Freitag, Oktober 12, 2007

Aus dem Archiv: Ralph Raico über die Geschichte des Liberalismus

Nachdem Herr Lichtschlag schon seit längerem meint, er müsse sein Magazin auf "JF light" trimmen, die wie immer verhuscht-leisetreterischen Hayekianer nicht nur einen übertrieben elitären Habitus pflegen und zudem ihre Schriften immer so unerschwinglich machen, als enthielten sie Geheimwissen, auf daß sie möglichst keine junge und breite Leserschaft erreichen mögen, die Jungs von Liberty.li sich auch nicht mehr der Pflege des Liberalismus widmen wollen und nur durch meine Intervention Blankertz' Libertäres Manifest (ein ganz wichtiger Grundlagentext! Die von Rothbard sind ja außerdem weitgehend vergriffen, aber auch das juckt niemanden, dafür befassen wir uns ja in Liberalistan mit Eva Herman und Ellen Kositza!) von den Freiheitsfabrikanten wieder online gestellt wurde, und zu allem Unglück das Antibuerokratieteam mit den ausgewiesenen "chicken hawks" Statler & Waldorf fusioniert hat und dadurch das linksetatistische Feindbild (Neocons = Neoliberale = Bonzenschweine) zu bestätigen sich alle Mühe gibt, scheint es so, als ob mein Blog und kongenial Paxx.tv die letzten Mohikaner sind, die sich einen radikalen, ja revolutionären Liberalismus zu verbreiten und weiterzuentwickeln, ja, überhaupt erst wiederzuentdecken, zur Aufgabe gemacht haben. Alle anderen wenden sich ihren Hobbys zu, den Kampf um die Freiheit hat man in der "Szene" weitgehend aufgegeben. Die einen (rechtsreaktionäre Kulturkämpfer, siehe neueste Entgleisungen auf ef-online) wollen um jeden Preis anecken, die anderen (gradualismusbesoffene technokratiehörige Reform-Etatisten) um jeden Preis zum Establishment dazugehören. Auf Grundsätze ist hier wie da geschissen. Die kulturkonservative Attitüde ist beiden Varianten der Fahnenflucht vor dem Kampf gegen die antiliberalen Fortschrittsfeinde gemeinsam. Will mich aber zwischen zwei Chauvi-Varianten, ob ich lieber was gegen "Neger" (die ich diskriminieren muß) oder gegen "Musels" (die ich bombardieren muß) habe, nicht entscheiden müssen. Sorry, Leute! Mich könnt's Ihr alle mal kreuzweise! Mir reicht's nämlich!

Auf diesem Blog werden auch in Zukunft freiheitliche Texte veröffentlicht. Heute: Ein Aufsatz von Prof. Dr. Ralph Raico über den klassischen Liberalismus.


Die Geschichte des Liberalismus*

Von Ralph Raico

Klassischer Liberalismus - oder einfach Liberalismus, wie er bis etwa zur Jahrhundertwende genannt wurde - ist die kennzeichnende politische Philosophie der westlichen Zivilisation. Hinweise auf die liberale Idee werden auch in anderen bedeutenden Kulturen gefunden. Aber es war die besondere Gesellschaft, die sich in Europa - und seinen Außenposten, vor allem Amerika - entwickelte, welche als Nährboden des Liberalismus diente. Umgekehrt wurde diese Gesellschaft entscheidend durch die liberale Bewegung geprägt.

Dezentralisierung und Gewaltentrennung sind die Kennzeichen der europäischen Geschichte. Nach dem Fall Roms gelang es keinem Imperium mehr, den Kontinent zu beherrschen. Statt dessen wurde Europa zu einem komplexen Mosaik miteinander wetteifernder Nationen, Fürstentümer und Stadtstaaten. Die verschiedenen Herrscher fanden sich im Wettbewerb miteinander wieder. Wenn einer von ihnen wagte, räuberisch hohe Steuern zu verlangen oder Eigentum willkürlich zu konfiszieren, so musste er damit rechnen, seine produktivsten Bürger zu verlieren, welche zusammen mit ihrem Kapital "austreten" konnten. Die Könige fanden auch mächtige Rivalen in ehrgeizigen Baronen und in, von einer internationalen Kirche gestützten, religiösen Autoritäten. Es entstanden Parlamente, welche die Steuergewalt des König begrenzten, sowie freie Städte mit speziellen Privilegien, welche die Leitung der Händlerelite überließen.

