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Freitag, Juni 25, 2010

Nachspielzeit: Einer geht noch rein

Das ultimative Schlußwort soll auf diesem Blog ein kluger Kommentator namens "bart" auf ef-online haben, der die Gründe für das - vorläufige - Scheitern der libertären Bewegung durch das Abhandenkommen ihres wichtigsten publizistischen Sprachrohres klar benennt:



"Michael Kastner ist ja ziemlich frühzeitig aus dem ef-Verbund ausgetreten. Ebenso Andreas Ullrich. Vielleicht war da noch die Hoffnung auf Besinnung, die Blankertz blieben ließ. Für mich kam die Wandlung insgesamt schleichend. Wenn man die Magisterarbeit Libertarianism von Lichtschlag liest, merkt man die Verbundenheit zwischen ihm und Blankertz. Ein weiterer möglicher Grund, dass es so ist, wie es ist. Allemal schade für das einstige Blatt, das mit hohem Anspruch gestartet ist. Letzlich waren es dann ökonomische Zwänge (praktische Praxis), die über die Ausrichtung des Magazins entschieden. Da war man dann am Scheideweg, wo man sich entscheiden musste: Das Magazin wird aufgegeben oder unter einer anderen Fahne fortgeführt. Die einstige idealistische Idee wurde bei dieser Entscheidung untergraben.

[...]




Aufgeben wäre ehrlicher gewesen.


Aufgegeben hat man ja sowieso. Egal welche der beiden Optionen man gewählt hätte, beides bedeutete den Tod für den einstigen Anpruch des Magazin. Diese Ambition der Freiheit eine Stimme zu geben war ja auch der Sinn für die Schaffung der Zeitschrift. Und nun? Wo will eigentlich ef jetzt hinsteuern? Obendrein hat man ja nicht mal zugegeben, dass man aufgegeben hat. In der Tat wäre das ehrlicher gewesen.





Dann hätte man nach wirtschaftlichen Maßstäben das Restkapital bewahren müssen.




Und was dann? Magazin einstellen? Meinst Du, dass der begangene Weg etwa, also der Versuch ein libertäres Print-Magazin zu etablieren falsch war?





Aus den Kapitalgebern wurden Idealisten, die unbedingt ein Fanal der Freiheit setzen wollten. Von da an war ef eine Koalition der Kapitalvernichter später nach dem Motto "Mehr netto", insgeheim aber nach dem Slogan "ef um jeden Preis".




Zustimmung! Mit den Kapitalgebern ist man eine Koaltion eingegangen und hat sich die eigentliche Idee zerreißen lassen. Aber selbst, wenn die Zeiten schwer sind, muss man standhaft bleiben. Viel zu schade ist sonst das verschenkte Potenzial. Diese Aufrichtigkeit, die "Dignität der Theorie" sollte man sich immer vor die Augen führen und nicht verlieren. Das ist ja auch Thema von Stefan Blankertz' Vortrag.





Ähnlich der Nazi-Propaganda "Sieg um jeden Preis" und der
Blut-Tränen-Strategie der Briten. Die hatten den Spruch nämlich auch. Wie sich die Geschichte doch ähnelt!

Und wie sich die Geschichte doch ähnelt! Ich möchte in diesem Kontext noch einmal auf Lichtschlags Buch Libertarianism - Eine (Anti-)Politische Bewegung in den USA und ihre Bedeutung für Deutschland zurückgreifen, weil ich es einfach nicht fassen kann, wie man wahre Erkenntnisse einfach so über Bord werfen kann!
Zitat über die Entwicklung des Cato-Instituts (u.a. Herausgeber der wissenschaftl. Zeitschrift The Cato Journal):






(...) Es (gemeint ist das Cato-Inst.) geht 1976 unmittelbar aus der Charles Koch Foundation hervor. Wegen des von den Koch-Millionen abhängigen Leiters Crane, so Murray Rothbard, verlassen die besten Männer nach und nach das Institut: (...)
(Es folgt eine Aufzählung von wichtigen Persönlichkeiten des Cato-Instituts). Crane bindet das Cato Institute direkt an die LP (=Libertarian Party) an. Schließlich überwirft sich im Frühjahr 1979 auch Rothbard mit Crane, und das Institut verlässt seine Nähe zur Österreichischen Schule der Nationalökonomie (...)
(S.67) (Hinweis: Alles hier in Klammern stehende, wurde vom
Zitierenden selbst hinzugefügt)




Das hatten wir doch alles schon einmal! Beim Versuch den Libertarismus in den USA politisch salonfähig zu machen, wird das im gleichnamigen Buch noch deutlicher:





Vor praktischen Fehlversuchen mittels beispielsweise einer libertären Partei könnte daher der deutsche Libertarianism (vorerst) verschont bleiben. (S.83)



und dann Blankertz (im Lichtschlag-Buch zitiert):




"Gegen die Falle des Etatismus hilft nur Theorie, die zunächst davon absieht von konkreter politischer Verwertung" (S.83)


