 11, 2008

Nicht der System-Agitprop auf den Leim gehen!

Ein mulmiges Gefühl hatte ich zwar schon beim medial-parlamentarischen Schauprozeß gegen Gysi, wollte aber nicht gleich wieder nach meiner DSDS-Phase den rechten Blogger-Lynchmob (der sich in zwei Fraktionen aufteilt: Die Rechtslibertären, bei denen inzwischen selbst antisemitische Stereotype und Konspirationstheorien en vogue sind und als Pendant die "Pro-Westlichen", bei denen ein ebenbürtiger Haß-Vorrat eben anti-arabisch oder anti-muslimisch ausgeschwitzt wird) auf meine Kommentarspalten locken und so schwieg ich.

Auch wenn sich mein Mitleid mit einem hochwohlgeborenen Günstling des DDR-Systems in Grenzen hält, muß ich schon auch sagen: in dem Moment, da man glaubt, der mainstream habe "ausnahmsweise" mal "den Richtigen" am Wickel, hat man sich schon selbst dabei ertappt, dem System auf den Leim zu gehen.

Einen wichtigen Hinweis, daß man - nebenbei bemerkt: gerade auch als Libertärer - das Thema Linkspartei durchaus ambivalent sehen muß, gab ausgerechnet der Rechtskonservative Peter Gauweiler in der FAZ vom Montag ("Fremde Federn"):

"Der von Gysi nach der Wende für die PDS gewählte Begriff der „Nachfolgepartei der SED“ ist fragwürdig, weil das, was die SED gekennzeichnet hat, keine „Nachfolge“ haben darf. Wenn es einen Grund gab, eine förmliche Koalition mit der PDS grundsätzlich zu verweigern, dann lag es im Anstößigen dieser Nachfolge und nicht, dass heute Lafontaine und Gysi Einwände gegen den EU-Vertrag von Lissabon erheben (das macht der Präsident des Bundesverfassungsgerichts auch) und dass sie nichts von den Bundeswehreinsätzen im ehemaligen Jugoslawien und Afghanistan halten (das tun die Deutschen mehrheitlich)."

Das sind klare Worte. Gegen Sowjeteuropa à la Lissabon und Remilitarisierung à la Jung (im Äußeren) und Schäuble (im Inneren) sind aber nicht nur Gysi, Gauweiler und - da der Hinweis sicher von hinterwestlerisch gestimmten Kommentarrülpsern sowieso kommen wird - ja, auch die NPD (solange sie selbst nicht an der Macht ist), sondern eben auch und zuallererst alle authentischen Erzliberalen, die sich an Cobden, Bastiat, Eugen Richter und Ludwig von Mises orientieren. Das heißt nun nicht, daß man mit Reaktionären, Kommunisten und Nazis irgendwelche Querfronten Grevenbroicher Provenienz bilden müsse. Die Roten und Braunen werden ja nicht schöner, nur weil die demokratische Mitte häßlicher wird. Aber es dient der Klärung der Verhältnisse. Im Kampf zwischen selbsternannten Demokraten und sogenannten Extremisten ist Libertären zum Disengagement zu raten. In Familienstreitigkeiten mischt man sich nicht ein, das gilt im Kleinen wie im Großen.

Freitag, März 14, 2008

Sozialistische Lüge besser als bourgeoise Halbwahrheit!

Bürgerlich-neoliberale Ideologen brauchen den Staat tatsächlich als Machtdurchsetzungsagentur der Elite gegen die plebejischen Massen. Das ist leider kein gepflegtes sozialistisches Vorurteil, sondern empirische Tatsache. Die Debatten in der Blogosphäre legen beredtes Zeugnis ab. Klassendünkel.


Inzwischen ist mir eine faustdicke sozialistische Lüge lieber als die feiste neoliberale Verschlagenheit, die als selektiver Anti-Etatismus (dort, wo der Staat als "maternalistisch" zugunsten des unteren Drittels wahrgenommen wird) umherschleicht, welche handkehrum die paternalistische Seite des Kriegs- und Überwachungsstaates vermöge der beim Pöbel eingesparten Ressourcen auszubauen sich anschickt.

Donnerstag, Februar 07, 2008

Vulgär-libertär

Ein Lehrfilm (Empfehle aber, diese schreckliche Musik während des Abspielens abzustellen):

Samstag, Januar 19, 2008

Neoliberalismus: Was gut war, war nicht neu, was neu war, war nicht gut

Der als tagespolitisch entwerteter Kampfbegriff zum verbalen Schlagetot avancierte "Neoliberalismus" ist nicht zuletzt auch auf diesem Blog schon erschöpfend behandelt und an anderer Stelle genüßlich persifliert worden. Dennoch sei heute noch einmal auf einen den Stand der Debatte sehr schön zusammenfassenden Artikel mit dem Titel "Feindbild Neoliberalismus" verwiesen, den Robert Nef für die Schweizer Monatshefte verfaßt hat, deren Januar-Ausgabe sich mit dem Schwerpunktthema "Jenseits von Liberalismus light" beschäftigt. Der Begriffsbildung "neo-liberal" mögen höchst schätzens- und ehrenwerte Absichten zugrundegelegen haben, in der Retrospektive muß man jedoch zu dem Schluß kommen, daß diese - als Chiffre für ein diffus staatstolerantes Ideenkonglomerat - sich als untauglich erwiesen hat, dem liberalen Gedankengut zu neuer Strahlkraft zu verhelfen. Robert Nef schreibt:


"Der Begriff Neoliberalismus ist auf den ersten Blick denkbar schlecht gewählt. Er wurde ursprünglich in der Zwischenkriegszeit von einer Gruppierung von Liberalen verwendet, die sich vom Laisser faire-Liberalismus des 18. und 19. Jahrhunderts (polemisch auch Paläo-Liberalismus genannt) bewusst abgrenzen wollten. Die teils resignierten und teils von Krieg und Krise geschockten Anhänger des Freihandels und freiheitlicher politischer Strukturen rangen damals — vor allem in Deutschland — um eine modifizierte und konsensfähige Form des klassischen Laisser faire - Modells. Tatsächlich zeigt sich rückblickend, dass das wirklich Neue daran nicht gut war und das wirklich Gute nicht neu."