Im Mittelalter hatten viele Teile Europas, vor allem im Westen, eine Kultur entwickelt, die Besitzrechten und Handel freundlich gesinnt war. Auf philosophischer Ebene lehrte die Doktrin des Naturrechts - die von den stoischen Philosophen des alten Griechenland und Roms abgeleitet war -, dass das Naturrecht unabhängig von den Entwürfen der Menschen existierte und dass die Herrscher den ewigen Gesetzen der Gerechtigkeit unterworfen waren. Die Doktrin des Naturrechts wurde von der Kirche hoch gehalten und an den großen Universitäten verkündet, von Oxford und Salamanca bis nach Prag und Krakau.

Am Anfang der Moderne begannen die Herrscher, sich der uralten, traditionellen Einschränkungen ihrer Macht zu entledigen. Königlicher Absolutismus wurde zur wesentlichen Tendenz dieser Zeit. Die Könige Europas behaupteten nun, dass Gott sie auserwählt habe, um die Quelle allen gesellschaftlichen Lebens und aller Aktivitäten zu sein. In Folge dessen versuchten sie, die Religion, Kultur, Politik und vor allem das wirtschaftliche Leben der Menschen zu steuern. Um ihre blühende Bürokratien und die ständigen Kriege zu finanzieren, wurden immer höhere Steuersätze nötig, und sie versuchten, diese auf bisher ungekannte Wege aus ihren Untertanen herauszupressen.

Das erste Volk, das sich gegen dieses System erhob, waren die Niederländer. Nach einem jahrzehntelangen Kampf errangen sie ihre Unabhängigkeit von Spanien und gründeten ein einzigartiges politisches Gemeinwesen. Die Vereinigten Provinzen, wie der radikal dezentralisierte Staat genannt wurde, hatten weder König noch allzu viel Macht auf Bundesebene. Geld verdienen war die Leidenschaft dieser geschäftigen Handwerker und Händler: Sie hatten keine Zeit, Ketzer zu jagen oder neue Ideen zu unterdrücken. Dadurch kam es de facto zu religiöser Toleranz und einer weit reichenden Pressefreiheit. Die Niederländer schufen ein Rechtssystem, welches auf der Herrschaft des Rechts sowie der Heiligkeit von Besitz und Verträgen basierte. Die Steuern waren niedrig, und jeder arbeitete. Das niederländische "Wirtschaftswunder" war das Wunder des damaligen Zeitalters. Aufmerksame Beobachter in ganz Europa nahmen den niederländischen Erfolg mit großem Interesse zur Kenntnis.

Eine Gesellschaft, die in vielerlei Hinsicht der Hollands ähnlich war, hatte sich jenseits der Nordsee entwickelt. Im 17. Jahrhundert war auch England durch das Haus der Stuarts vom Absolutismus bedroht. Die Reaktion darauf war Revolution, Bürgerkrieg, ein König wurde geköpft, ein weiterer aus dem Amt gejagt. Im Laufe dieses tumulthaften Jahrhunderts erschienen die ersten Bewegungen und Denker, die eindeutig als liberal bezeichnet werden können.

