Thursday, July 05, 2007

Eiertanz statt Walkürenritt: Deutschland spottet jeder Beschreibung

Wenn gerade mal keine Holocaustleugner, Klimasünder oder "islamistischen Gefährder" als willkommene Vorwände für den Ausbau des "Polizeystaats" und die volkspädagogisch motivierte Hysterisierung der Öffentlichkeit zur Hand sind und auch keine hoheitlich zu potentiellen Terroristen deklarierten, in der Heide campenden Naturfreunde aus der Luft zu photographieren sind, jagt man gerne irgendwelchen anderen Gespenstern hinterher. In diesem Sommer ist nun also mal wieder Sekten-Saison ausgebrochen und beim medial-gouvernementalen Komplex brennen sämtliche Sicherungen durch ob der dräuenden Gefahr, die von der Mitgliedschaft von Tom Cruise in einer doch eher albernen Vereinigung ausginge, wenn er in der Rolle des Claus Graf Schenk von Stauffenberg eine der wenigen wirklich heroischen Gestalten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts verkörpern wird.

Einprägsamer als die Philadelphia Daily News vom 3. Juli kann man die würdelose Inszenierung um die verweigerten Drehgenehmigungen für den beliebten - und von mir seit Kindheitstagen trotz seiner kruden Weltanschauung überaus geschätzten - Hollywood-Star nicht zusammenfassen:

"It would be difficult to find a better way of recalling the Nazi era than by preventing a man from doing his job because of his beliefs."

Was die politische Klasse Berlins hier gerade aufführt, sprengt nicht nur den Rahmen gewohnt demokratischer Peinlichkeitsgrade (hier ist man in den letzten Jahren der geistig-moralischen Verwahrlosung ohnehin längst abgehärtet) es bedeutet vielmehr das schamlose, unverfrorene und sich auch keiner liberalen Mimikry mehr bedienende Dementi aller sonntäglichen Lippenbekenntnisse zu einem der heiligsten Verfassungsgrundsätze dieses "Rechtsstaats"!

Zum Glück haben wir noch ein paar Intellektuelle in Deutschland, die die Tassen im Schrank behalten haben, weil sie an günstigeren Gestaden ihre Erfolge feiern und folglich ihr Horizont nicht am Kirchturm von Deutsch-Krähwinkel endet. Gäbe es eine wirklich liberale Stiftung in Deutschland und würde diese Stiftung einen Freiheitspreis ausloben, dann hätte ihn sich Florian Henckel von Donnersmarck für seine in der FAZ erschienene fulminante Kampfansage an den PC-konformen deutschen Spießer "Deutschlands Hoffnung heißt Tom Cruise" redlich verdient! Bravo, bravissimo für diese befreienden Worte!!!


Eine besonders peinliche Fußnote, die sich freilich ins Sittengemälde dieser Republik nahtlos einfügt, sei noch erwähnt. Der Historiker Peter Steinbach hat auf Henckel von Donnersmarcks Plädoyer für Geistesfreiheit in einem Radio-Interview sehr schroff reagiert. Es sei "würdelos", so wird der hauptsächlich Gedenkkultur betreibende Staats-Intellektuelle Steinbach in der FAZ zitiert, wenn "eine historisch wichtige, wertvolle, als Orientierung dienende Persönlichkeit" wie Stauffenberg an den Glanz eines Kinostars gekoppelt werde, sagte Steinbach in einem Rundfunkinterview. Donnersmarcks Argumentation (und nicht etwa die vor Fäulnis über den Verrat an ihren eigenen Prinzipien bereits stinkende Republik) sei "verkommen", der Gebrauch des Begriffs "Übermensch" für Stauffenberg "leichtfertig und verantwortungslos". Steinbach hält einen "Superman" und Scientology-Adepten wie Tom Cruise nicht für geeignet, die dramatische innere Entwicklung Stauffenbergs vom Befürworter zum Gegner von Hitlers Regime überzeugend darzustellen. Steinbach müßte eigentlich wissen, wann es Zeit ist, nicht mit den Wölfen zu heulen oder besser: mit den Schafen zu blöken. Er verfaßte im Jahre 2003 das Nachwort zur Neuauflage von Friedrich August von Hayeks "Der Weg zur Knechtschaft".