Zum Thema "Jenseits von Liberalismus light" findet am Dienstag, dem 22.01.08 ab 18.30 Uhr eine für alle offene Vernissage des Liberalen Instituts im sirupspace in Zürich statt - man sieht sich dort!

Mittwoch, Januar 09, 2008

Aufs falsche Pferd gesetzt

Die schlüpfrigen Details aus Sarkos turbulentem Privatleben, die derzeit die Gemüter der yellow press und damit die Mehrheit des Wahlvolkes (also jener Affenherde, die man in Demokratien speichelleckerisch den „Souverän“ zu nennen pflegt) beschäftigen, lassen leicht in Vergessenheit geraten, daß der Herrscher im Élysée-Palast inzwischen eine weit weniger beachtete, aber dennoch dramatische Kehrtwende gegenüber seinen dezidiert „prowestlich-liberalen“ Wahlversprechen vollzogen hat. Sein Image als reformfreudiger Marktwirtschaftler und rigoroser Menschenrechtler hat in den letzten Monaten mehr als nur Kratzer abbekommen.

Am 15. Dezember des zurückliegenden Jahres konstatierte Michaela Wiegel in der FAZ unter dem Titel „Sarkozys entwertete Wertediplomatie“,

„dass der Präsident die „Wertediplomatie“ einem Geschäftspragmatismus geopfert hat, der Verstimmungen über demokratische Grundsätze meidet.“
Sarkozy würde die demokratische Meßlatte allenthalben so niedrig legen, daß alle möglichen afrikanischen und arabischen Potentaten locker drüberspringen könnten, beklagt die FAZ-Leitartiklerin. Der Grund dafür dürfte in Sarkozys wohl unvermeidlicher Orientierung an den traditionellen Vorlieben der französischen classe politique für Merkantilismus, Zentralismus und dem, was man in Frankreich „le dirigisme“ nennt, gesucht werden.
„Die Zugeständnisse an die Herrscher über öl- und rohstoffreichen Staaten scheinen vielmehr einem mangelnden Vertrauen in die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Außenwirtschaft zu entspringen. Sarkozy hängt dem dirigistischen Staatsglauben an, dass die Unternehmen ihre Geschäfte nicht ohne ihn schaffen. Er bleibt in der Außenpolitik der französischen Tradition stärker verhaftet, als es im Wahlkampf den Anschein hatte.“
Von diesem Anschein haben sich vornehmlich einige Westler-Blogger blenden lassen. Es steht zu befürchten, daß deren Parteinahmen im langsam auf Touren kommenden amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf sich früher oder später als von ähnlicher Art und Güte erweisen werden wie die hoffnungsfrohen Positionsbezüge im französischen Schaulaufen vom Vorjahr. Die krypto-liberalen Minimaletatisten werden aus der sich endlos wiederholenden Serie ihrer Ent-Täuschungen kaum die richtigen Schlüsse ziehen. Anstatt dem demokratischen Köhlerglauben hinterherfrömmelnd immer wieder von irgendeinem Wahlzirkus eine Besserung der Lage hier oder an irgendeinem anderen Ort dieses Planeten zu erhoffen, endlich einmal aus Erfahrung zu lernen - das wäre wohl zuviel verlangt. Und anstatt dem antipolitischen Purismus der „Hardcore-Libertären“ irgendwann doch noch mal zumindest mit etwas weniger Arroganz begegnen wird man unentwegt so weitermachen wie bisher und Scheiße nach Geruch sortieren. Parole: „Aber diesmal klappt’s!“- mit der liberalen Politik, dem kreisförmigen Quadrat. Sancta simplicitas! Vermutlich trifft auch hier ein abgewandeltes Davila-Zitat zu: Der Libertäre hat immer recht, der Etatist triumphiert immer. Recht haben heißt in der Politik nicht, die Szene zu beherrschen, sondern vom ersten Akt an die Leichen des fünften vorherzusagen.

Freitag, Oktober 12, 2007

Aus dem Archiv: Ralph Raico über die Geschichte des Liberalismus

Nachdem Herr Lichtschlag schon seit längerem meint, er müsse sein Magazin auf "JF light" trimmen, die wie immer verhuscht-leisetreterischen Hayekianer nicht nur einen übertrieben elitären Habitus pflegen und zudem ihre Schriften immer so unerschwinglich machen, als enthielten sie Geheimwissen, auf daß sie möglichst keine junge und breite Leserschaft erreichen mögen, die Jungs von Liberty.li sich auch nicht mehr der Pflege des Liberalismus widmen wollen und nur durch meine Intervention Blankertz' Libertäres Manifest (ein ganz wichtiger Grundlagentext! Die von Rothbard sind ja außerdem weitgehend vergriffen, aber auch das juckt niemanden, dafür befassen wir uns ja in Liberalistan mit Eva Herman und Ellen Kositza!) von den Freiheitsfabrikanten wieder online gestellt wurde, und zu allem Unglück das Antibuerokratieteam mit den ausgewiesenen "chicken hawks" Statler & Waldorf fusioniert hat und dadurch das linksetatistische Feindbild (Neocons = Neoliberale = Bonzenschweine) zu bestätigen sich alle Mühe gibt, scheint es so, als ob mein Blog und kongenial Paxx.tv die letzten Mohikaner sind, die sich einen radikalen, ja revolutionären Liberalismus zu verbreiten und weiterzuentwickeln, ja, überhaupt erst wiederzuentdecken, zur Aufgabe gemacht haben. Alle anderen wenden sich ihren Hobbys zu, den Kampf um die Freiheit hat man in der "Szene" weitgehend aufgegeben. Die einen (rechtsreaktionäre Kulturkämpfer, siehe neueste Entgleisungen auf ef-online) wollen um jeden Preis anecken, die anderen (gradualismusbesoffene technokratiehörige Reform-Etatisten) um jeden Preis zum Establishment dazugehören. Auf Grundsätze ist hier wie da geschissen. Die kulturkonservative Attitüde ist beiden Varianten der Fahnenflucht vor dem Kampf gegen die antiliberalen Fortschrittsfeinde gemeinsam. Will mich aber zwischen zwei Chauvi-Varianten, ob ich lieber was gegen "Neger" (die ich diskriminieren muß) oder gegen "Musels" (die ich bombardieren muß) habe, nicht entscheiden müssen. Sorry, Leute! Mich könnt's Ihr alle mal kreuzweise! Mir reicht's nämlich!