Anmerkung: Im Interview macht Blankertz die für ihn gültige Zweideutigkeit des Begriffs Politik deutlich. Neben der gewaltsamen Staatspolitik könnte man Politik auch als "die Sorge um das gute Zusammenleben freier Bürger" (S. 132) verstehen. Deshalb der Hinweis, weil man durch das Wörtchen "zunächst" irritiert sein könnte.
Aus den Erfahrungen der libertären Bewegung in den USA und noch einem im Buch beigefügtem Interview mit Stefan Blankertz (auf den sich Lichtschlag ziemlich oft in seinem Werk beruft) hat Lichtschlag gelernt. So kritisiert er selbst aus eigener Feder den Versuch der Annäherung Hans-Hermann Hoppes zu den Konservativen, also Etatisten:




"Hoppes Ausführungen sind nach Auffassung des Autors dieser Arbeit letztlich nicht mit der libertären Argumentation vereinbar." (S.99)


deutlicher geht's nimmer!
Was danach im ef-Verein folgt, wissen wir ja alle nur zu gut. Bündnis mit den Konservativen (Etatisten!) und das Setzen auf politisches Engagement.
Wie konnten das die Verantwortlichen von ef nur zulassen? Das ist Selbstmord. Was anderes kann man dazu nicht sagen.
Über diese Widersprüche ließe sich ein ganzer Artikel schreiben.
Wäre wünschenswert, wenn alle an dieser Misere Beteiligten ihren Fehler eingestehen und zugeben und wieder auf den rechten Weg kommen.
Ansonsten bleibt der Konflikt, weil das Problem immer noch gegenwärtig ist und allerhöchstens nur angerissen wurde. Da besteht dringender Nachholbedarf!"




Anm. d. Red.: bart hat recht! Leider!

Freitag, November 06, 2009

Wenn schon durchgeknallt, dann wenigstens konsequent!

"Robin Alexander in der „Welt“ und Volker Zastrow in der „FAZ“ haben sich mit ihren deutlichen, überraschenden Worten im vielleicht letzten Moment um die Meinungsfreiheit verdient gemacht wie einst Helmut Schmidt und Helmut Kohl gegen alle Widerstände um die Nachrüstung und damit um die Sicherheit des Westens."

- André F. Lichtschlag, Der Fall Sarrazin

Montag, Oktober 19, 2009

Dienstag, September 30, 2008

"Liberal-konservativ" - das Metzger-Experiment

Im konservativ-beschaulichen Oberschwaben, wo die Welt angeblich noch in den Fugen ist, da rauschte jetzt zweimal hintereinander der marktfreundliche Grünen-Renegat Oswald Metzger bei der CDU durch! Und zwar nicht beim Friedbert-von-Weizgeißler-Flügel, sondern bei denen, die die "traditionellen Werte" hochhalten, die bspw. ef-Herausgeber Lichtschlag in jeder seiner Ausgaben flehentlich beschwört (und krampfhaft versucht, beinahe jedem Interviewpartner ein kulturnormativistisches* Bekenntnis in den Mund zu schieben)! Die rechtskonservativen Agrarparasitismus-Profiteure fürchteten die “marktradikalen Parolen” des Herrn Metzger wie der Teufel das Weihwasser. Nix da von wegen “bürgerliches Lager”! Liberalismus und Konservatismus sind eben keine natürlichen Verbündeten sondern VON NATUR AUS GEGNERISCHE PRINZIPIEN!!! (siehe auch “Eine neue Freiheit” von Murray N. Rothbard)

*) Auf Studivz hat übrigens Christian Hillmann von der "Libertären Hochschulgruppe Konstanz" eine Gruppe mit dem schönen Titel "Kulturnormativismus stinkt" gegründet!

Mittwoch, September 17, 2008

Die Rivalität der Bevormunder

Das Denken des kolumbianischen Reaktionärs Nicolás Gómez Dávila, mit dem der Herausgeber eines ehemals libertären Periodikums seinen spirituellen Haushalt bestreitet, ist alles andere als ein Wegweiser in die Befreiung des Menschen aus Unmündigkeit und Zwang. Jo@chim vom A'Team resümiert über den "anti-aufklärerischen Taschenspielertrick":

"Dávila und andere antietatistische Reaktionäre unterscheiden sich von staatsgläubigen Konservativen (oder auch autoritären Sozialisten) also vor allem darin, dass sie nicht dem Staat die Hütekompetenz zubilligen, sondern diese lieber dezentralisiert auf “natürliche”, althergebrachte Autoritäten zurückverlagern möchten. Die offene oder versteckte Geringschätzung des Individuums haben sie aber alle gemein."

Donnerstag, Juni 26, 2008

Schwarz-Rot-Galle

Die von der bürgerlich-konservativen Presse wie in einem Mantra fast schon beschworenen eskalierenden Gewaltausbrüche türkischer Migranten nach dem gestrigen Spiel sind ausgeblieben. Die Türken haben nicht nur über weite Strecken auf dem Rasen überlegener gespielt (am Ende fehlte ihnen die Fortune) - sie waren auch anschließend bemerkenswert faire und fröhlich deutschlandfähnchenschwingende Verlierer. Respekt!

Danebenbenommen haben sich stattdessen - suprise, surprise - wildgewordene Teutonen in Dresden, Chemnitz, Köln und Hannover. Bin mal gespannt, wie uns Kaspar Rosenbaum und der gesamte rechtslibertäre Narrensaum das wieder zurechtdeuten werden. Bestimmt war auch das Abfackeln von Dresdner Dönerbuden nur ein legitimes Aufbegehren gegen die verklemmten Denkverbote der von den 68ern oktroyierten Political Correctness… Oder so ähnlich.