Nachdem der König gegangen war, entstand eine neue radikale Gruppe aus der Mittelschicht, die Leveller. Sie vertraten die Meinung, dass nicht einmal das Parlament das Recht besäße, die natürlichen, von Gott gegebenen Rechte der Menschen widerrechtlich an sich zu reißen. Religion, behaupteten sie, sei eine Sache individuellen Gewissens: Sie sollte in keiner Beziehung zum Staat stehen. Vom Staat garantierte Monopole seien gleichermaßen eine Verletzung natürlicher Freiheit. Eine Generation später entwickelte John Locke, basierend auf der Tradition des Naturrechts, welches von den Theologen der Scholastik am Leben erhalten und weiter ausgefeilt worden war, ein mächtiges liberales Modell des Menschen, der Gesellschaft und des Staates. Jeder Mensch, meinte er, sei von Geburt an mit bestimmten natürlichen Rechten ausgestattet. Dazu gehört sein Grundrecht auf "property" (Eigentum) - das bedeutet: sein Leben, Freiheit und materielle Güter. Die Aufgabe der Regierung sei es einfach, sein Recht auf Eigentum zu schützen. Sobald eine Regierung Krieg gegen die natürlichen Rechte der Menschen führt, anstatt sie zu beschützen, dürfen die Menschen die Regierung ändern oder abschaffen. Die Lockesche Philosophie war viele Generationen lang in England einflussreich. Zur rechten Zeit sollte sie ihre größten Wirkung schließlich in den englischsprachigen Kolonien in Nordamerika entfalten.

Die Gesellschaft, die in England nach dem Sieg über den Absolutismus entstand, erzielte erstaunliche Erfolge im wirtschaftlichen und im kulturellen Leben. Denker aus Kontinentaleuropa, vor allem aus Frankreich, begannen, sich dafür zu interessieren. Einige von ihnen, wie etwa Voltaire und Montesquieu, besuchten England, um sich selbst ein Bild zu machen. Genau so wie einst Holland als Modell gedient hatte, begann nun das Beispiel Englands ausländische Philosophen und Staatsmänner zu beeinflussen. Die Dezentralisierung, welche immer ein Kennzeichen Europas gewesen war, gestattete es dem englischen "Experiment", stattzufinden, und sein Erfolg spornte andere Nationen an.

Im 18. Jahrhundert entdeckten Denker eine bemerkenswerte Tatsache über das gesellschaftliche Leben: Unter der Voraussetzung, dass den Menschen ihre natürlichen Rechte garantiert sind, regiert sich die Gesellschaft mehr oder weniger selbst. In Schottland entwarfen einige brillante Autoren wie etwa David Hume und Adam Smith die Theorie einer spontanen Evolution gesellschaftlicher Einrichtungen. Sie zeigten, wie immens komplexe und lebenswichtige Institutionen - Sprache, Moral, das allgemeine Gesetz und vor allem der Markt - sich nicht nur als Produkt der Planung von "Sozial-Ingenieuren" entwickeln, sondern als Resultat der Interaktionen aller Mitglieder der Gesellschaft, welche ihre individuell unterschiedlichen Ziele verfolgen, entstehen.

In Frankreich kamen Ökonomen zu ähnlichen Schlüssen. Der größte von ihnen, Turgot, postulierte die logische Grundlage des freien Markts mit folgenden Worten: "Der richtige Weg ist es daher, dem Lauf der Natur zu folgen, ohne vorzugeben, ihn zu steuern. Um Handel und Kommerz zu steuern, wäre es notwendig, über solch detailliertes Wissen über all die verschiedenen Bedürfnisse, Interessen und menschlichen Tätigkeiten zu verfügen, dass es selbst für die fähigste, aktivste und detaillierteste Regierung schlichtweg unmöglich wäre, ein solches zu erwerben. Und selbst wenn eine Regierung über eine solche Vielfalt an detailliertem Wissen verfügte, würde sie zu dem Schluss kommen, die Dinge so laufen zu lassen, wie sie es von selbst tun, einzig durch die im freien Wettbewerb hervorgerufenen Handlungen von Menschen, die ihrem Interesse folgen."

