Thursday, March 06, 2008

Linksrutsch???

Wenn ich mir weiter das allgemeine Palaver vom "Linksrutsch" anhören muß, werde ich noch trübsinnig. Oder handgreiflich. Deutschland wird sozialistischer, das ist wahr! Aber linker? Der Sozialismus ist eine verquere Sozialtheorie, die, wie man bei Rothbard nachlesen kann, strenggenommen zwischen dem klassischen - radikalen - Liberalismus und dem Konservatismus als Herrschaftsideologie des ancien régime steht. Der Sozialist Ferdinand Lassalle ("Der Staat ist Gott") war sich dessen bewußt, als er gegenüber preußischen Amtsrichtern einmal sinngemäß ausführte, man habe doch vielmehr miteinander gemeinsam als mit jenen radikalliberalen Kräften, die den Staat ablehnten, und zwar nicht irgendeinen Staat, sondern den Staat überhaupt.

Wo wird denn Deutschland "linker"? Wird es aufgeklärter? Fortschrittsfreundlicher? Weltoffener? Toleranter? Antiautoritärer? Löcken mehr Leute wider den Stachel der Obrigkeit? Nimmt der zivile Ungehorsam zu? Werden die Verbote kassiert? Wird Sterbehilfe legalisiert? Wird es endlich jedermanns Privatangelegenheit, welche Substanzen er zu sich nimmt? Werden in einer umfassenden Säkularisierung die Kirchenprivilegien (Kirchensteuer, Religionsunterricht) abgeschafft? Wird Glücksspiel auch denen erlaubt, die nicht in Aufsichtsräten von Staatsbanken sitzen, für die dann der Steuerzahler den Ausfallbürgen spielen darf? Nehmen die Beschränkungen der persönlichen Freiheit ab (in Baden-Württemberg darf man um eine bestimmte Uhrzeit keinen Alkohol mehr kaufen, was freilich die Frage aufwirft, wie man dieses System denn bitteschön ertragen soll, wenn nicht im Suff)? Gibt es irgendwo Rebellion gegen fortwährende Einmischungen, Entmündigungen, sinnlose Vorschriften? Werden die ganzen Tributleistungen an Zwangskammern und andere Privilegienritter (z.B. die seit der Nazizeit zum Privatwohnungszutritt bevorrechtigten Schornsteinfeger) eingestellt? Werden im Osten statt wohlstandschaffenden (wenn man sie denn ließe und nicht durch Marktzutrittsbarrieren, wie viele Inländer übrigens auch, in Abhängigkeit hielte!) Ausländern inzwischen mal wohlstandaufzehrende Politiker bei Volksfesten zum Gaudium durch die Stadt gejagt, anstatt diese nutzlose Personengruppe zu allerlei lokalen Festivitäten ganz im Untertanengestus ergebenst einzuladen und ihr das Gefühl zu geben, sie sei die Zierde, ja, das Schmuckstück der Gemeinde? Wird das staatliche Kidnapping - hochtrabend "Schulpflicht" genannt - endlich im Urinal der deutschen Verfehlungsgeschichte versenkt? Was ist mit der legalisierten Sklaverei, die sich "Wehrpflicht" nennt, obwohl es sich um ganz ordinäre Zwangsarbeit handelt? Wird die Enteignerklasse (Beamte, Bauern, hochsubventionierte und durch Importbarrieren vom Verbraucher gepäppelte Großindustrie, Staatsmedien, der staatliche Bildungssektor und vor allem die classe politique) endlich entmachtet?

Gibt es einen Volksaufstand gegen das Töten und Sterben in Afghanistan? Die Partei "Die Linke", die in diesem einen Punkt wirklich "links" (im Sinne des antimilitaristischen Erbes der Manchesterliberalen!) argumentiert (auch wenn es da - remember Sowjeteinmarsch unter SED-Beifall anno 1979! - mit der Glaubwürdigkeit arg hapert) ist genau deswegen auf Bundesebene bis dato nicht koalitionsfähig. Erst, wenn sie den gleichen schäbigen "Wandlungsprozeß" wie die Grünen durchgemacht haben, dürfen sie bei Tische platznehmen. Der wird nicht lange auf sich warten lassen, die Karenzzeit bis zur "Einsicht in die Realpolitik" währt bei Sozialisten jeglicher Couleur nie lang.