Auf diesem Blog werden auch in Zukunft freiheitliche Texte veröffentlicht. Heute: Ein Aufsatz von Prof. Dr. Ralph Raico über den klassischen Liberalismus.


Die Geschichte des Liberalismus*

Von Ralph Raico

Klassischer Liberalismus - oder einfach Liberalismus, wie er bis etwa zur Jahrhundertwende genannt wurde - ist die kennzeichnende politische Philosophie der westlichen Zivilisation. Hinweise auf die liberale Idee werden auch in anderen bedeutenden Kulturen gefunden. Aber es war die besondere Gesellschaft, die sich in Europa - und seinen Außenposten, vor allem Amerika - entwickelte, welche als Nährboden des Liberalismus diente. Umgekehrt wurde diese Gesellschaft entscheidend durch die liberale Bewegung geprägt.

Dezentralisierung und Gewaltentrennung sind die Kennzeichen der europäischen Geschichte. Nach dem Fall Roms gelang es keinem Imperium mehr, den Kontinent zu beherrschen. Statt dessen wurde Europa zu einem komplexen Mosaik miteinander wetteifernder Nationen, Fürstentümer und Stadtstaaten. Die verschiedenen Herrscher fanden sich im Wettbewerb miteinander wieder. Wenn einer von ihnen wagte, räuberisch hohe Steuern zu verlangen oder Eigentum willkürlich zu konfiszieren, so musste er damit rechnen, seine produktivsten Bürger zu verlieren, welche zusammen mit ihrem Kapital "austreten" konnten. Die Könige fanden auch mächtige Rivalen in ehrgeizigen Baronen und in, von einer internationalen Kirche gestützten, religiösen Autoritäten. Es entstanden Parlamente, welche die Steuergewalt des König begrenzten, sowie freie Städte mit speziellen Privilegien, welche die Leitung der Händlerelite überließen.

Im Mittelalter hatten viele Teile Europas, vor allem im Westen, eine Kultur entwickelt, die Besitzrechten und Handel freundlich gesinnt war. Auf philosophischer Ebene lehrte die Doktrin des Naturrechts - die von den stoischen Philosophen des alten Griechenland und Roms abgeleitet war -, dass das Naturrecht unabhängig von den Entwürfen der Menschen existierte und dass die Herrscher den ewigen Gesetzen der Gerechtigkeit unterworfen waren. Die Doktrin des Naturrechts wurde von der Kirche hoch gehalten und an den großen Universitäten verkündet, von Oxford und Salamanca bis nach Prag und Krakau.

Am Anfang der Moderne begannen die Herrscher, sich der uralten, traditionellen Einschränkungen ihrer Macht zu entledigen. Königlicher Absolutismus wurde zur wesentlichen Tendenz dieser Zeit. Die Könige Europas behaupteten nun, dass Gott sie auserwählt habe, um die Quelle allen gesellschaftlichen Lebens und aller Aktivitäten zu sein. In Folge dessen versuchten sie, die Religion, Kultur, Politik und vor allem das wirtschaftliche Leben der Menschen zu steuern. Um ihre blühende Bürokratien und die ständigen Kriege zu finanzieren, wurden immer höhere Steuersätze nötig, und sie versuchten, diese auf bisher ungekannte Wege aus ihren Untertanen herauszupressen.

Das erste Volk, das sich gegen dieses System erhob, waren die Niederländer. Nach einem jahrzehntelangen Kampf errangen sie ihre Unabhängigkeit von Spanien und gründeten ein einzigartiges politisches Gemeinwesen. Die Vereinigten Provinzen, wie der radikal dezentralisierte Staat genannt wurde, hatten weder König noch allzu viel Macht auf Bundesebene. Geld verdienen war die Leidenschaft dieser geschäftigen Handwerker und Händler: Sie hatten keine Zeit, Ketzer zu jagen oder neue Ideen zu unterdrücken. Dadurch kam es de facto zu religiöser Toleranz und einer weit reichenden Pressefreiheit. Die Niederländer schufen ein Rechtssystem, welches auf der Herrschaft des Rechts sowie der Heiligkeit von Besitz und Verträgen basierte. Die Steuern waren niedrig, und jeder arbeitete. Das niederländische "Wirtschaftswunder" war das Wunder des damaligen Zeitalters. Aufmerksame Beobachter in ganz Europa nahmen den niederländischen Erfolg mit großem Interesse zur Kenntnis.

Eine Gesellschaft, die in vielerlei Hinsicht der Hollands ähnlich war, hatte sich jenseits der Nordsee entwickelt. Im 17. Jahrhundert war auch England durch das Haus der Stuarts vom Absolutismus bedroht. Die Reaktion darauf war Revolution, Bürgerkrieg, ein König wurde geköpft, ein weiterer aus dem Amt gejagt. Im Laufe dieses tumulthaften Jahrhunderts erschienen die ersten Bewegungen und Denker, die eindeutig als liberal bezeichnet werden können.

