Wednesday, October 10, 2007

Eva-luierung einer deutschen Debatte

In diesem Lande sind einmal wieder sämtliche Schränke tassenfrei. Man könnte glauben, dieses Land habe wirklich keine anderen Sorgen, als stutenbissige Debatten zwischen keifernden Weibern (by the way: warum fehlte eigentlich die unvermeidliche Neocon-Hexe Thea Dorn in der gestrigen Kerner-Runde?) zu verfolgen, die es sich in ihren paläo- oder neospießigen Kuschelecken wohnlich eingerichtet haben und die ihren Nachbarn unerbetene Vorschriften über allgemeinverbindliche Lebensstile zu machen sich befugt fühlen im Namen der Chimäre "Gemeinwohl", über die Bodo Wünsch heute alles Notwendige gesagt hat.

Nachdem ich mich zunächst durch wirklich sehr viel närrischen Müll hindurcharbeiten mußte, fand ich die klügste und differenzierendste Erörterung der in holprigem Deutsch verkleideten, wirren Thesen von Evchen Herman bei Marian Wirth von den Bissigen Liberalen und korrespondierend dazu die schonungsloseste Bloßstellung ihrer aufgeplusterten und sich zu kalkulierten Empörungsgesten warmlaufenden Gegner bei Henryk M. Broder. Broder nannte dankenswerterweise auch den stets unausgesprochenen Subtext dieser quälenden Debatten, über den sonst alle Meinungslager dieser verlumpten Republik den Mantel des Schweigens decken, einmal beim Namen:


"Und es sind nicht nur die Autobahnen, die zum gerne und selbstverständlich benutzten Erbe des Dritten Reiches gehören. Der Historiker Götz Aly hat in seinem Buch "Hitlers Volksstaat" an vielen Beispielen belegt, woher der Reichtum der Bundesrepublik kommt und welche sozialen Regelungen von den Nazis übernommen wurden, darunter das sogenannte Ehegattensplitting und die Krankenversicherung für Rentner. Wer sich heute glaubwürdig und nachhaltig von den Nazis distanzieren wollte, müsste nicht nur die Autobahnen meiden, sondern auch auf das Kindergeld verzichten, schließlich wurden im Dritten Reich Ehestandsdarlehen gewährt, die durch die Geburt von vier Kindern vollständig getilgt werden konnten."


Die hier schon desöfteren thematisierten Kontinuitäten und Affinitäten des Gegenwärtigen und vermeintlich Guten zum Vergangenen und unsagbar (singulär!) Bösen machen ein krampfhaftes und dabei nicht selten hyperventilierendes Abgrenzen vom als intuitiv eben doch als ähnlich Empfundenen so notwendig. Der ganze öffentlich zur Schau gestellte Anti-Nazi-Exorzismus dient der Selbstentlastung des Anti-Nazi-Kollektivs Deutschland, welches seine begründeten Selbstzweifel ob der Berechtigung, sich überhaupt "anti" fühlen zu dürfen dadurch zu überdröhnen versucht. Andernfalls drohte, mit der Lebenslüge eine systemstabilisierende Kollektiv-Identität zusammenzubrechen. Wie Sloterdijk einmal sagte:

"Nach 1945 haben wir vom Nationalsozialismus auf Sozialnationalismus umgestellt, parteiübergreifend. Folglich konnte damals der einzige real existierende Beinahe-Sozialismus der Welt auf deutschem Boden entstehen, in Form der guten alten Bundesrepublik. Die DDR lieferte hierzu die Parodie."


Oder wie ist es sonst zu erklären, daß sich durch die vom Permafrostgrinsen der unsäglichen Frau von der Leyen orchestrierte familienpolitische mainstream-Debatte (und nicht nur durch die eher albernen Wortmeldungen einer ohne Teleprompter irgendwie sprachgestört wirkenden TV-Ansagerin) immer mehr Singles und Kinderlose dem impliziten Vorwurf des sozialen Trittbrettfahrertums ("Schmarotzer" und "Volksschädlinge" zu sagen, käme heutzutage medial irgendwie uncool rüber) ausgesetzt sehen, weil sie nichts zur Volksgemeinschaft Solidargemeinschaft beitragen? Warum schreibt Alice Schwarzer nicht auch einmal der derzeit die Erfordernisse sogenannter "Familienpolitik" (vulgo: Bevölkerungspolitik) durchdeklinierenden classe politique ins Stammbuch, was sie der völlig überforderten Frau Herman durchaus zu Recht entgegenschleuderte: "Zum Glück müssen wir dem Führer heute keine Kinder mehr schenken." Dem Führer nicht, aber dafür dem umlagefinanzierten Rentensystem, dem fiskalkleptokratischen Leviathan und der auf verheizbares Menschenmaterial angewiesenen Interventionsmacht Europa schon.