Donnerstag, Dezember 20, 2007

Waigel ist unschuldig, Dutschke war's!

Der Schmalspur-Hugenberg aus Grevenbroich hat mal wieder zugeschlagen. Und es wird immer irrer! In einem Interview sagte er auf die Frage, was einen Libertären kennzeichne:

"Sagen wir, Sie malen ein Hakenkreuz auf die Wand Ihres Hauses. Auch hier ist Ihr Privateigentum unbedingt zu achten und kein Libertärer würde auf die Idee kommen, dies zu verbieten. An dieser Stelle sehen Sie, dass die Konzentration auf ein vermeintlich ökonomisches Prinzip auch für persönliche Freiheitsrechte wie die Meinungsfreiheit eine Grundvoraussetzung ist."


Nun, das ist sachlich richtig, aber wie kömmts, daß dem immer solche Beispiele einfallen? Warum setzt sich der Oberlibertäre unaufgefordert dem Verdacht aus?

Weiter geht's:


"Im angelsächsichen Sprachraum werden Erzliberale auch oft als „Konservative“ bezeichnet oder ordnen sich selbst so ein. Auch diese Entwicklung wird im deutschen Sprachraum inzwischen nachgeholt. Der Herausgeber des liberalen Schweizer Wochenmagazins „Weltwoche“ schreibt, dass echte Liberale und Libertäre heute längst als „Konservative“ firmieren."



Zugegeben, so mancher angelsächsische Konservative ist mit klassischem Liberalismus legiert. Aber das macht den Libertarismus nicht konservativ, sondern zeigt nur, daß angelsächsische (und schweizerische) Konservative nicht zwangsläufig so hoffnungslose Fälle sein müssen, wie diejenigen deutschen Konservativen, die zu Lichtschlags bevorzugten Gesprächspartnern zählen, etwa von "Rittergut Schnellroda".

Btw.: Frau Thatcher wurde noch zu Beginn der 70er Jahre nicht zu Unrecht von konservativer Seite vorgeworfen, sie breche mit den Grundüberzeugungen des Disraeli'schen Toryism.

Auf die Frage, wer sich mehr geirrt habe, die 68er oder ihre Vätergeneration, verblüfft Lichtschlag mit einer geradezu bizarren Gegenüberstellung:


"Eine interessante Frage! Schauen wir uns die Ausgangssituation an. Dort: Weltwirtschaftskrise, Versailler Vertragsbürden, Bedrohungsempfinden durch den Bolschewismus. Hier: Wohlstand wie nie zuvor, Schutz und Freiheit durch die USA garantiert. Dann dort der Irrtum, in großer Not dem viertgrößten Massenmörder der Geschichte nachgelaufen zu sein. Hier der Irrtum, ohne Not einem oder mehreren der drei größten Massenmörder der Geschichte hintergelaufen zu sein. Dort nach dem Irrtum Abkehr vom Sozialismus sowie tatkräftiger und mühsamer Aufbau des Landes und Schaffung von Werten. Hier nach dem Irrtum Leben wie die Made im Speck, immer mehr Sozialismus, steter Verbrauch der Substanz. Dort am Ende Übergabe einer positiven Bilanz und eines Landes, in dem Menschen an sich selbst glauben. Hier am Ende Übergabe eines bankrotten Wohlfahrtsstaats mit Menschen, denen man eingeredet hat, sie hätten ein Recht, auf Kosten Dritter zu leben. Und das Vererben einer unbezahlbaren Rechnung an die Nachfolgegeneration. Ja, es ist schwer zu entscheiden, wer mehr danebenlag."


Fangen wir das Knäuel mal von hinten an aufzudröseln: Die astronomische Staatsverschuldung (übrigens: ein Phänomen ALLER westlichen Demokratien) ist also das Erbe von '68, dem annus miserabilis? Wer hat denn den Staat aufgebläht und Schulden aufgehäuft? Der Schulden-Kanzler Schmidt (SPD) sah in den 68ern nur eine Marotte verzogener Mittelstandskinder und hielt ihnen entgegen: "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen!". Ein 68er? Der Noch-mehr-Schulden-Kanzler Kohl (CDU) nannte die friedensbewegten 68er immer nur "die Fußkranken der sozialistischen Weltrevolution" - und forcierte mit Blüm und Geißler unter tätiger Mithilfe der FDP den Marsch in den Schuldenstaat. Selbst der Wirtschaftsaufschwung der 80er Jahre wurde niemals ernsthaft zu Reformen genutzt, Kohls verhaßte Finanzminister Stoltenberg und Waigel steigerten in wirtschaftlichen Blütezeiten den Fiskalkleptokratismus auf ungeahnte Höhen. Aber das waren natürlich alles nur heimliche Marionetten der pöhsen 68er. Waigel kann nix für die Staatsverschuldung - Dutschke ist schuld! Das ist nicht einmal BILD-Zeitungsniveau, Herr Lichtschlag!