Nachdem der König gegangen war, entstand eine neue radikale Gruppe aus der Mittelschicht, die Leveller. Sie vertraten die Meinung, dass nicht einmal das Parlament das Recht besäße, die natürlichen, von Gott gegebenen Rechte der Menschen widerrechtlich an sich zu reißen. Religion, behaupteten sie, sei eine Sache individuellen Gewissens: Sie sollte in keiner Beziehung zum Staat stehen. Vom Staat garantierte Monopole seien gleichermaßen eine Verletzung natürlicher Freiheit. Eine Generation später entwickelte John Locke, basierend auf der Tradition des Naturrechts, welches von den Theologen der Scholastik am Leben erhalten und weiter ausgefeilt worden war, ein mächtiges liberales Modell des Menschen, der Gesellschaft und des Staates. Jeder Mensch, meinte er, sei von Geburt an mit bestimmten natürlichen Rechten ausgestattet. Dazu gehört sein Grundrecht auf "property" (Eigentum) - das bedeutet: sein Leben, Freiheit und materielle Güter. Die Aufgabe der Regierung sei es einfach, sein Recht auf Eigentum zu schützen. Sobald eine Regierung Krieg gegen die natürlichen Rechte der Menschen führt, anstatt sie zu beschützen, dürfen die Menschen die Regierung ändern oder abschaffen. Die Lockesche Philosophie war viele Generationen lang in England einflussreich. Zur rechten Zeit sollte sie ihre größten Wirkung schließlich in den englischsprachigen Kolonien in Nordamerika entfalten.

Die Gesellschaft, die in England nach dem Sieg über den Absolutismus entstand, erzielte erstaunliche Erfolge im wirtschaftlichen und im kulturellen Leben. Denker aus Kontinentaleuropa, vor allem aus Frankreich, begannen, sich dafür zu interessieren. Einige von ihnen, wie etwa Voltaire und Montesquieu, besuchten England, um sich selbst ein Bild zu machen. Genau so wie einst Holland als Modell gedient hatte, begann nun das Beispiel Englands ausländische Philosophen und Staatsmänner zu beeinflussen. Die Dezentralisierung, welche immer ein Kennzeichen Europas gewesen war, gestattete es dem englischen "Experiment", stattzufinden, und sein Erfolg spornte andere Nationen an.

Im 18. Jahrhundert entdeckten Denker eine bemerkenswerte Tatsache über das gesellschaftliche Leben: Unter der Voraussetzung, dass den Menschen ihre natürlichen Rechte garantiert sind, regiert sich die Gesellschaft mehr oder weniger selbst. In Schottland entwarfen einige brillante Autoren wie etwa David Hume und Adam Smith die Theorie einer spontanen Evolution gesellschaftlicher Einrichtungen. Sie zeigten, wie immens komplexe und lebenswichtige Institutionen - Sprache, Moral, das allgemeine Gesetz und vor allem der Markt - sich nicht nur als Produkt der Planung von "Sozial-Ingenieuren" entwickeln, sondern als Resultat der Interaktionen aller Mitglieder der Gesellschaft, welche ihre individuell unterschiedlichen Ziele verfolgen, entstehen.

In Frankreich kamen Ökonomen zu ähnlichen Schlüssen. Der größte von ihnen, Turgot, postulierte die logische Grundlage des freien Markts mit folgenden Worten: "Der richtige Weg ist es daher, dem Lauf der Natur zu folgen, ohne vorzugeben, ihn zu steuern. Um Handel und Kommerz zu steuern, wäre es notwendig, über solch detailliertes Wissen über all die verschiedenen Bedürfnisse, Interessen und menschlichen Tätigkeiten zu verfügen, dass es selbst für die fähigste, aktivste und detaillierteste Regierung schlichtweg unmöglich wäre, ein solches zu erwerben. Und selbst wenn eine Regierung über eine solche Vielfalt an detailliertem Wissen verfügte, würde sie zu dem Schluss kommen, die Dinge so laufen zu lassen, wie sie es von selbst tun, einzig durch die im freien Wettbewerb hervorgerufenen Handlungen von Menschen, die ihrem Interesse folgen."

Die französischen Ökonomen prägten einen Begriff für die Politik der Freiheit im wirtschaftlichen Leben: Sie nannten ihn laissez-faire. Inzwischen hatten seit dem 17. Jahrhundert Kolonisten, die vor allem aus England gekommen waren, an der Ostküste Nordamerikas eine neue Gesellschaft begründet. Unter dem Einfluss der Ideen, welche die Kolonisten mit sich gebracht hatten, und der Institutionen, welche sie entwickelt hatten, entstand ein einzigartiger Lebensstil. Es gab keinen Adel und kaum eine Regierung. Anstatt politische Macht anzustreben, arbeiteten die Kolonisten, um eine anständige Existenz für sich selbst und ihre Familien aufzubauen.

Äußerst unabhängig, widmeten sie sich auch dem friedlichen - und profitablen - Austausch von Gütern. Ein komplexes Handelsnetzwerk formte sich, und in der Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Kolonisten bereits wohlhabender als alle anderen einfachen Bürger der Welt. Selbsthilfe war auch das Leitmotiv, was spirituelle Werte betraf. Kirchen, Colleges, Büchereien, Zeitungen, Vortragsinstitute und kulturelle Vereinigungen blühten dank der freiwilligen Zusammenarbeit der Bürger.

Als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach, war die vorherrschende Ansicht über die Gesellschaft, dass sie sich im Prinzip selbst regierte. Mit den Worten Tom Paines: "Formelle Regierung macht höchstens einen kleinen Teil des zivilisierten Lebens aus. Diese großartigen und fundamentalen Prinzipien der Gesellschaft und der Zivilisation - der nie endende Kreislauf von Interessen, welcher durch seine Millionen Kanäle die gesamte Masse der zivilisierten Menschheit belebt - diese Dinge sind es unendlich mehr als jede Maßnahme, die auch die beste Regierung ergreifen kann, von denen die Sicherheit und das Wohlergehen sowohl des Individuums als auch der Gesamtheit abhängen. Die Gesellschaft leistet selbst beinahe alles, was der Regierung zugeschrieben wird. Die Regierung ist nur notwendig, um die wenigen Aufgaben zu übernehmen, zu welchen Gesellschaft und Zivilisation nicht unmittelbar kompetent genug sind."