Schon vor wenigen Monaten wollte bereits in einer eigensinnigen Mischung aus Schwabenstreich und Husarenritt der Provinzpolitiker Günther Oettinger an dem US-Schauspieler John Travolta ein Exempel des Gesinnungsstaates statuieren. Wenn wir erst einmal zulassen, daß hierzulande Politiker entscheiden, welche Schauspieler wir überhaupt noch sehen dürfen, dann wird am Ende der Fahnenstange allenfalls noch ein Charakterdarsteller wie Lassie in der Rolle des Ronald Pofalla durchgehen. Darum: Wehret den Anfängen!

11 comments:

Leni S. said...

schönes Pic! :-)

Dominik Hennig said...

Hier noch einmal in voller Länge der sensationell gute Essay von FHvD:

Stauffenberg-Verfilmung

Deutschlands Hoffnung heißt Tom Cruise

Von Florian Henckel von Donnersmarck


03. Juli 2007 Meine ganze Kindheit hindurch wurde am elterlichen Esstisch kaum etwas so häufig besprochen wie der 20. Juli 1944. Allerdings ging es nicht so sachlich zu wie bei anderen historischen Themen. Wenn wir auf die Verschwörer zu sprechen kamen, geriet meine - sonst eigentlich recht rationale - Mutter in einen Zustand fast hysterischer Erregung.

Sie wurde nicht müde, zu betonen, dass es niemanden auf der Welt gebe, den sie so sehr bewunderte wie Stauffenberg, niemanden, niemanden! Ihre Stimme wurde dabei seltsam hoch, und es machten sich rote Flecken um ihre Kehle breit. Wer weiß, was genau dahinterstand. Vielleicht dass ihr Vater aus einem ähnlichen familiären Umfeld kam wie die Verschwörer, viele von ihnen sogar kannte, selber aber nie etwas unternommen hatte?

Vielleicht aber hatte sie im Kopf auch einmal durchgespielt, ob sie selbst den Mut gehabt hätte, das Leben ihrer Kinder durch eine solche Tat aufs Spiel zu setzen, und war zu einem ungewissen Schluss gekommen? In jedem Fall nahm ihre Verehrung seltsame Ausmaße an: Wenn wir in eine neue Stadt zogen, suchte sie Hinterbliebene der Widerstandskämpfer auf (selbst in New York fand sie einen Sohn Ulrich von Hassels) und brachte ihnen eine Verehrung entgegen, die sich schwer mit ihrem sonst sehr kritischen Blick auf Menschen vereinbaren ließ.

Und wenn sie einen leibhaftigen Widerstandskämpfer ausfindig machen konnte, wie die alte Gräfin Yorck in Berlin, so wurde es schon fast bedenklich: Nur selten in meiner Kindheit machte ich meine Mutter so zornig, wie als ich es wagte, mir als Zehnjähriger an einem Sommertag im Garten von Marion Yorcks Dahlemer Villa das Hemd auszuziehen, weil mir heiß wurde. Hätte ich es mitten im kirchlichen Hochamt während der Wandlung augezogen - die Reaktion hätte nicht heftiger sein können.

Ein unbekanntes Kapitel unserer Geschichte

Auf diesem Gebiet familienbedingt sensibilisiert, weiß ich also: Wenn man heute im Ausland vom innerdeutschen militärischen Widerstand gegen Hitler spricht, runzelt fast jeder verwundert die Stirn. Und wenn einer doch vom 20. Juli weiß, so klingen ihm Churchills Worte in den Ohren, der das Attentat vor dem englischen Unterhaus beschrieb als „mörderischen, vernichtenden (,internecine') Machtkampf, in dem sich die höchsten Persönlichkeiten des Deutschen Reiches gegenseitig umbringen“.

Aber es ist nicht die Schuld der Alliierten, dass der Widerstand im Ausland ein so unbekanntes Kapitel unserer Geschichte geblieben ist (obwohl man bei Joachim Fest nachlesen kann, wie die Besatzungsmächte die Memoiren Schlabrendorffs und Pechels auf ihren Index verbotener Bücher setzten). Nein, das ist hauptsächlich auf Deutschland selbst zurückzuführen. Denn auch in Deutschland hätte man dem französischen Vorbild folgen und die Widerstandskämpfer offiziell zu den einzig wahren Vertretern der Nation stilisieren können. Stattdessen aber beschloss man, die Existenz Stauffenbergs und der anderen Attentäter auf Staatsebene erst einmal klein zu halten.