Die französischen Ökonomen prägten einen Begriff für die Politik der Freiheit im wirtschaftlichen Leben: Sie nannten ihn laissez-faire. Inzwischen hatten seit dem 17. Jahrhundert Kolonisten, die vor allem aus England gekommen waren, an der Ostküste Nordamerikas eine neue Gesellschaft begründet. Unter dem Einfluss der Ideen, welche die Kolonisten mit sich gebracht hatten, und der Institutionen, welche sie entwickelt hatten, entstand ein einzigartiger Lebensstil. Es gab keinen Adel und kaum eine Regierung. Anstatt politische Macht anzustreben, arbeiteten die Kolonisten, um eine anständige Existenz für sich selbst und ihre Familien aufzubauen.

Äußerst unabhängig, widmeten sie sich auch dem friedlichen - und profitablen - Austausch von Gütern. Ein komplexes Handelsnetzwerk formte sich, und in der Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Kolonisten bereits wohlhabender als alle anderen einfachen Bürger der Welt. Selbsthilfe war auch das Leitmotiv, was spirituelle Werte betraf. Kirchen, Colleges, Büchereien, Zeitungen, Vortragsinstitute und kulturelle Vereinigungen blühten dank der freiwilligen Zusammenarbeit der Bürger.

Als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach, war die vorherrschende Ansicht über die Gesellschaft, dass sie sich im Prinzip selbst regierte. Mit den Worten Tom Paines: "Formelle Regierung macht höchstens einen kleinen Teil des zivilisierten Lebens aus. Diese großartigen und fundamentalen Prinzipien der Gesellschaft und der Zivilisation - der nie endende Kreislauf von Interessen, welcher durch seine Millionen Kanäle die gesamte Masse der zivilisierten Menschheit belebt - diese Dinge sind es unendlich mehr als jede Maßnahme, die auch die beste Regierung ergreifen kann, von denen die Sicherheit und das Wohlergehen sowohl des Individuums als auch der Gesamtheit abhängen. Die Gesellschaft leistet selbst beinahe alles, was der Regierung zugeschrieben wird. Die Regierung ist nur notwendig, um die wenigen Aufgaben zu übernehmen, zu welchen Gesellschaft und Zivilisation nicht unmittelbar kompetent genug sind."

Mit der Zeit würde diese neue Gesellschaft, welche auf der Philosophie natürlicher Rechte gegründet war, der Welt als ein noch leuchtenderes Beispiel für Liberalismus dienen, als es vor ihr Holland und England getan hatten.

Triumphe und Herausforderungen
Am Anfang des 19. Jahrhunderts war der klassische Liberalismus - oder kurz Liberalismus, wie die Philosophie der Freiheit damals genannt wurde - das Gespenst, welches Europa heimsuchte - und die Welt. In jedem entwickelten Land war die liberale Bewegung aktiv.

Vorwiegend aus der Mittelschicht stammend, umfasste sie Menschen verschiedener Religionen und philosophischer Hintergründe. Christen, Juden, Deisten, Agnostiker, Anhänger des Utilitarismus oder des Naturrechts, Freidenker und Traditionalisten, sie alle hielten es für möglich, für ein fundamentales Ziel zu arbeiten: den Freiraum der Gesellschaft zu erweitern und den Raum von Zwang und Staat zu verkleinern.

Die Schwerpunkte variierten in den verschiedenen Ländern. In einigen, etwa den mittel- und osteuropäischen Ländern, forderten die Liberalen den Rückzug des absolutistischen Staates und sogar der Überbleibsel des Feudalismus. Dieser Zielsetzung gemäß konzentrierte sich der Kampf auf das Recht auf Privateigentum an Land, Religionsfreiheit und die Abschaffung der Leibeigenschaft. In Westeuropa hatten die Liberalen oft für Freihandel, Pressefreiheit und die Herrschaft des Rechts als Souverän über die Funktionäre des Staates zu kämpfen.