Mit der Zeit würde diese neue Gesellschaft, welche auf der Philosophie natürlicher Rechte gegründet war, der Welt als ein noch leuchtenderes Beispiel für Liberalismus dienen, als es vor ihr Holland und England getan hatten.

Triumphe und Herausforderungen
Am Anfang des 19. Jahrhunderts war der klassische Liberalismus - oder kurz Liberalismus, wie die Philosophie der Freiheit damals genannt wurde - das Gespenst, welches Europa heimsuchte - und die Welt. In jedem entwickelten Land war die liberale Bewegung aktiv.

Vorwiegend aus der Mittelschicht stammend, umfasste sie Menschen verschiedener Religionen und philosophischer Hintergründe. Christen, Juden, Deisten, Agnostiker, Anhänger des Utilitarismus oder des Naturrechts, Freidenker und Traditionalisten, sie alle hielten es für möglich, für ein fundamentales Ziel zu arbeiten: den Freiraum der Gesellschaft zu erweitern und den Raum von Zwang und Staat zu verkleinern.

Die Schwerpunkte variierten in den verschiedenen Ländern. In einigen, etwa den mittel- und osteuropäischen Ländern, forderten die Liberalen den Rückzug des absolutistischen Staates und sogar der Überbleibsel des Feudalismus. Dieser Zielsetzung gemäß konzentrierte sich der Kampf auf das Recht auf Privateigentum an Land, Religionsfreiheit und die Abschaffung der Leibeigenschaft. In Westeuropa hatten die Liberalen oft für Freihandel, Pressefreiheit und die Herrschaft des Rechts als Souverän über die Funktionäre des Staates zu kämpfen.

In Amerika, dem Musterbeispiel eines liberalen Landes, bestand das wichtigste Ziel darin, das Eindringen der Regierungsgewalt abzuwehren, wie es durch Alexander Hamilton und seine auf Zentralisierung bedachten Nachfolgern vorangetrieben wurde, und schließlich etwas gegen den größten Schandfleck zu unternehmen - die Sklaverei.

Vom Standpunkt des Liberalismus hatten die Vereinigten Staaten von Beginn an bemerkenswert viel Glück. Ihr Gründungsdokument, die Unabhängigkeitserklärung, war von Thomas Jefferson geschrieben worden, einem der führenden liberalen Denker seiner Zeit. Diese Deklaration versprühte die Vision einer Gesellschaft, die aus Individuen bestand, welche über ihre natürlichen Rechte verfügten und ihre selbstgewählten Ziele verfolgten. In der Verfassung und der Bill of Rights schufen die Gründer ein System, in welchem die Macht durch verschiedene Einschränkungen geteilt, begrenzt und eingeschlossen sein würde, während sich die Individuen durch Arbeit, Familie, Freunde, Weiterbildung und ein dichtes Netzwerk freiwilliger Verbindungen auf ihre Suche nach Erfüllung begeben würden. Wie europäische Reisende mit Ehrfurcht bemerkten, konnte man sagen, dass in diesem neuen Land so etwas wie Regierung kaum existent war. Dies war das Amerika, welches ein Modell für die Welt wurde.

Einer, der Jeffersons Tradition im frühen 19. Jahrhundert fortsetzte, war William Leggett, ein in New York ansässiger Journalist und Parteigänger Andrew Jacksons, der gegen die Sklaverei entrat. Leggett erklärte:

"Alle Regierungen sind zum Schutz von Person und Eigentum eingesetzt; die Menschen delegieren an ihre Herrscher nur jene Befugnisse, welche hierfür unbedingt notwendig sind. Das Volk will nicht, dass die Regierung ihre Privatsachen reguliert oder ihnen vorschreibt, wie ihre Unternehmungen abzulaufen haben und wie viel Profit dabei herauskommen soll. Schützt Personen und ihr Eigentum, und der Rest ist ihre eigene Angelegenheit."

Diese Laissez-faire-Philosophie wurde die felsenfeste Überzeugung unzähliger Amerikaner aller Schichten. In den nachfolgenden Generationen fand sie ein Echo in den Werken liberaler Autoren wie R. L. Godkin, Albert Jay Nock, H. L. Mencken, Frank Chodorov und Leonard Read. Für den Rest der Welt war dies die besondere, charakteristische amerikanische Perspektive.

Mittlerweile machte der wirtschaftliche Fortschritt, der in der westlichen Welt langsam ins Rollen gekommen war, einen großen Sprung vorwärts. Zuerst in Großbritannien, dann in Amerika und Westeuropa veränderte die Industrielle Revolution das Leben der Menschen wie kein anderes Ereignis seit der Jungsteinzeit. Nun war es der großen Mehrheit der Menschheit möglich, dem undenklichen Elend zu entgehen, welches sie im Laufe der Zeit als ihr unabänderliches Schicksal akzeptieren gelernt hatten. Jetzt war es vielen Millionen, die in der ineffizienten Wirtschaft der alten Ordnung zu Grunde gegangen wären, möglich zu überleben. Während die Bevölkerung Europas und Amerikas auf bisher unerreichtes Niveau anwuchs, erreichten die neuen Massen Schritt für Schritt einen Lebensstandard, wie er früher für Angehörige der Arbeiterklasse unvorstellbar gewesen war.

Die Geburtsstunde der industriellen Ordnung wurde von wirtschaftlichen Verschiebungen begleitet. Wie hätte es sonst sein sollen? Die Ökonomen, die dem freien Markt anhingen, predigten die Lösung: Sicherung von Eigentum und Hartgeld, um die Formierung von Kapital zu begünstigen, Freihandel, um die Effizienz der Produktion zu maximieren, und ein klares Feld für Unternehmer, die bereit waren, Innovationen zu erbringen. Aber Konservative, welche sich in ihrem uralten Status bedroht fühlten, initiierten einen Angriff auf das neue System und verursachten damit den schlechten Ruf der Industriellen Revolution, welchen sie niemals überwand. Bald wurde der Angriff hämisch von Gruppen sozialistischer Intellektueller aufgenommen.