Ein Grund für das Verpassen dieser PR-Chance war sicherlich Adenauers Gesellschaftspolitik, die versuchte, die gesamte Zeit des Nationalsozialismus im Interesse des Wiederaufbaus zunächst beiseite zu schieben; im Osten passte eine Gruppe von konservativen, großenteils adeligen Offizieren sowieso nicht ins Heldenbild. Ein großer Teil der Bevölkerung der Bundesrepublik sah die deutschen Widerstandskämpfer als „Vaterlandsverräter“, mit denen man sich ungern schmücken wollte, zumal vor den ehemaligen Feinden. Auf inoffizieller Ebene aber bewegte das Thema die Gemüter natürlich sehr. 1955 kamen gleich zwei Stauffenberg-Filme gleichzeitig in die Kinos, immerhin mit Bernhard Wicki und Wolfgang Preiss. Gezeigt wurden sie aber nur in Deutschland.

Nur in der Heimat berühmt und gefeiert

Und als die Bundesrepublik zwanzig Jahre nach dem Attentat schließlich begann, die offiziellen Gebäude am 20. Juli zu beflaggen, eine Briefmarkenserie herauszugeben und mit Stauffenberg an die Öffentlichkeit zu gehen, war es für die internationale Geschichtsschreibung längst zu spät. Die Nazi-Propaganda der völligen Einheit von Führer und Volk, die auch den Feinden Deutschlands sehr recht war, hatte das Nachkriegsdeutschland selber auf unheimliche Weise weitergetragen. Und Stauffenberg schien verurteilt, nur in seiner Heimat berühmt und gefeiert zu sein.

Bis 2007. Bis heute. Durch eine für Deutschland sagenhaft glückliche Fügung wählte sich nämlich in diesem Jahr einer der erfolgreichsten Filmemacher der Welt, Bryan Singer, berühmt geworden durch „Die üblichen Verdächtigen“, ein Gigant des Hollywood-Kinos, der Junge wie Alte, Gebildete wie Ungebildete ins Kino zu ziehen versteht, wählte sich dieser Mann also zum Thema für seine neue Riesenproduktion ... unseren Stauffenberg!

Erpresserischer Handel

Schon einmal hat sich Bryan Singer auf ernsthafte Weise, wenn auch im Modus des fiktionalen Erzählens, dem Thema Nationalsozialismus genähert: Seine Verfilmung von Stephen Kings Novelle „Der Musterschüler“ spielt in den siebziger Jahren und erzählt (mit den hauptsächlich unter Cineasten bekannten Schauspielern Ian McKellen und Brad Renfro) die unheimliche Geschichte eines Schülers in einer amerikanischen Kleinstadt, der sich so intensiv mit der NS-Geschichte beschäftigt, dass es ihm gelingt, einen alten, alleinstehenden Nachbarn als ehemaligen Lagerkommandanten und international gesuchten Kriegsverbrecher zu identifizieren.

Aber statt den alten Mann zu verraten, schlägt er ihm einen erpresserischen Handel vor: Der Alte soll ihm erzählen, alles erzählen, von den Konzentrationslagern, von den Greueltaten, die er begangen hat, vom Leiden. Der Junge will kein Geschichtsbuchwissen. Er will Details; er will hören, wie es wirklich war. Aber durch die allzu intensive Beschäftigung mit dem Bösen verändert sich der Junge . . . Ein faszinierender Film, noch besser als das Buch, aber auch der am wenigsten erfolgreiche, den Singer je gemacht hat.