Und wo bleibt bei der Mitläufer-Generation die "Übergabe einer positiven Bilanz und eines Landes, in dem Menschen an sich selbst glauben."? Haben die jungen Nachkriegsstudenten, die in den 50ern erstmals durch Europa reisten, nicht die gegenteilige Erfahrung gemacht, einem Land anzugehören, das in ALLEN Nachbarländern klaffende Wunden und eine Blutspur des totalen Krieges hinterließ? Mußten sie sich nicht schämen, egal wohin sie kamen? Und glaubten die Menschen im Lande selbst wirklich an sich - oder nicht doch wie eh und je an den Staat, in diesem Falle eben an den restaurativen Obrigkeitsstaat Adenauerscher Provenienz? Hat Adenauer nicht ALLES unternommen, um den Erhardschen Reformgeist (der ohnehin nur episodal blieb) zu unterdrücken? Und Erhards Bilanz, wie sieht sie aus? Er hat, trotz imponierenden persönlichen Einsatzes und Mutes, mit dem er für Freiheit und Marktwirtschaft kämpfte, am Ende des Tages gegen den Widerstand von CDU und FDP(!) nicht einmal erreicht, daß wenigstens jener Grad an Gewerbefreiheit wiederhergestellt wurde, den es im Bismarckreich jedenfalls bis 1878 und in Teilen sogar bis 1914 gegeben hatte (siehe Habermanns "Der Wohlfahrtsstaat"). Soviel zu "Dort nach dem Irrtum Abkehr vom Sozialismus sowie tatkräftiger und mühsamer Aufbau des Landes und Schaffung von Werten." Der Irrtum wurde nie anerkannt geschweigedenn korrigiert. Einen Bruch mit dem Glauben an den Wohlfahrtsetatismus, eine Zäsur, eine Stunde Null hat es auch im Denken der übergroßen Mehrheit der Kriegsgeneration nie gegeben!


Weiter heißt es:

"Schutz und Freiheit durch die USA garantiert."


Der Neocon-Mythos vom selbstlos-benevolenten Hegemon ist auch schon salonfähig? Ich werd verrückt!

"Weltwirtschaftskrise, Versailler Vertragsbürden, Bedrohungsempfinden durch den Bolschewismus."

Ein Blick in Ludwig von Mises "Im Namen des Staates" läßt diese Entlastungsargumente arg armselig erscheinen. Weder für den ungehinderten Aufstieg Hitlers noch für die im Grunde von Anfechtungen durch eine renitente Bevölkerung verschonte Ausübung seiner Herrschaft bis zum bitteren Ende läßt er billige Ausreden gelten, die sich heute auch weit über den auf NS-Apologetik abonnierten Kreis hartgesottener Deutschländerwürstchen hinaus wachsender Beliebtheit erfreuen. Mises widerspricht der von vielen wohlmeinenden Engländern und Amerikanern vertretenen These, daß „die Mehrheit des deutschen Volkes die Ideen der Nazi nicht teilt und das Joch Hitler’s nur unwillig erträgt.“ Beim Volke der Dichter und Denker stünden unter dem Einfluß der nationalistischen und sozialistischen Indoktrination heute Goten und Vandalen, ja selbst Hunnen und Mongolen höher im Kurs als etwa Goethes Weltbürgertum und Kants Ewiger Frieden. Es mache von daher auch keinen Sinn, Propagandaflugblätter über Deutschland abzuwerfen.

Für Mises, dem man als Leser seine Erschütterung über die servile, scham- und würdelose Ein- und Unterordnungsbereitschaft vieler Deutscher in das nationalsozialistische System nachfühlen kann, ist es ein schwerer Irrtum zu glauben, daß viele Deutsche Hitler nur deswegen unterstützten, weil sie die Folgen der Niederlage fürchteten. Resigniert schreibt er:

„Alle deutschen „Arier“ sind von Hitler’s Weltherrschaftsplänen fasziniert. Die wenigen, die anders dachten, sind längst „erledigt“, d.h. umgebracht worden.“

Von Theodor Heuss stammt der häufig zitierte Ausspruch, der Geburtsort des Nationalsozialismus sei nicht Braunau am Inn gewesen, sondern Versailles. Mises sieht es anders: „Es ist ein Irrtum zu glauben, daß der Erfolg der nationalsozialistischen Agitation etwas mit den Mängeln des Versailler Vertrags zu tun habe… was diese [wiederauflebenden Hegemonie-] Pläne hat entstehen und volkstümlich werden lassen, ist allein der Gedanke: wir sind stark genug, die anderen niederzuwerfen. Würden die Deutschen nicht von diesem Gedanken besessen sein, dann hätte sie auch der ungünstigste Vertrag nicht zum Nationalsozialismus und zu seiner außenpolitischen Haltung bringen können.“

Und zum untauglichen Versuch, Hitlers Machtergreifung mit den sozialen Verwerfungen der Weltwirtschaftskrise zu entschuldigen, schreibt Mises: „Die Wirtschaftskrise war nicht auf Deutschland beschränkt. In den anderen Ländern, die von ihr betroffen wurden, hat sie nicht eine Partei gestärkt, die von Rüstungen und vom Krieg das Heil erwartete.“

Bleibt die Frage, wen Lichtschlag konkret meint, wenn er mal wieder bar jeder Geschichtskenntnis mit der ach-so-tabubrechenden großen Anti-68er-Keule planlos herumfuchtelt. Etwa Sezessions-Autor Bernd Rabehl? Oder den einst von der DDR ausgehaltenen Konkret-Macher Klaus Rainer Röhl, der sich heute altherrenwitzgestählt am müffelnden rechten Rand der FDP herumtreibt? Oder gar einen ehemaligen Habermas-Lieblingsschüler aus der Frankfurter Sponti-Szene, den man geradezu zum unfehlbaren Guru der Rechtslibertären aufbläst?