In Amerika, dem Musterbeispiel eines liberalen Landes, bestand das wichtigste Ziel darin, das Eindringen der Regierungsgewalt abzuwehren, wie es durch Alexander Hamilton und seine auf Zentralisierung bedachten Nachfolgern vorangetrieben wurde, und schließlich etwas gegen den größten Schandfleck zu unternehmen - die Sklaverei.

Vom Standpunkt des Liberalismus hatten die Vereinigten Staaten von Beginn an bemerkenswert viel Glück. Ihr Gründungsdokument, die Unabhängigkeitserklärung, war von Thomas Jefferson geschrieben worden, einem der führenden liberalen Denker seiner Zeit. Diese Deklaration versprühte die Vision einer Gesellschaft, die aus Individuen bestand, welche über ihre natürlichen Rechte verfügten und ihre selbstgewählten Ziele verfolgten. In der Verfassung und der Bill of Rights schufen die Gründer ein System, in welchem die Macht durch verschiedene Einschränkungen geteilt, begrenzt und eingeschlossen sein würde, während sich die Individuen durch Arbeit, Familie, Freunde, Weiterbildung und ein dichtes Netzwerk freiwilliger Verbindungen auf ihre Suche nach Erfüllung begeben würden. Wie europäische Reisende mit Ehrfurcht bemerkten, konnte man sagen, dass in diesem neuen Land so etwas wie Regierung kaum existent war. Dies war das Amerika, welches ein Modell für die Welt wurde.

Einer, der Jeffersons Tradition im frühen 19. Jahrhundert fortsetzte, war William Leggett, ein in New York ansässiger Journalist und Parteigänger Andrew Jacksons, der gegen die Sklaverei entrat. Leggett erklärte:

"Alle Regierungen sind zum Schutz von Person und Eigentum eingesetzt; die Menschen delegieren an ihre Herrscher nur jene Befugnisse, welche hierfür unbedingt notwendig sind. Das Volk will nicht, dass die Regierung ihre Privatsachen reguliert oder ihnen vorschreibt, wie ihre Unternehmungen abzulaufen haben und wie viel Profit dabei herauskommen soll. Schützt Personen und ihr Eigentum, und der Rest ist ihre eigene Angelegenheit."

Diese Laissez-faire-Philosophie wurde die felsenfeste Überzeugung unzähliger Amerikaner aller Schichten. In den nachfolgenden Generationen fand sie ein Echo in den Werken liberaler Autoren wie R. L. Godkin, Albert Jay Nock, H. L. Mencken, Frank Chodorov und Leonard Read. Für den Rest der Welt war dies die besondere, charakteristische amerikanische Perspektive.

Mittlerweile machte der wirtschaftliche Fortschritt, der in der westlichen Welt langsam ins Rollen gekommen war, einen großen Sprung vorwärts. Zuerst in Großbritannien, dann in Amerika und Westeuropa veränderte die Industrielle Revolution das Leben der Menschen wie kein anderes Ereignis seit der Jungsteinzeit. Nun war es der großen Mehrheit der Menschheit möglich, dem undenklichen Elend zu entgehen, welches sie im Laufe der Zeit als ihr unabänderliches Schicksal akzeptieren gelernt hatten. Jetzt war es vielen Millionen, die in der ineffizienten Wirtschaft der alten Ordnung zu Grunde gegangen wären, möglich zu überleben. Während die Bevölkerung Europas und Amerikas auf bisher unerreichtes Niveau anwuchs, erreichten die neuen Massen Schritt für Schritt einen Lebensstandard, wie er früher für Angehörige der Arbeiterklasse unvorstellbar gewesen war.

Die Geburtsstunde der industriellen Ordnung wurde von wirtschaftlichen Verschiebungen begleitet. Wie hätte es sonst sein sollen? Die Ökonomen, die dem freien Markt anhingen, predigten die Lösung: Sicherung von Eigentum und Hartgeld, um die Formierung von Kapital zu begünstigen, Freihandel, um die Effizienz der Produktion zu maximieren, und ein klares Feld für Unternehmer, die bereit waren, Innovationen zu erbringen. Aber Konservative, welche sich in ihrem uralten Status bedroht fühlten, initiierten einen Angriff auf das neue System und verursachten damit den schlechten Ruf der Industriellen Revolution, welchen sie niemals überwand. Bald wurde der Angriff hämisch von Gruppen sozialistischer Intellektueller aufgenommen.