Singer lernte daraus, nie wieder einen ernsthaften Film ohne Stars zu drehen, weil große Stars die Einzigen sind, die einem breiten Publikum ein schwieriges Thema nahebringen können. Nur wegen Robert Redford und Dustin Hoffman interessierte sich die Weltöffentlichkeit dafür, was Regisseur Alan Pakula über den Watergate-Skandal zu sagen hatte. Und selbst ein Regisseur wie Robert Zemeckis („Zurück in die Zukunft“) hätte für einen zweieinhalbstündigen Kunstfilm über das Seelenleben eines Schiffbrüchigen auf einer einsamen Insel wohl nur eine kleine Produktionsgesellschaft und einen Independent-Verleih gewinnen können. Doch mit der Zusage von Tom Hanks bekam er von Dreamworks und 20th Century Fox ein Hundert-Millionen-Dollar-Budget für „Cast away“, und lockte weltweit um die hundert Millionen Menschen in die Kinos. Das war nie anders und wird nie anders sein. Und so hing auch bei Singers Stauffenberg-Film alles davon ab, ob er einen der ganz großen Stars für die Rolle würde gewinnen können. Er klopfte beim allergrößten an - bei Tom Cruise.

Der erfolgreichste aller Superstars

Tom Cruise ist der erfolgreichste aller Superstars. Und der vorsichtigste. Seit seinem großen Durchbruch mit „Top Gun“ vor zwanzig Jahren spielt er durchschnittlich nur eine Rolle pro Jahr (zum Vergleich: Robert De Niro spielte in der gleichen Zeit in mehr als vierzig Filmen, Gérard Depardieu in mehr als achtzig). Ein Tom Cruise aber überlegt sich genau, was er macht („Rain Man“, „Jerry Maguire“, „Die Firma“) und mit wem er arbeitet (Stanley Kubrick, Brian de Palma, Steven Spielberg). Er beschäftigt sich sehr genau mit Drehbüchern, hält seine Millionen Fans immer hungrig und erhält sich dadurch seinen Superstar-Status. Aber das allem Anschein nach sehr gute Drehbuch von „Valkyrie“ (so der Arbeitstitel des Stauffenberg-Projektes nach dem „Unternehmen Walküre“), die unerschrockene, männliche Haltung des Attentäters und die Leidenschaft Bryan Singers sagten ihm zu. Er nahm das Angebot an und wird jetzt sein Superstar-Licht auf diesen seltenen glanzvollen Moment im düstersten Kapitel unserer Geschichte werfen.

Er wird dadurch allein das Ansehen Deutschlands mehr befördern, als es zehn Fußball-Weltmeisterschaften hätten tun können. Und er wird dafür ebenso viel Kritik einstecken müssen wie zum Beispiel Steven Spielberg, der vehement dafür angegriffen wurde, dass er angeblich das Geschichtsbild der jungen Leute verzerrte, indem er die Heldentaten eines der ganz wenigen „guten Deutschen“, Oskar Schindlers, so herausstellte. Bryan Singer und Tom Cruise ignorierten diese Bedenken und waren im Interesse der Authentizität sogar bereit, den Film zum Großteil in Berlin zu drehen. Ich muss gestehen, dass ich bis zur Ankunft von Tom Cruise in Berlin immer noch glaubte, dass der Film abgesagt werden würde. Konnte Deutschland wirklich so viel Glück haben? Aber Tom Cruise flog ein, bezog eine Villa am Wannsee, und das Glück der Deutschen schien perfekt.

Drama vor Fakten

Doch dann meldete sich Graf Berthold von Stauffenberg, Sohn des Attentäters, in der „Süddeutschen Zeitung“ zu Wort: Tom Cruise „soll die Finger von meinem Vater lassen“. Und in einem weiteren sprachlichen Höhenflug mutmaßte er über den Film: „Da kommt sicher nur Mist raus.“ Dies ist allerdings keine ganz uninformierte Position. Er kennt Tom Cruise, wie er der Zeitung erzählte: Er hat im Fernsehen beim Zappen einmal einen Teil von „Top Gun“ gesehen, der ihm nicht gefallen hat. Überhaupt habe er die Erfahrung gemacht, bei Spielfilmen komme „Drama (...) immer vor Fakten“. Als schockierendes Beispiel führt er an, dass in Jo Baiers Fernsehfilm „Stauffenberg“ mit Sebastian Koch seine Eltern sich im Bayreuther Festspielhaus verloben, obwohl das in Wirklichkeit „ganz woanders“ geschehen sei.