Dennoch eilten die Liberalen in der Mitte des Jahrhunderts von Sieg zu Sieg. Verfassungen, welche Grundrechte garantierten, wurden angenommen, Rechtssysteme, welche die Herrschaft des Rechts und Eigentumsrechte fest verankerten, wurden eingeführt, und der Freihandel blühte. Es entstand eine Weltwirtschaft auf der Basis des Goldstandards.

Es gab auch auf der intellektuellen Front Fortschritte. Nachdem er die Kampagne zur Abschaffung der englischen Getreidegesetze angeführt hatten, entwickelte Richard Cobden die Theorie der Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Länder als Fundament des Friedens. Frédéric Bastiat brachte die Situation von Freihandel, Nichtintervention und Frieden in eine klassische Form. Liberale Historiker wie Thomas Macaulay und Augustin Thierry zeigten die Wurzeln der Freiheit im Westen auf. Später im Laufe des Jahrhunderts wurde mit der von Carl Menger begründeten Österreichischen Schule der Nationalökonomie die ökonomische Theorie des freien Marktes auf ein sicheres wissenschaftliches Fundament gestellt.

Die Beziehung des Liberalismus zur Religion stellte ein besonderes Problem dar. In Kontinentaleuropa und Lateinamerika benutzten frei denkende Liberale manchmal die Macht des Staates, um den Einfluss der katholischen Kirche zu beschneiden, während einige katholische Führer überkommenen Ideen theokratischer Kontrolle nachhingen. Aber liberale Denker wie Benjamin Constant, Alexis de Tocqueville und Lord Acton dachten über solche sinnlosen Dispute hinaus. Sie betonten die eminente Rolle, welche die Religion, von Regierungsgewalt getrennt, beim Eindämmen des Wachstums des zentralisierten Staates spielen könnte. Auf diese Weise legten sie den Grundstein für die Versöhnung von Freiheit und religiösem Glauben.

Aus noch unbekannten Gründen wandte sich das Blatt dann gegen die Liberalen. Zum Teil liegt dies sicher an der neuen Klasse von Intellektuellen, die sich überall ausbreitete. Dass sie ihre eigene Existenz dem Wohlstand verdankten, der erst durch das kapitalistische System möglich geworden war, hielt die meisten von ihnen nicht davon ab, unaufhörlich am Kapitalismus zu nagen und ihn für jedes Problem verantwortlich zu machen, welches sie in der modernen Gesellschaft ausfindig machen konnten.

Gleichzeitig wurde freiwilligen Lösungen für diese Probleme durch Staatsfunktionäre zuvorgekommen, welche ihren Einfluss vergrößern wollten. Das Erstarken der Demokratie mag ebenfalls zur Abnahme des Liberalismus beigetragen haben, weil sie ein uraltes Merkmal der Politik noch verstärkte: den Wettlauf um besondere Privilegien. Unternehmen, Gewerkschaften, Bauern, Bürokraten und andere Interessensgruppen wetteiferten um staatliche Privilegien - und fanden intellektuelle Demagogen, die ihre Plünderungen ideologisch begründeten. Die staatliche Kontrolle nahm zu, auf Kosten des "vergessenen Mannes", wie William Graham Sumner bemerkte - des stillen, produktiven Individuums, der von der Regierung nichts verlangt und durch seine Arbeit das System am Leben erhält.

Am Ende des Jahrhunderts wurde der Liberalismus von allen Seiten attackiert. Nationalisten und Imperialisten verdammten ihn, weil er zu einem langweiligen Frieden zwischen den Nationen anstelle von männlicher und belebender Kriegslust führte. Sozialisten griffen ihn an, weil er das "anarchische" System des freien Marktes anstelle "wissenschaftlicher" zentraler Planung propagierte. Sogar religiöse Führer brachten den Liberalismus wegen seines angeblichen Egoismus und Materialismus in Verruf. In Amerika und Großbritannien entwickelten Sozialreformer am Ende des Jahrhunderts einen besonders schlauen Schachzug. Anderswo wären diese Befürworter staatlicher Interventionen und Zwangsmitgliedschaft in Gewerkschaften "Sozialisten" oder "Sozialdemokraten" genannt worden. Aber da die anglophonen Völker aus irgend einem Grund eine Aversion gegen diese Begriffe zu haben schienen, rissen sie sich die Bezeichnung "liberal" unter den Nagel.

Obgleich sie bis zum Ende kämpften, herrschte bei den letzten der großen authentischen Liberalen eine Stimmung der Niedergeschlagenheit vor. Als Herbert Spencer in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts zu schreiben begann, erwartete er ein Zeitalter universellen Fortschritts, in welchem der Zwangs-Staatsapparat praktisch verschwinden würde. 1884 verfasste Spencer schließlich einen Aufsatz mit dem Titel "The Coming Slavery" ("Die kommende Sklaverei"). 1898 war William Graham Sumner, ein amerikanischer Anhänger Spencers, Freihändler und Befürworter des Gold-Standards, bestürzt, dass Amerika mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg den Weg des Imperialismus und der globalen Verstrickung einschlug. Erbittert, betitelte er seine Antwort auf diesen Krieg "The Conquest of the United States by Spain" ("Die Eroberung der Vereinigten Staaten durch Spanien").

Überall in Europa kehrte man zur Politik des Absolutismus zurück und die staatlichen Bürokratien wuchsen. Zur selben Zeit führten eifersüchtige Rivalitäten unter den Großmächten zu einem rasenden Wettrüsten, und die Kriegsgefahr nahm immer deutlichere Züge an. 1914 entzündete sich der Funke an einem serbischen Attentäter, die aufgeheizten Animositäten und Verdächtigungen explodierten, und es kam zum bis zu diesem Zeitpunkt zerstörerischsten Krieg der Geschichte. 1917 führte ein amerikanischer Präsident, der gerne eine Neue Weltordnung errichten wollte, sein Land in den mörderischen Konflikt. "Krieg ist die Gesundheit des Staates", warnte der radikale Autor Randolph Bourne. Es zeigte sich, dass er recht hatte. Zum Zeitpunkt, als das Schlachten ein Ende hatte, glaubten viele, dass der Liberalismus im klassischen Sinne ausgedient hätte.