Dennoch eilten die Liberalen in der Mitte des Jahrhunderts von Sieg zu Sieg. Verfassungen, welche Grundrechte garantierten, wurden angenommen, Rechtssysteme, welche die Herrschaft des Rechts und Eigentumsrechte fest verankerten, wurden eingeführt, und der Freihandel blühte. Es entstand eine Weltwirtschaft auf der Basis des Goldstandards.

Es gab auch auf der intellektuellen Front Fortschritte. Nachdem er die Kampagne zur Abschaffung der englischen Getreidegesetze angeführt hatten, entwickelte Richard Cobden die Theorie der Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Länder als Fundament des Friedens. Frédéric Bastiat brachte die Situation von Freihandel, Nichtintervention und Frieden in eine klassische Form. Liberale Historiker wie Thomas Macaulay und Augustin Thierry zeigten die Wurzeln der Freiheit im Westen auf. Später im Laufe des Jahrhunderts wurde mit der von Carl Menger begründeten Österreichischen Schule der Nationalökonomie die ökonomische Theorie des freien Marktes auf ein sicheres wissenschaftliches Fundament gestellt.

Die Beziehung des Liberalismus zur Religion stellte ein besonderes Problem dar. In Kontinentaleuropa und Lateinamerika benutzten frei denkende Liberale manchmal die Macht des Staates, um den Einfluss der katholischen Kirche zu beschneiden, während einige katholische Führer überkommenen Ideen theokratischer Kontrolle nachhingen. Aber liberale Denker wie Benjamin Constant, Alexis de Tocqueville und Lord Acton dachten über solche sinnlosen Dispute hinaus. Sie betonten die eminente Rolle, welche die Religion, von Regierungsgewalt getrennt, beim Eindämmen des Wachstums des zentralisierten Staates spielen könnte. Auf diese Weise legten sie den Grundstein für die Versöhnung von Freiheit und religiösem Glauben.

Aus noch unbekannten Gründen wandte sich das Blatt dann gegen die Liberalen. Zum Teil liegt dies sicher an der neuen Klasse von Intellektuellen, die sich überall ausbreitete. Dass sie ihre eigene Existenz dem Wohlstand verdankten, der erst durch das kapitalistische System möglich geworden war, hielt die meisten von ihnen nicht davon ab, unaufhörlich am Kapitalismus zu nagen und ihn für jedes Problem verantwortlich zu machen, welches sie in der modernen Gesellschaft ausfindig machen konnten.

Gleichzeitig wurde freiwilligen Lösungen für diese Probleme durch Staatsfunktionäre zuvorgekommen, welche ihren Einfluss vergrößern wollten. Das Erstarken der Demokratie mag ebenfalls zur Abnahme des Liberalismus beigetragen haben, weil sie ein uraltes Merkmal der Politik noch verstärkte: den Wettlauf um besondere Privilegien. Unternehmen, Gewerkschaften, Bauern, Bürokraten und andere Interessensgruppen wetteiferten um staatliche Privilegien - und fanden intellektuelle Demagogen, die ihre Plünderungen ideologisch begründeten. Die staatliche Kontrolle nahm zu, auf Kosten des "vergessenen Mannes", wie William Graham Sumner bemerkte - des stillen, produktiven Individuums, der von der Regierung nichts verlangt und durch seine Arbeit das System am Leben erhält.