Mittwoch, Oktober 31, 2007

Mittwoch, Oktober 10, 2007

Eva-luierung einer deutschen Debatte

In diesem Lande sind einmal wieder sämtliche Schränke tassenfrei. Man könnte glauben, dieses Land habe wirklich keine anderen Sorgen, als stutenbissige Debatten zwischen keifernden Weibern (by the way: warum fehlte eigentlich die unvermeidliche Neocon-Hexe Thea Dorn in der gestrigen Kerner-Runde?) zu verfolgen, die es sich in ihren paläo- oder neospießigen Kuschelecken wohnlich eingerichtet haben und die ihren Nachbarn unerbetene Vorschriften über allgemeinverbindliche Lebensstile zu machen sich befugt fühlen im Namen der Chimäre "Gemeinwohl", über die Bodo Wünsch heute alles Notwendige gesagt hat.

Nachdem ich mich zunächst durch wirklich sehr viel närrischen Müll hindurcharbeiten mußte, fand ich die klügste und differenzierendste Erörterung der in holprigem Deutsch verkleideten, wirren Thesen von Evchen Herman bei Marian Wirth von den Bissigen Liberalen und korrespondierend dazu die schonungsloseste Bloßstellung ihrer aufgeplusterten und sich zu kalkulierten Empörungsgesten warmlaufenden Gegner bei Henryk M. Broder. Broder nannte dankenswerterweise auch den stets unausgesprochenen Subtext dieser quälenden Debatten, über den sonst alle Meinungslager dieser verlumpten Republik den Mantel des Schweigens decken, einmal beim Namen:


"Und es sind nicht nur die Autobahnen, die zum gerne und selbstverständlich benutzten Erbe des Dritten Reiches gehören. Der Historiker Götz Aly hat in seinem Buch "Hitlers Volksstaat" an vielen Beispielen belegt, woher der Reichtum der Bundesrepublik kommt und welche sozialen Regelungen von den Nazis übernommen wurden, darunter das sogenannte Ehegattensplitting und die Krankenversicherung für Rentner. Wer sich heute glaubwürdig und nachhaltig von den Nazis distanzieren wollte, müsste nicht nur die Autobahnen meiden, sondern auch auf das Kindergeld verzichten, schließlich wurden im Dritten Reich Ehestandsdarlehen gewährt, die durch die Geburt von vier Kindern vollständig getilgt werden konnten."


Die hier schon desöfteren thematisierten Kontinuitäten und Affinitäten des Gegenwärtigen und vermeintlich Guten zum Vergangenen und unsagbar (singulär!) Bösen machen ein krampfhaftes und dabei nicht selten hyperventilierendes Abgrenzen vom als intuitiv eben doch als ähnlich Empfundenen so notwendig. Der ganze öffentlich zur Schau gestellte Anti-Nazi-Exorzismus dient der Selbstentlastung des Anti-Nazi-Kollektivs Deutschland, welches seine begründeten Selbstzweifel ob der Berechtigung, sich überhaupt "anti" fühlen zu dürfen dadurch zu überdröhnen versucht. Andernfalls drohte, mit der Lebenslüge eine systemstabilisierende Kollektiv-Identität zusammenzubrechen. Wie Sloterdijk einmal sagte:

"Nach 1945 haben wir vom Nationalsozialismus auf Sozialnationalismus umgestellt, parteiübergreifend. Folglich konnte damals der einzige real existierende Beinahe-Sozialismus der Welt auf deutschem Boden entstehen, in Form der guten alten Bundesrepublik. Die DDR lieferte hierzu die Parodie."


Oder wie ist es sonst zu erklären, daß sich durch die vom Permafrostgrinsen der unsäglichen Frau von der Leyen orchestrierte familienpolitische mainstream-Debatte (und nicht nur durch die eher albernen Wortmeldungen einer ohne Teleprompter irgendwie sprachgestört wirkenden TV-Ansagerin) immer mehr Singles und Kinderlose dem impliziten Vorwurf des sozialen Trittbrettfahrertums ("Schmarotzer" und "Volksschädlinge" zu sagen, käme heutzutage medial irgendwie uncool rüber) ausgesetzt sehen, weil sie nichts zur Volksgemeinschaft Solidargemeinschaft beitragen? Warum schreibt Alice Schwarzer nicht auch einmal der derzeit die Erfordernisse sogenannter "Familienpolitik" (vulgo: Bevölkerungspolitik) durchdeklinierenden classe politique ins Stammbuch, was sie der völlig überforderten Frau Herman durchaus zu Recht entgegenschleuderte: "Zum Glück müssen wir dem Führer heute keine Kinder mehr schenken." Dem Führer nicht, aber dafür dem umlagefinanzierten Rentensystem, dem fiskalkleptokratischen Leviathan und der auf verheizbares Menschenmaterial angewiesenen Interventionsmacht Europa schon.

Schließlich steuerte noch Christian Hoffmann eine medienanalytische Betrachtung bei, die wohl den Kern aller deutschen Tabu-Debatten sehr schön erfaßt.