Deutschland driftet. Aber gewiß nicht nach links.

10 comments:

Luke said...

sehr gelungen

Anonymous said...

Alles ausser DDH und Paxx.tv ist also "rechts"? Alles Faschos ausser Murray?

Anonymous said...

Ein Link in dem Text über den vermeintlichen Linksrutsch führt zu einem älteren Artikel Dominik Hennigs, in dem er sich kritisch mit den Grünen auseinandersetzt. Vielem von dem, was er damals (vor circa einem Jahr) über die Grünen schrieb, trifft meines Erachtens zu. ABER: Was soll uns eigentlich der Satz von "den Ursprüngen von 1789 mit all der verlogen-humanitaristischen Phraseologie" sagen?

Es ist ja nicht so, dass ein solcher Satz in Deutschland Originalität beanspruchen könnte. Und doch hatte ich gehofft, dass wir dank der "Verwestlichung" unseres Landes über solche Haltungen längst hinausseien. Wie man sich täuschen kann...

Dass dergleichen sich dann auch noch auf einer "libertären" Website findet, muss erst recht überraschen.

Anonymous said...

Oh sorry...

Ganz so anonym wollte ich nun auch wieder nicht bleiben. Also: Der Kommentar oben, der auf 1789 Bezug nimmt, war von mir...

tbw

tiery said...

Ist ja gut, dann wird Deutschland eben "sozialistischer" und erlebt keinen "Linksrutsch". Wegen mir kannst Du es auch als "bürokratenrutsch" bezeichnen.

Nur, die meisten Sozialisten bezeichnen sich eben als "links", und glauben, ihr "Herz schlägt links", von daher ist der Begriff "Linksrutsch" so unangebracht auch wieder nicht....

Dirk said...

Deinem Gebrauch der Begriffe links und sozialistisch kann ich hier nichts abgewinnen. Ich sehe für diese Art der Differenzierung zwischen links und sozialistisch keine historischen Vorbilder.

Anonymous said...

vielleicht sollte man besser zwischen "sozialistisch" und "staatssozialistisch" unterscheiden, wie das ja einige left libertarians auch tun, die sich auf individualanarchistische und manchersterliche kirchenväter berufen.

mit 1798 scheint ddh wohl an hayek zu orientieren, der immer schon die französische aufklärung und v.a. rousseau zugunsten der engländer und schotten verworfen hat, oder?

Fabio Bossi said...

Dominik, meinst Du nicht, daß eine gewisse Gefahr der Sturheit besteht, wenn paxx.tv und Du auf Eurer etwas eigenwilligen und unkritischen Interpretation von "links" herumreitet?
Nur, weil ihr Euch unbedingt selbst "linkslibertär" nennen wollt, hantierst Du mit blumigen Attributen wie "Fortschrittsfreundlicher" und "weltoffener" als müße man "links" sein, um sich das ans Revers heften zu dürfen. Ich finde das anmaßend und dumm (und übrigens sehr "politisiert").

Anonymous said...

"Deutschland wird sozialistischer", wir leben wohl in zwei unterschiedlichen Filmen. Nur weil die LINKE ein paar Sitze bekommen hat und jetzt irgendwo irgendwas erzählen darf?

Deutschland wird dann sozialistischer, wenn die LINKE so 35% oder 40% bekommt und richtungsentscheidend wird. Alles andere ist Spielwiese der so genannten parlamentarischen Demokratie. Wer's nicht glaubt, soll mal den Sozialismus in Berlin untersuchen.

www.deutschland-debatte.de

Dominik Hennig said...

Sozialismus und Demokratie sind eine Tautologie!