Am Ende des Jahrhunderts wurde der Liberalismus von allen Seiten attackiert. Nationalisten und Imperialisten verdammten ihn, weil er zu einem langweiligen Frieden zwischen den Nationen anstelle von männlicher und belebender Kriegslust führte. Sozialisten griffen ihn an, weil er das "anarchische" System des freien Marktes anstelle "wissenschaftlicher" zentraler Planung propagierte. Sogar religiöse Führer brachten den Liberalismus wegen seines angeblichen Egoismus und Materialismus in Verruf. In Amerika und Großbritannien entwickelten Sozialreformer am Ende des Jahrhunderts einen besonders schlauen Schachzug. Anderswo wären diese Befürworter staatlicher Interventionen und Zwangsmitgliedschaft in Gewerkschaften "Sozialisten" oder "Sozialdemokraten" genannt worden. Aber da die anglophonen Völker aus irgend einem Grund eine Aversion gegen diese Begriffe zu haben schienen, rissen sie sich die Bezeichnung "liberal" unter den Nagel.

Obgleich sie bis zum Ende kämpften, herrschte bei den letzten der großen authentischen Liberalen eine Stimmung der Niedergeschlagenheit vor. Als Herbert Spencer in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts zu schreiben begann, erwartete er ein Zeitalter universellen Fortschritts, in welchem der Zwangs-Staatsapparat praktisch verschwinden würde. 1884 verfasste Spencer schließlich einen Aufsatz mit dem Titel "The Coming Slavery" ("Die kommende Sklaverei"). 1898 war William Graham Sumner, ein amerikanischer Anhänger Spencers, Freihändler und Befürworter des Gold-Standards, bestürzt, dass Amerika mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg den Weg des Imperialismus und der globalen Verstrickung einschlug. Erbittert, betitelte er seine Antwort auf diesen Krieg "The Conquest of the United States by Spain" ("Die Eroberung der Vereinigten Staaten durch Spanien").

Überall in Europa kehrte man zur Politik des Absolutismus zurück und die staatlichen Bürokratien wuchsen. Zur selben Zeit führten eifersüchtige Rivalitäten unter den Großmächten zu einem rasenden Wettrüsten, und die Kriegsgefahr nahm immer deutlichere Züge an. 1914 entzündete sich der Funke an einem serbischen Attentäter, die aufgeheizten Animositäten und Verdächtigungen explodierten, und es kam zum bis zu diesem Zeitpunkt zerstörerischsten Krieg der Geschichte. 1917 führte ein amerikanischer Präsident, der gerne eine Neue Weltordnung errichten wollte, sein Land in den mörderischen Konflikt. "Krieg ist die Gesundheit des Staates", warnte der radikale Autor Randolph Bourne. Es zeigte sich, dass er recht hatte. Zum Zeitpunkt, als das Schlachten ein Ende hatte, glaubten viele, dass der Liberalismus im klassischen Sinne ausgedient hätte.

Das 20. Jahrhundert
Der Erste Weltkrieg war der Wendepunkt des zwanzigsten Jahrhunderts. Als Produkt anti-liberaler Ideen und anti-liberaler Politik, wie Militarismus und Protektionismus, förderte der Krieg Etatismus in jeder Form. In Europa und Amerika beschleunigte sich der Trend zu staatlicher Intervention, indem die Regierungen zum Militär einzogen, zensierten, Schuldenberge anhäuften, Unternehmen und Arbeiterschaft vereinnahmten und die Kontrolle über die Wirtschaft übernahmen. Überall sahen "progressive" Intellektuelle ihre Träume wahr werden. Der alte Laissez-faire-Liberalismus erklärten sie hämisch für tot; die Zukunft gehörte dem Kollektivismus. Die einzige Frage schien zu sein: Welche Art von Kollektivismus?