Das 20. Jahrhundert
Der Erste Weltkrieg war der Wendepunkt des zwanzigsten Jahrhunderts. Als Produkt anti-liberaler Ideen und anti-liberaler Politik, wie Militarismus und Protektionismus, förderte der Krieg Etatismus in jeder Form. In Europa und Amerika beschleunigte sich der Trend zu staatlicher Intervention, indem die Regierungen zum Militär einzogen, zensierten, Schuldenberge anhäuften, Unternehmen und Arbeiterschaft vereinnahmten und die Kontrolle über die Wirtschaft übernahmen. Überall sahen "progressive" Intellektuelle ihre Träume wahr werden. Der alte Laissez-faire-Liberalismus erklärten sie hämisch für tot; die Zukunft gehörte dem Kollektivismus. Die einzige Frage schien zu sein: Welche Art von Kollektivismus?

In Russland ermöglichten die Kriegswirren einer kleinen Gruppe von marxistischen Revolutionären, die Macht zu ergreifen und ein Hauptquartier für die Weltrevolution aufzubauen. Im 19. Jahrhundert heckte Karl Marx eine sekuläre Religion mit starker Anziehungskraft aus. Sie versprach die endgültige Befreiung der Menschheit durch Ersetzen der komplexen, oft unverständlichen Welt der Marktwirtschaft durch gewissenhafte, "wissenschaftliche" Kontrolle. Die Umsetzung des marxistischen Wirtschaftsexperiments durch Lenin und Trotzki in Russland endete in einer Katastrophe. In den nächsten 70 Jahren torkelten rote Regenten von einer unausgegorenen Lösung zur nächsten. Aber Terror hielt sie fest im Sattel, und die kolossalste Propagandamaschinerie der Geschichte überzeugte sowohl Intellektuelle im Westen als auch in der aufkommenden Dritten Welt, dass der Kommunismus tatsächlich "die strahlende Zukunft der gesamten Menschheit" war.

Die Friedensverträge, die von Präsident Woodrow Wilson und den anderen Führern der Alliierten zusammengebastelt worden waren, machten Europa zu einem von Ressentiments und Hass schäumenden Kessel. Verleitet durch nationalistische Demagogen und in Furcht vor der kommunistischen Bedrohung wandten sich Millionen Europäer den Formen der Staatsverehrung zu, die man Faschismus und National-Sozialismus oder Nazismus nennt. Obwohl von wirtschaftlichen Fehlern durchlöchert, versprachen diese Doktrinen Wohlstand und nationale Macht durch vollkommene staatliche Kontrolle der Gesellschaft, während sie mehr und größere Kriege vorbereiteten.

In den demokratischen Ländern waren mildere Formen des Etatismus die Regel. Die heimtückischste war die Form, die in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in Deutschland erfunden worden war. Dort schuf Otto von Bismarck, der Eiserne Kanzler, eine Reihe von Versicherungsanstalten für hohes Alter, Behinderung, Unfälle und Krankheiten, die vom Staat betrieben wurden. Die deutschen Liberalen dieser Zeit argumentierten, dass solche Vorhaben schlicht und einfach eine Rückkehr zum Paternalismus absolutistischer Monarchien darstellten. Bismarck behielt jedoch die Oberhand, und seine Erfindung - der Wohlfahrtsstaat - wurde schließlich überall in Europa kopiert, auch in den totalitären Staaten. Mit dem New Deal kam das Konzept des Wohlfahrtsstaates nach Amerika.

Dennoch blieben Privateigentum und freier Austausch die grundlegenden Organisationsprinzipien der westlichen Volkswirtschaften. Wettbewerb, Profit, die Akkumulation von Kapital (einschließlich Humankapitals), Freihandel, die Perfektionierung der Märkte, zunehmende Spezialisierung - all dies trug zur Effizienz, zum technischen Fortschritt und damit zum höheren Lebensstandard der Bevölkerung bei. Diese kapitalistische Produktivitätsmaschine erwies sich als derart kraftvoll und widerstandsfähig, dass die weit verbreiteten staatlichen Interventionen, Zwangsmitgliedschaft in Gewerkschaften und sogar durch die Regierungen verursachte Wirtschaftskrisen und Kriege das wirtschaftliche Wachstum auf lange Sicht nicht beeinträchtigen.

Die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts stellten den Tiefpunkt der klassisch-liberalen Bewegung dieses Jahrhunderts dar. Besonders nach Eingriffen der Regierung in das monetäre System, welche zum Crash von 1929 und zur Weltwirtschaftskrise führten, herrschte die Meinung vor, dass der kompetitive Kapitalismus und mit ihm die liberale Philosophie am Ende waren.

Man könnte sagen, dass der klassische Liberalismus im Jahre 1922 wiedergeboren wurde, als der österreichische Ökonom Ludwig von Mises das Buch "Sozialismus" veröffentlichte. Mises war nicht nur einer der bedeutendsten Denker des Jahrhunderts, sondern auch ein Mann von unbeirrbarem Mut. In "Sozialismus" warf er den Feinden des Kapitalismus den Fehdehandschuh vor die Füße. Im Großen und Ganzen sagte er: "Man kann das System des Privateigentums beschuldigen, alle sozialen Übel zu verursachen, welche nur der Sozialismus heilen kann. Gut. Aber könnten Sie nun etwas tun, was Sie bisher noch nie zu tun gedacht haben: Könnten Sie bitte erklären, wie ein komplexes wirtschaftliches System ohne Märkte und damit ohne Preise für Kapitalgüter funktionieren sollte?" Mises zeigte, dass wirtschaftliche Rechnung ohne Privateigentum unmöglich war und entblößte Sozialismus als leidenschaftliche Illusion.