Darum soll er heute auch das Schlußwort haben:

"Der Umgang der deutschen Öffentlichkeit (d.h. in erster Linie der Intellektuellen) mit der Vergangenheit des 3. Reiches ist durchaus interessant - vor allem sozialpsychologisch. Angenommen, man möchte die kollektive Identität “der Deutschen” beibehalten und sich als Teil dieses Kollektivs identifizieren, dann man sich mit der hässlichen Vergangenheit dieses Kollektivs auseinandersetzen. Nur sehr wenige sind dabei verbohrt genug, die hässliche Vergangenheit zu beschönigen und zu umarmen. Eine andere Möglichkeit des Umgangs ist das Ignorieren der Vergangenheit. In der Regel wird man die Hässlichkeit der Kollektivvergangenheit jedoch anerkennen müssen. Damit diese dann nicht die Kollektividentität gefährdet (kognitive Dissonanz), muss man Wege finden, das Stigma identitätsverstärkend zu interpretieren. Also versucht man sich an einer “Aufarbeitung”, welche eben vorbildlich und besonders lobenswert ist. Der Verbrecher wird zum Held, indem er seine Taten öffentlich büsst und bereut und kompensiert. Damit wird jedoch das Verbrechen, bzw. seine Überwindung zum Bestandteil der Kollektividentität. Dem heutigen kollektiven Deutschen das Dritte Reich zu nehmen, wäre mindestens so schmerzhaft, wie dem Schweizer das Rütli und den Tell zu nehmen. Daran wird sich erst etwas ändern, wenn die Geschichte genug alternative Anlässe einer Reorientierung der Kollektividentität geboten hat. Solche Reorientierungen sind aber meist mit dramatischen Einschnitten verbunden. Insofern wäre es mir lieber, die deutschen Kollektivisten identifizierten sich weiterhin als Ex-Nazis. Als Kollektivisten kommen sie aus dieser Falle zu Recht nicht heraus."


und:

"Als bestes Rezept gegen die Germanomanie empfehle ich meist die Entwicklung einer individuellen Identität *gasp* Leider ein für viele Patienten allzu schmerzhafter Prozess…
Wenn jemand sich also schon unbedingt als Doitscher identifizieren will, dann soll er auch das zugehörige Büssergewand tragen! Kollektive Identitäten sollten prinzipiell so unangenehm wie möglich sein."

Freitag, September 14, 2007

Die Dinge zu weit getrieben

Über das intellektuelle Hijacking der amerikanischen Rechten durch ehemalige Trotzkisten die sich "Neokonservative" nennen (und die kaltschnäuzig in ihrer Kriegslust sowohl mit der Tradition der "Old Right" als auch mit der Verfassung brechen), deren Äquivalent in Bundesrepublikanien die Übernahme der Wortführerschaft bei den radikalen Liberalen durch zu einer Form von Hybrid-Liberalismus konvertierte Alt-68er ist, die hüben wie drüben den Alt-Liberalen bzw. Paläo-Konservativen expansiven Etatismus kombiniert mit außenpolitischem Interventionismus als "wahren" Konservatismus respektive "wahren" Liberalismus, gar "zeitgemäßen" Libertarianism einzutrichtern versuchen, ist wahrlich schon viel geschrieben worden. Aber immer viel zu nett. Etwas prononcierter als allgemein üblich äußerte sich aus traditionskonservativer Sicht unlängst der emeritierte Historiker Professor Stephen Tonsor von der University of Michigan, dem auf einer Tagung einfach mal der Kragen platzte:

„Es schien mir immer eigenartig, ja abartig, daß früheren Marxisten gestattet wurde, ja daß sie aufgefordert wurden, eine derart führende Rolle in der konservativen Bewegung des 20. Jahrhunderts zu spielen. Es beeindruckt, wenn die Stadthure religiös wird und der Kirche beitritt. Hin und wieder kann sie eine gute Chorleiterin abgeben; doch wenn sie anfängt, die Sonntagspredigten des Pfarrers zu bestimmen, dann sind die Dinge zu weit getrieben.“


Doch auch bei der Öffnung nach rechts wurden im eigentümlich libertären Beritt in jüngster Zeit ganz offensichtlich "die Dinge zu weit getrieben". Und zwar deutlich.


Donnerstag, Juli 12, 2007

... difficile est satiram non scribere

Wie anders soll man hierauf auch sonst reagieren?

Am besten so, wie mein ef-Lieblingsautor im Freiheitsforum:


"Eine skandalträchtige neue Intelligenzstudie hat ergeben, dass südostkirgisische Ziegenhirten im Durchschnitt um 17 IQ-Punkte dümmer sind als Reisbauern der chinesischen Provinz Zuanghong. Das hat natürlich weit reichende Auswirkungen auf das libertäre Theoriengebäude, weswegen in diversen einschlägigen Think Tanks bereits die Köpfe rauchen. Der Ökonom Knut-Karsten Knatter, Autor des umstrittenen Buches „Libertäre Eugenik – Warum in einer natürlichen Ordnung das Negerpack wieder seine angestammte Rolle als demütiger Diener des weißen Mannes einnehmen wird“, hat bereits verschiedene Expertenkonferenzen angekündigt.
In einem ersten Schritt werden sämtliche Exemplare des Buches „For a New Liberty“ von Murray Rothbard wieder eingezogen. Eine aktualisierte Auflage mit dem Titel „For a New Eugenics“ soll ab Herbst auf dem Markt erscheinen und um die Wissensfortschritte, die inzwischen gemacht wurden, ergänzt werden. Die Rückgabe der veralteten Bücher ist natürlich freiwillig, wer sich weigert, wird allerdings physisch aus der Gesellschaft entfernt und kommt ins Ghetto.
Vereinzelt gab es aus dem libertären Lager Kritik an Knut-Karsten Knatter, allerdings nur von den üblichen Multikulti-Schwuchteln, die noch nichts geleistet haben.
In Grevenbroich fand eine spontane Sympathiebekundung für Knatter statt. Einige der Teilnehmer der Mini-Demonstration gaben an, sie haben ihre Gebetsteppiche mitgebracht, auf denen sie dreimal täglich in Richtung Las Vegas beten. An der Universität von Las Vegas hat Knatter den Lehrstuhl für Spieltheorie inne."