Solche Vorwürfe kennt jeder Schriftsteller, jeder Filmemacher, oder vielleicht sollte ich sagen: jeder Dichter, von Schiller über Stefan Zweig bis hin zu David Lean und Daniel Kehlmann. Denn in dem Wort „Dichtung“ liegt bereits ihre poetische Entkräftung. Ein Spielfilm über Stauffenberg wird eine verdichtete Wahrheit sein, das heißt eine komprimierte Wahrheit, von der starken Hand des Autors zusammengepresst. Eine solche Wahrheit ist durch ihre große Dichte pro Kubikmillimeter (oder pro Sekunde) aber sogar wahrer, als es die lockere, unverdichtete Wahrheit je sein könnte.

Das Entscheidende bleibt

In diesem Verdichtungsprozess kann schon mal ein Festspielhaus neben einer Verlobung zu liegen kommen oder sich die Paspelierung des Schulterstücks einer Stasi-Uniform verfärben, aber das wirklich Entscheidende - in diesem Falle die Tatsache, dass ein erfolgreicher, patriotischer Offizier und Familienvater seinem Gewissen gefolgt ist und bereit war, mit einer Gruppe von Gleichgesinnten seinen Treueeid zu brechen und zu versuchen, den Tyrannen Adolf Hitler in die Luft zu sprengen - das wird nie verändert. Das ist doch die Essenz der Geschichte! Und die ist schon so dicht, dass selbst der inkompetenteste Dichter sie nicht verändern könnte oder wollte. Das würde auch Bryan Singer nicht einfallen, denn gerade wegen dieser Essenz macht er den Film. Und wegen dieser Essenz - und nur ihretwegen - ist der Film so wichtig und ist Stauffenberg eine so wichtige Figur. Alles andere interessiert nur die unmittelbare Stauffenberg-Verwandtschaft - und meine Mutter.

Aber Stauffenbergs Sohn kam auch noch auf einen anderen Aspekt zu sprechen: „Es ist mir unsympathisch, dass ein bekennender Scientologe meinen Vater spielt.“ In solchen Fällen freut man sich, dass unsere Rechtsprechung Personen der Zeitgeschichte kennt, bei deren Schilderung nicht nach Sympathie oder Antipathie der Erben entschieden werden kann. Es ging sogar schon extrem gegen mein Gerechtigkeitsempfinden, dass mir Barbara Brecht-Schall verwehren konnte, in „Das Leben der Anderen“ eine Strophe aus den „Tierversen“ ihres Vaters zu verwenden (und das wäre auch sicherlich stark gegen Brechts Gerechtigkeitssinn gegangen).

Wenn Sympathie und Antipathie befangener Personen entscheidend sind, sind die Entscheidungen meistens falsch. Sebastian Koch war meiner Einschätzung nach in Jo Baiers Film ein genialer Stauffenberg, und ich war Zeuge, als ihm Mitglieder der Familie Stauffenberg zu seiner Leistung gratulierten. Glücklicherweise aber hatten sie ihn vorher nicht zu seinem Lebensethos befragt. Denn wenn man den Freidenker Sebastian Koch gut kennt, weiß man: Da hätte es auch sicherlich einiges gegeben, was ihnen „unsympathisch“ gewesen wäre.

Deutsche Verbotsgeilheit

Aber gut, Berthold Stauffenbergs war eine Meinung. Glücklicherweise keine offizielle, aber doch eine, die Tom Cruise sicherlich nicht dabei half, sich in Berlin wohl- und in die Figur einzufühlen. Doch die offizielle Meinung folgte gleich: Antje Blumenthal, CDU, die „Sektenexpertin“ der Union (die übrigens, wie man auf ihrer Website nachlesen kann, auch Behinderten-, Baltikum-, Senioren- und Frauenexpertin ist), berichtete schon bald voller Stolz, Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung habe ihr „zugesichert, dass der Scientologe Tom Cruise keine Drehgenehmigung für den Bendlerblock erhält“. Und weiter: „Ich freue mich, dass wir eine Drehgenehmigung für einen ranghohen Scientologen in einem Bundesgebäude verhindern konnten.“ (Der Bendlerblock ist jener Gebäudekomplex, in dem Stauffenberg sein Büro hatte, das Attentat plante, und in dessen Hof er schließlich in der Nacht zum 21. Juli erschossen wurde).