Schließlich steuerte noch Christian Hoffmann eine medienanalytische Betrachtung bei, die wohl den Kern aller deutschen Tabu-Debatten sehr schön erfaßt.

Darum soll er heute auch das Schlußwort haben:

"Der Umgang der deutschen Öffentlichkeit (d.h. in erster Linie der Intellektuellen) mit der Vergangenheit des 3. Reiches ist durchaus interessant - vor allem sozialpsychologisch. Angenommen, man möchte die kollektive Identität “der Deutschen” beibehalten und sich als Teil dieses Kollektivs identifizieren, dann man sich mit der hässlichen Vergangenheit dieses Kollektivs auseinandersetzen. Nur sehr wenige sind dabei verbohrt genug, die hässliche Vergangenheit zu beschönigen und zu umarmen. Eine andere Möglichkeit des Umgangs ist das Ignorieren der Vergangenheit. In der Regel wird man die Hässlichkeit der Kollektivvergangenheit jedoch anerkennen müssen. Damit diese dann nicht die Kollektividentität gefährdet (kognitive Dissonanz), muss man Wege finden, das Stigma identitätsverstärkend zu interpretieren. Also versucht man sich an einer “Aufarbeitung”, welche eben vorbildlich und besonders lobenswert ist. Der Verbrecher wird zum Held, indem er seine Taten öffentlich büsst und bereut und kompensiert. Damit wird jedoch das Verbrechen, bzw. seine Überwindung zum Bestandteil der Kollektividentität. Dem heutigen kollektiven Deutschen das Dritte Reich zu nehmen, wäre mindestens so schmerzhaft, wie dem Schweizer das Rütli und den Tell zu nehmen. Daran wird sich erst etwas ändern, wenn die Geschichte genug alternative Anlässe einer Reorientierung der Kollektividentität geboten hat. Solche Reorientierungen sind aber meist mit dramatischen Einschnitten verbunden. Insofern wäre es mir lieber, die deutschen Kollektivisten identifizierten sich weiterhin als Ex-Nazis. Als Kollektivisten kommen sie aus dieser Falle zu Recht nicht heraus."


und:

"Als bestes Rezept gegen die Germanomanie empfehle ich meist die Entwicklung einer individuellen Identität *gasp* Leider ein für viele Patienten allzu schmerzhafter Prozess…
Wenn jemand sich also schon unbedingt als Doitscher identifizieren will, dann soll er auch das zugehörige Büssergewand tragen! Kollektive Identitäten sollten prinzipiell so unangenehm wie möglich sein."

5 comments:

Paulchen said...

Kollektivisten-Infight. Was geht uns das an?

Anonymous said...

geiles sloterdijk-zitat!

Marian said...

So ganz verdient habe ich das Lob zwar nicht, aber trotzdem vielen Dank. Hoffentlich enttäusche ich Dich nicht mit meinem allerletzten Wort in dieser Sache. Jetzt habe ich die Frau nämlich endlich verstanden.

Sind wir nicht alle ein bisschen Eva und marschieren im Stechschritt durch unseren Alltag voller Widersprüche?

Carsten Rauschenbach said...

Nun muss man Eva Herman nicht gegen jeden Vorwurf in Schutz nehmen, sie ist eifernd und verstiegen genug, den Verdacht brauner Gedanken auf sich zu lenken. Aber diese Art der Beweisführung ist absurd. Die Kritik am dominanten Individualismus gehört zum Fundament konservativer Kulturkritik bis heute - es wäre ein geistesgeschichtlicher Witz, diese Gedankenfigur zu verbieten.

peet said...

Sehr gut geschrieben! Ich habe gerne zitiert:
http://sebew.wordpress.com/2007/10/14/am-dritten-tage-nach-dem-eva-herman-fall/