Monday, February 18, 2008
Ist Obama der "linkeste" US-Senator?
In einer höchst zweifelhaften Erhebung des National Journal's wurde unlängst behauptet, nach Auswertung seines Abstimmungsverhaltens im Jahre 2007 sei Barack Obama der "most liberal"* (was ins Deutsche übersetzt in pejorativer Bedeutung soviel heißt wie linksetatistischste) Senator der Vereinigten Staaten. ABC-Korrespondent Jake Tapper macht sich über den offenkundigen Unsinn lustig:"In the National Journal's annual ratings of senators' standings on the political prism you have to hang a Left before you find Sen. Barack Obama, D-Illinois.
Pass Barbara Boxer...Ted Kennedy...keep going.
Pass Sheldon Whitehouse....Robert Menendez...
Keep going....Oh, look, here's Bernie Sanders of Vermont, a self-described socialist...
Keep going.Ah, at the waaaaaaay end.
Senator Obama, good to see you sir."
Andere erkennen darin die alte Masche, die schon bei Kerry ihren Dienst tat.
Nun ist der Vorwurf an einen Demokraten, ein Linker zu sein, kein sonderlich schmerzlicher. Aber unseriös und unwissenschaftlich ist das Ranking allemal, wie auch Brian Beutler feststellt:
"All of which is to say that this is philistinism masquerading as social science--it's the U.S. News College Guide of Washington politics. Journalists ought to understand that. And those of conscience ought to ignore it, or lay it bare, but certainly not feed into it."
Angesichts der kursierenden und von interessierten Kreisen ausgestreuten Behauptungen, Barack Obama, dessen zweiter Vorname Hussein lautet, sei ein muslimischer Apostat, ein in der Wolle gefärbter Marxist, eine heimlich schwule Klemmschwester oder ein notorischer Schwulenhasser (je nach adressierter Zielgruppe) ist die ideologische Fehletikettierung "most liberal" ja noch geradezu harmlos.
Bill Burton vom Obama-Team kommentiert den eher lächerlichen Versuch der Stigmatisierungsstrategen, Obama ein bestimmtes Label anzuhängen so:
"Only in Washington can you get falsely attacked for being like Reagan one week and labeled the most liberal the next."Und er bekräftigt:
"The tendency of Washington to apply a misleading label to every person and idea is just one of the many things we need to change about how things operate inside the Beltway."
Steve Chapman von Reason sieht in Obama jemanden, der zumindest marktfreundlicher ist, als Hillary Clinton und die Mehrzahl der Demokraten:
"Obama is not a staunch free marketeer, but he grasps the value of markets and shows some deference to economic laws. Clinton, however, tends to treat both as piddly obstacles to her grand ambitions.
You don't have to take that from me. Some on the left see the Illinois senator as suspiciously unenchanted by their goals and methods. Robert Kuttner, an economics writer and co-editor of The American Prospect, scorns Obama's advisers as "free-market guys who want to use markets to somehow solve social problems, which is like squaring a circle." New York Times columnist Paul Krugman denounced Obama because his health care and fiscal stimulus plans "tilted to the right" and concludes he is "less progressive" than Clinton.
If progressive means issuing dictates that prevent informed people from entering into mutually agreeable and economically valuable transactions, that is undoubtedly true. Many liberals prefer to rely more on command and control. Nowhere is the contrast between the Democratic contenders more vivid than on how to deal with the fallout from the epidemic of mortgages gone bad."
Selbst die NZZ sieht bei seinen Beratern ein sehr viel positiveres Verständnis des Freihandels als es bei Demokraten üblicherweise anzutreffen ist:
"Für den Freihandel
In der Wirtschaftspolitik verlässt sich der Kandidat indes vor allem auf den Ökonomieprofessor Austan Goolsbee von der University of Chicago. Der 39-Jährige gilt als Star seines Fachs und wird auch von Konservativen als «vernünftig und solide» respektiert. Goolsbee rühmt Obamas Interesse an «Ideen, die jenseits der traditionellen Konfliktlinien liegen». In Beiträgen für die «New York Times» und in Blogs auf dem Internet bezeichnet Goolsbee die wachsende Kluft bei den Vermögen, die sinkenden Realeinkommen der Bevölkerungsmehrheit und die Abwanderung von Jobs nach Übersee als drängende Probleme der amerikanischen Volkswirtschaft. Goolsbee bricht jedoch mit der demokratischen Orthodoxie, indem er den Freihandel befürwortet."
Ein Libertärer ist Obama damit sicher nicht. Aber noch viel weniger all das, was man ihm derzeit andichtet!
NOTES IN THE MARGIN:
*) Zum Unterschied zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Liberalismus-Begriff - der eine ist das Gegenteil des anderen - empfehle ich einen Text von Robert Nef "Warum wollen alle Liberale sein? - Wider die Amerikanisierung des Liberalismus", der leider gerade offline ist (kümmere mich aber schon darum). Hier als teaser schon mal zwei Diskussionen, die zum Thema liberals vs. Liberale geführt worden sind.
Labels: Barack Obama, Bloggosphäre, Medien
Aber dass es sogar Dich erwischt hat, zeigt dass er ein höchst begabter Demagoge ist!
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