Etwas später stellte sich heraus, dass deutsche Verbotsgeilheit hier mit Frau Blumenthal und Herrn Jung durchgegangen war, und noch überhaupt kein Antrag auf eine Drehgenehmigung seitens der Produktionsfirma vorlag. Noch später stellte sich heraus, dass über einen Antrag auf Drehgenehmigung im Bendlerblock zudem gar nicht vom Verteidigungsministerium, sondern vom Finanzministerium entschieden werden müsse. Bei den Politikern, die sich äußerten, schien sich allerdings ein Konsens zu bilden: Klaus Uwe Benneter, SPD, ließ sich mit der eifernden Feststellung vernehmen, die Besetzung von Cruise in der Rolle sei „ein Schlag ins Gesicht aller aufrechten Demokraten“ und überhaupt seien Scientologen „nicht gesellschaftsfähig“. Und ein Abgeordneter der FDP, Hans-Joachim Otto, Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien, appellierte an den Regisseur, „die Rolle des Stauffenberg mit einem unbelasteten Schauspieler zu besetzen, auch um die berechtigten Gefühle der Stauffenberg-Angehörigen nicht zu verletzen“. Und so gab auch das Finanzministerium dem deutschen Verbotstrieb nach und lehnte den Antrag auf einen Dreh am Originalschauplatz, als er denn schließlich einging, am vergangenen Freitag endgültig ab.

Nicht ganz auf dem Kurs Deutschlands

Wie sehr hat sich Deutschland gewandelt hat in den letzten Jahrzehnten - und gleichzeitig wie wenig! Waren uns Stauffenberg und Konsorten nach dem Krieg noch undeutsche Vaterlandsverräter, so ist uns heute selbst der größte Star der Siegernation nicht gut genug, unseren Übermenschen Stauffenberg zu spielen, wenn dieser Star in seinen persönlichen Überzeugungen nicht ganz auf dem gegenwärtigen Kurs Deutschlands liegt. Denn es ist ja nicht so, dass Cruises Arbeit als Schauspieler bei „Valkyrie“ irgendetwas mit Scientology zu tun hätte. Cruise hat keine Szene in das Drehbuch schreiben lassen, in der ein dreiunddreißigjähriger bacchantischer Rotschopf namens L. Ron Hubbard nach Berlin kommt, Stauffenberg an einen E-Meter schnallt und ihn mit Rekord-Geschwindigkeit zum „State of Clear“ und dadurch zur Einsicht führt, dass er Hitler beseitigen müsse.

Das aber wäre so ziemlich die einzige Rechtfertigung für den Verbotszirkus gewesen, den unsere Politiker hier aufgeführt haben. Oder halten sie etwa die Bürger Deutschlands für so unmündig, dass sie glauben, sie davor bewahren müssen, ihre Bewunderung für Stauffenbergs Tat auf Tom Cruises private Überzeugungen zu übertragen? Ich will sehr hoffen, dass kein Politiker sich zu einer solchen Überheblichkeit bekennen würde.

Furchtbar langweilige Gleichmacherei

Auf dem Merkblatt, das Frau Blumenthal empfiehlt, um sich über Scientology zu informieren, wird viel Aufhebens darum gemacht, dass L. Ron Hubbard zunächst „Verfasser von Western-Romanen, Grusel-Stories und Science-Fiction“ war, bevor er eine sehr Science-Fiction-artige Weltgeschichte schrieb, die seinen Jüngern jetzt gegen viel Geld als verbindlich gelehrt wird. Aber ist es nicht herrlich, dass wir in einer Welt leben, in der ein halb erfolgreicher Science-Fiction-Autor zum hundertfachen Millionär werden kann, indem er seinen Jüngern erzählt, dass vor 75 Millionen Jahren ein böser Herrscher namens Xenu viele Milliarden seiner Subjekte in Vulkane abgesetzt und mit Wasserstoffbomben in die Luft gesprengt hat? Und dass die rastlosen Seelen dieser Ermordeten noch heute die Quelle all unserer Leidens auf Erden sind? Die furchtbar langweilige Gleichmacherei, die in Deutschland zur Zeit grassiert, toleriert das nicht. Sie will komplette Korrektheit in allen Aspekten des Lebens.