Eine weitere kluge Entgegnung auf Hoppesche Bizarrerien findet sich hier.

Freitag, Juni 22, 2007

Aufschlußreich

ist es schon, daß der Herausgeber des wichtigsten radikalliberalen Printmediums, der den Verlust von Abonnenten beklagt, sich in publizistischer Nachbarschaft zum lunatic fringe von rechts und links wähnt, anstatt zu liberalen Periodika wie brand eins oder Neue Nachricht. Und wünschte man sich nicht, er wählte sich beispielsweise jemanden wie Weltwoche-Chef Roger Köppel zu seinem Vorbild als ausgerechnet "Junge Freiheit"-Gründer Dieter Stein (wie in "ef-intern" einmal geäußert)?

Donnerstag, Juni 07, 2007

eigentümlich frei - die Grundsatzdebatte

Hier und hier die Updates zu einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Debatte, die man eigentlich auch sachlich, so wie mein Freund Simon Kromer es in einer Rundmail an die Libertären in der FDP vormacht, hätte führen können:

"Zwei Dinge kann ich mit Sicherheit sagen: Erstens, zugrunde liegt bei der ganzen Geschichte eigentlich die Frage darüber, in welche Richtung sich die libertäre Bewegung und insbesondere die Zeitschrift Eigentümlich Frei entwickeln soll.

Zweitens, meine Position liegt eindeutig darin, dass zunehmend rechte und spießbürgerliche Töne in der Libertären Plattform oder in der Eigentümlich Frei
(Relativierung der Pinochet-Diktator unter der Unterüberschrift „Liberaler Diktator oder blutiger Despot“, Engagement in der Filbinger-Debatte, etc.) meinetwegen jeder für sich konsumieren kann wie er möchte, dass ihre Veröffentlichung in libertären Organen aber tatsächlich nicht mehr erreicht, als uns zu einem kleinen K- bzw. L-(oder vielleicht F-?)Grüppchen zu schrumpfen. Wo liegt denn bitte der Sinn darin, sich ständig auf Kräfte zuzubewegen, für die Freiheit nur ein Mittel ist, um ihren eigenen Staats- und Kulturmief durchzusetzen? Wir wollen doch den Libertarismus zum Wachsen bringen und kein Kulturbild. Und nur wenn wir den Menschen klarmachen können, dass wir darin offen sind, können sich auch breite Schichten von ihnen auf uns einlassen. Ist es denn so schwer, diese Abstraktionen herzustellen? Müssen wir denn allen Ernstes dieselben Kaffekränzchen-versus-Haschkommune-Debatten führen, die nur Menschen nötig haben, welche sich gegenseitig etwas aufzwingen wollen? Reicht es denn nicht, allen Menschen ihre grundlegenden Freiheiten zuzubilligen, müssen wir denn jedem schrägen Vogel auch noch ein Forum bieten? (Kopp-Verlag-Beilagen)


Und müssen wir unbedingt Reichtum als den wichtigsten Vorzug der Freiheit propagieren (Seaberg-Rubrik) wenn dieser Wert vor allem Eigenverantwortung und
Unabhängigkeit bietet? Reicht es denn nicht, die Grundlagen menschlicher Kultur zu verinnerlichen und zu verbreiten? Müssen wir auch noch hinausposaunen wie sich bestimmte Leute unter uns diese Kultur vorstellen?Ehrlich gesagt habe ich manchmal das Gefühl, dass Freiheit hier keine Rolle mehr spielt, wenn einige etwas zu genau zu wissen scheinen für was diese Freiheit zu nutzen ist.Der sachliche Teil der Debatte ist hiermit eröffnet mit Bitte um ihre Fortsetzung!"

Samstag, Juni 02, 2007

Ein Blick ins Archiv: 19.11.2005

Das war`s dann wohl, ihr eigentümlich Freien

Von Michael Miersch

Die neue Unübersichtlichkeit wabert allerorten. Leider auch dort, wo ich mir ein bisschen mehr kritische Vernunft wünschen würde, bei dem einsamen Häuflein deutscher Libertärer und Radikalliberaler. In dieser Szenerie gedeiht seit einigen Jahren die kleine Monatszeitschrift „eigentümlich frei“, ein munterer Marktplatz der Meinungen im Spektrum zwischen FDP und Anarchismus. In jeder Nummer fanden sich originelle Beiträge wider die deutsche Staatsgläubigkeit und den Ungeist der Bevormundung und Entmündigung. Dazu zählte auch berechtigte Kritik an staatlicher Geschichtspädagogik, die mit ritualisierter antifaschistischer Folklore gegen braune Pappkameraden zu Felde zieht.