Indem Mises die vorherrschende Orthodoxie herausforderte, öffnete er vielen Denkern in Europa und Amerika die Augen. F. A. Hayek, Wilhelm Röpke und Lionel Ribbons waren unter denen, welche Mises zum freien Markt bekehrte. Und während seiner äußerst langen Karriere verfeinerte und erneuerte Mises seine ökonomische Theorie und soziale Philosophie, wodurch er als führender klassisch-liberaler Denker des zwanzigsten Jahrhunderts Anerkennung fand.

In Europa und besonders in den Vereinigten Staaten hielten verstreute Einzelpersonen und Gruppen etwas vom alten Liberalismus am Leben. An der London School of Economics und der University of Chicago konnte man sogar in den 1930er und 40er Jahren Akademiker antreffen, die zumindest die grundsätzliche Gültigkeit der Idee des freien Unternehmertums verteidigten. In Amerika überlebte eine bekämpfte Brigade brillanter Schreiber, vor allem Journalisten. Unter ihnen, die nun als "Old Right" bekannt sind, waren Albert Jay Nock, Frank Chodorov, H. L. Mencken, Felix Morley und John T. Flynn. Durch die totalitären Implikationen des New Deal von Franklin Roosevelt aufgeschreckt, brachten diese Autoren wieder den traditionellen amerikanischen Glauben an die Freiheit des Individuums und das spöttische Misstrauen gegenüber der Regierung zum Ausdruck. Sie waren auch gegen Roosevelts Politik der globalen Einmischung, weil es die amerikanische Republik untergrub. Unterstützt von einigen wenigen mutigen Herausgebern und Geschäftsleuten, nährten die "Old Right" die Flamme der Jeffersonschen Ideale während der dunkelsten Tage des New Deal und des Zweiten Weltkriegs.

Am Ende dieses Krieges entstand eine Art Bewegung. Sie war zunächst klein, wuchs dann aber durch Aufnahme verschiedener Strömungen. Hayeks Buch "Road to Serfdom" ("Weg zur Knechtschaft") aus dem Jahre 1944 machte viele Tausende darauf aufmerksam, dass der Westen, indem er sozialistische Politik umsetzte, den Verlust seiner traditionellen freien Zivilisation riskierte. 1946 gründete Leonard Read die Foundation for Economic Education in Irvington, New York, und veröffentlichte die Werke von Henry Hazlitt und anderen Verfechtern des freien Marktes. Mises und Hayek, die nun beide in den Vereinigten Staaten lebten, setzten ihre Arbeit fort. Mises, der als Lehrer unübertroffen war, gründete ein Seminar an der New York University, zu dem es solche Studenten wie Murray Rothbard und Israel Kirzner zog. Rothbard vermählte die Erkenntnisse der österreichischen Ökonomie mit den Lehren des Naturrechts, um eine mächtige Synthese zu erzeugen, die viele junge Menschen ansprach. An der University of Chicago leiteten Milton Friedman, George Stigler und Aaron Director eine Gruppe klassisch-liberaler Ökonomen, deren Spezialgebiet es war, die Mängel der Handlungen der Regierung aufzuzeigen. Die hoch begabte Autorin Ayn Rand brachte betont libertäre Thematiken in ihre gut geschriebene Bestseller ein und begründete sogar eine philosophische Schule.

Die Reaktion auf die Erneuerung des authentischen Liberalismus war auf Seiten des linken - "liberalen" oder, besser gesagt, sozialdemokratischen - Establishment erwartungsgemäß heftig. 1954 gab Hayek beispielsweise einen Band mit dem Titel "Capitalism and the Historians" ("Kapitalismus und die Historiker") heraus, eine Sammlung von Aufsätzen von ausgezeichneten Gelehrten, die gegen die vorherrschende sozialistische Interpretation der Industriellen Revolution argumentierten. Ein wissenschaftliches Journal erlaubte es Arthur Schlesiger Jr., seines Zeichens Harvard-Professor und New-Deal-Fanatiker, das Buch mit folgenden Worten zu verreißen: "Amerikaner haben schon genug Ärger mit einheimischen McCarthys. Sie brauchen keine Wiener Professoren zu importieren, um diesem Prozess akademischen Glanz zu verleihen." Andere Werke versuchte das Establishment durch Totschweigen zu vernichten. Selbst 1962 hatte noch keine einzige prominente Zeitschrift oder Zeitung Friedmans Buch "Capitalism and Freedom" ("Kapitalismus und Freiheit") besprochen. Dennoch stießen die Autoren und Aktivisten, welche die Wiederbelebung des klassischen Liberalismus anführten, in der Öffentlichkeit auf zunehmende Resonanz. Millionen Amerikaner aus allen Schichten hatten im Stillen die Werte des freien Marktes und des Privateigentums in Ehren gehalten. Die zunehmende Präsenz eines soliden Corps intellektueller Vorreiter ermutigte viele dieser Bürger, offen für die Ideen einzutreten, die sie seit langem hegten.

In den 1970er und 80er Jahren, als klar wurde, dass die sozialistischen Planungs- und Interventions-Programme fehlgeschlagen waren, wurde der klassische Liberalismus zur weltweiten Bewegung. In den westlichen Ländern und schließlich erstaunlicherweise auch in den Nationen des ehemaligen Warschauer Paktes bekannten sich politische Führer als Schüler von Hayek und Friedman. Gegen Ende des Jahrhunderts war der alte, authentische Liberalismus wieder am Leben und sogar stärker als noch vor hundert Jahren.

Dennoch expandiert der Staat in den westlichen Ländern ungehemmt und erobert einen Bereich des gesellschaftlichen Lebens nach dem anderen. In Amerika gerät die Republik in Vergessenheit, weil zentralstaatliche Bürokraten und globale Planer mehr und mehr Macht ans Zentrum reißen. Daher geht der Kampf weiter, und so muss es auch sein. Vor zwei Jahrhunderten, als der Liberalismus jung war, hatte Jefferson uns bereits über den Preis der Freiheit informiert: ewige Wachsamkeit.

* Quelle: Liberty.li