Aber vielleicht müsste man sich in diesem Kontext auch Stauffenberg noch einmal genauer ansehen. Als Jugendliche entdeckten mein Bruder und ich in einem Buch einen Stauffenberg-Brief, in dem er seiner Frau die Bevölkerung Polens als „Pöbel“ beschrieb, bestehend aus „sehr vielen Juden und sehr viel Mischvolk“, „ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt“. Wenn wir gut in Form waren, konnten wir meine Mutter damit zu Tränen bringen. Aber sprechen wir Stauffenberg deshalb seinen sagenhaften Heldenmut, seine große Gewissensstärke und seinen Vorbildcharakter ab? Natürlich nicht. Aber seine übermenschliche Vollkommenheit? Die ja.

Wir sind alle keine Götter

Oder nehmen wir unsere Familienheilige Marion Yorck, in deren Dahlemer Villa ich dereinst meinen Bauchnabel zeigte. Sie starb vor drei Monaten im Alter von 103 Jahren. Zu ihrem hundertsten Geburtstag veröffentlichte ein Berliner Historiker im „Taz-Magazin“ Hintergründe zu ihrer Arbeit als Richterin in der Nachkriegszeit. Darin war zu lesen, wie sich Marion Yorck dafür einsetzte, dass homosexuelle KZ-Insassen keine finanzielle Entschädigung als Opfer des Nationalsozialismus bekamen. Er erzählt auch, wie sie einen Ingenieur nach dem Krieg erneut ins Gefängnis brachte für acht Monate, weil er nicht angegeben hatte, dass er wegen Homosexualität verfolgt gewesen war, und somit „zu Unrecht“ Unterstützung erhalten hatte. Eine traurige Geschichte, die aber die Leistung und den Mut dieser Frau auf einem ganz anderen Gebiet nicht schmälert.

Vielleicht müssen wir einfach erkennen, daß wir alle keine Götter sind, weder Stauffenberg noch Tom Cruise, noch L. Ron Hubbard, noch wir anderen. Am deutschen Wesen wird niemand genesen, und auch nicht am amerikanischen. In Wahrheit kann doch jeder nur für sich und an sich selber genesen, und das Leben bleibt eine Suche nach der inneren Wahrheit. Und genau für diese Suche steht Stauffenberg. Einen sicheren Rahmen für diese Suche zu bieten, das wünsche ich mir vom Staat. In Sachen Tom Cruise und Stauffenberg hat sich der deutsche Staat aber wieder einmal so präsentiert, als hätte er die Antworten.

Umfrage: Soll Tom Cruise Graf Stauffenberg spielen?
Text: F.A.Z., 03.07.2007, Nr. 151 / Seite 33

Dominik Hennig said...

Zum Thema Sektenhysterie sei mir noch ein Buchtip an dieser Stelle gestattet. Dieser unsägliche Sektenbekämpfungsfimmel der Staatskirchen und Staatsparteien beweist ein weiteres Mal: Man hat in Deutschland sehr viele Freiheiten, solange man keine davon in Anspruch nimmt.

Dominik Hennig said...

Gibt's auch billiger! ;-)

Dirk said...

Was die politische Klasse Berlins hier gerade aufführt, sprengt nicht nur den Rahmen gewohnt demokratischer Peinlichkeitsgrade (hier ist man in den letzten Jahren der geistig-moralischen Verwahrlosung ohnehin längst abgehärtet) es bedeutet vielmehr das schamlose, unverfrorene und sich auch keiner liberalen Mimikry mehr bedienende Dementi aller sonntäglichen Lippenbekenntnisse zu einem der heiligsten Verfassungsgrundsätze dieses "Rechtsstaats"!

Das trifft es auf den Punkt. Es ist immer wieder erstaunlich zu erfahren, wie selbst die größten "Leistungen" noch getopt werden können.

Lydia Krasnic said...

@DDH: Unterschreibe alles was Du geschrieben hast! Aber Dein Männergeschmack ist grausam!

Dominik Hennig said...

Die Debatte geht weiter!

Burkhard von Grafenstein said...

Danke für diese Zusammenstellung zentraler FAZ-Texte zum Thema.

Als erster auf die lustige Idee, Stauffenberg selbst dürfte heute wahrscheinlich nach Meinung vieler die Rolle des Stauffenberg nicht spielen, kam übrigens A. F. Lichtschlag.

kno said...

@ Lydia Krasnic

der ist doch verdammt heiß

Anonymous said...

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