Dann kamen die Medienspektakel um Möllemann und Hohmann. Und „eigentümlich frei“ erklärte die beiden zu unschuldigen Opfern des etablierten Politik- und Medienkartells. Ich hatte ein gewisses Verständnis für diese Position, besonders im Falle Hohmann, der – nach meinem Eindruck – nicht wie Möllemann opportunistisch kalkulierend vermeintliche „Tabubrüche“ inszeniert hatte, sondern einfach dummes Zeug geredet. Auch die Reaktion der CDU gefiel mir nicht. Sie erschöpfte sich darin, Hohmann den Mund zu verbieten und künstlich empört zu gackern. Fast niemand machte sich die Mühe, seine falschen Behauptungen zu widerlegen.

Von der Verteidigung der Redefreiheit irrlichterte „eigentümlich frei“ jedoch weiter zu einem gewissen Verständnis für die Thesen Möllemanns und Hohmanns über Israel und Juden. Obendrein fing Herausgeber Lichtschlag damit an, immer mehr Gemeinsamkeiten zwischen libertären und national-konservativen Anschauungen zu entdecken, wie sie beispielsweise in der Zeitschrift „Junge Freiheit“ vertreten werden. Worin diese Gemeinsamkeiten liegen sollen, ist mir schleierhaft, aber ich tröstete mich damit, dass in jeder Nummer auch die gegenteilige Position zu Wort kam – liberaler Pluralismus eben. Allerdings wurde mit der Zeit immer deutlicher, nach welcher Seite des Meinungsspektrums die Waage sich neigte. Es ist lächerlich, von einer Zeitschrift zu erwarten, dass sie nur Kommentare druckt, die die eigene Sicht bestätigen. Also las ich „eigentümlich frei“ weiterhin (mal mit Freude, mal mit Ärger), und steuerte Artikel und Interviews bei.

Nun ist aber leider der Punkt erreicht, an dem der Frankfurter sagt: „Ebe langt’s“. Doro Müller schickte mir heute einen Link zu der islamfaschistischen Website Muslim-Markt, die von Anhänger der Ajatollah Khomeini betrieben wird. Dort gibt „eigentümlich frei“-Hausautor Arne Hoffmann ein Interview, in dem er neben allerlei anderem Unsinn folgendes sagt: „Unsere Politiker, Journalisten und so manche Wissenschaftler schalten sich freiwillig gleich, um ein Meinungstabu durchzusetzen, dass vielleicht die Vorstufe zu einem Völkermord ermöglicht. Da sich unsere Bürger aber nicht für blöd verkaufen lassen, merken sie schon, das in Israel schlimme Dinge passieren, man sie hierzulande aber nicht entsprechend benennen darf, weil man sonst als Antisemit etikettiert wird.“

Hoffmann macht den Möllemann und formuliert für die Islamfaschisten das Ressentiment, das seit geraumer Zeit in „eigentümlich frei“ rumspukt. Israel ist nicht bedroht sondern eine Bedrohung und in Deutschland darf man das nicht sagen. Noch weiter kann man sich von der Realität kaum entfernen. Wer Umfragen zum Thema Nahostkonflikt ansieht, weiß, dass Hoffmanns Erzählungen keine verfolgte Außenseitermeinung sind, sondern die Vorurteile der großen Mehrheit wiedergeben. Wer ARD und ZDF konsumiert, Stern oder die Süddeutsche Zeitung liest bekommt anti-israelische Polemik und Hymnen auf Arafat und seine Nachfolger im Überfluss, und in allen Abstufungen von moderat bis keifend. Und in anderen Medien ist auch immer noch genügend davon zu finden. Aber man muss nicht mal in die Medien blicken. Ein paar Stichproben im Zug, auf der Party oder in der Kneipe genügen, um die Behauptung zu widerlegen, in Deutschland würde kritische Stimmen gegen Israel oder gegen prominente Juden unterdrückt. Das Gegenteil ist ganz offensichtlich Fakt.

Fragt sich also was Hoffmann und in abgeschwächter Form auch „eigentümlich frei“ treibt, das Große Tabu an die Wand zu malen, das keines ist. Mich würde das nicht weiter jucken, wenn nicht ausgerechnet Menschen, gegen das einzig freie Land zwischen Nordafrika und Pakistan polemisieren würden, die sich selbst als Anwälte von Freiheit und Liberalität betrachten. Ich finde es bedrückend, denn die Zahl der echten Liberalen in Deutschland ist ziemlich überschaubar. Ich weiß nicht in ihren Köpfen abläuft, aber es erinnert mich an die späten sechziger Jahre. Das gab es auch mal eine politische Strömung, die sich als antiautoritär verstand. Sie kritisierte lautstark die bürgerliche Demokratie als Scheinfreiheit, in der „repressive Toleranz“ herrsche. Der Zorn auf die bestehenden (tatsächlich etwas erstarrten und engstirnigen) Verhältnisse steigerte sich bis ein seltsamer Kippeffekt eintrat. Plötzlich begeisterten sich dieselben Leute, die gestern noch nach der ganz großen Freiheit gegiert hatten, für Macht, Disziplin und straffe Organisation. Sie landeten in stalinistisch-maoistischen Sekten. Die gibt es heute zum Glück nicht mehr. Aber es gibt ja noch den Muslim-Markt.

Zum Interview mit Arne Hoffmann (vor dem Lesen besser ein Kotzkübelchen bereitstellen):http://www.muslim-markt.de/interview/2005/hoffmann.htm