In Russland ermöglichten die Kriegswirren einer kleinen Gruppe von marxistischen Revolutionären, die Macht zu ergreifen und ein Hauptquartier für die Weltrevolution aufzubauen. Im 19. Jahrhundert heckte Karl Marx eine sekuläre Religion mit starker Anziehungskraft aus. Sie versprach die endgültige Befreiung der Menschheit durch Ersetzen der komplexen, oft unverständlichen Welt der Marktwirtschaft durch gewissenhafte, "wissenschaftliche" Kontrolle. Die Umsetzung des marxistischen Wirtschaftsexperiments durch Lenin und Trotzki in Russland endete in einer Katastrophe. In den nächsten 70 Jahren torkelten rote Regenten von einer unausgegorenen Lösung zur nächsten. Aber Terror hielt sie fest im Sattel, und die kolossalste Propagandamaschinerie der Geschichte überzeugte sowohl Intellektuelle im Westen als auch in der aufkommenden Dritten Welt, dass der Kommunismus tatsächlich "die strahlende Zukunft der gesamten Menschheit" war.

Die Friedensverträge, die von Präsident Woodrow Wilson und den anderen Führern der Alliierten zusammengebastelt worden waren, machten Europa zu einem von Ressentiments und Hass schäumenden Kessel. Verleitet durch nationalistische Demagogen und in Furcht vor der kommunistischen Bedrohung wandten sich Millionen Europäer den Formen der Staatsverehrung zu, die man Faschismus und National-Sozialismus oder Nazismus nennt. Obwohl von wirtschaftlichen Fehlern durchlöchert, versprachen diese Doktrinen Wohlstand und nationale Macht durch vollkommene staatliche Kontrolle der Gesellschaft, während sie mehr und größere Kriege vorbereiteten.

In den demokratischen Ländern waren mildere Formen des Etatismus die Regel. Die heimtückischste war die Form, die in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in Deutschland erfunden worden war. Dort schuf Otto von Bismarck, der Eiserne Kanzler, eine Reihe von Versicherungsanstalten für hohes Alter, Behinderung, Unfälle und Krankheiten, die vom Staat betrieben wurden. Die deutschen Liberalen dieser Zeit argumentierten, dass solche Vorhaben schlicht und einfach eine Rückkehr zum Paternalismus absolutistischer Monarchien darstellten. Bismarck behielt jedoch die Oberhand, und seine Erfindung - der Wohlfahrtsstaat - wurde schließlich überall in Europa kopiert, auch in den totalitären Staaten. Mit dem New Deal kam das Konzept des Wohlfahrtsstaates nach Amerika.

Dennoch blieben Privateigentum und freier Austausch die grundlegenden Organisationsprinzipien der westlichen Volkswirtschaften. Wettbewerb, Profit, die Akkumulation von Kapital (einschließlich Humankapitals), Freihandel, die Perfektionierung der Märkte, zunehmende Spezialisierung - all dies trug zur Effizienz, zum technischen Fortschritt und damit zum höheren Lebensstandard der Bevölkerung bei. Diese kapitalistische Produktivitätsmaschine erwies sich als derart kraftvoll und widerstandsfähig, dass die weit verbreiteten staatlichen Interventionen, Zwangsmitgliedschaft in Gewerkschaften und sogar durch die Regierungen verursachte Wirtschaftskrisen und Kriege das wirtschaftliche Wachstum auf lange Sicht nicht beeinträchtigen.

Die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts stellten den Tiefpunkt der klassisch-liberalen Bewegung dieses Jahrhunderts dar. Besonders nach Eingriffen der Regierung in das monetäre System, welche zum Crash von 1929 und zur Weltwirtschaftskrise führten, herrschte die Meinung vor, dass der kompetitive Kapitalismus und mit ihm die liberale Philosophie am Ende waren.

Man könnte sagen, dass der klassische Liberalismus im Jahre 1922 wiedergeboren wurde, als der österreichische Ökonom Ludwig von Mises das Buch "Sozialismus" veröffentlichte. Mises war nicht nur einer der bedeutendsten Denker des Jahrhunderts, sondern auch ein Mann von unbeirrbarem Mut. In "Sozialismus" warf er den Feinden des Kapitalismus den Fehdehandschuh vor die Füße. Im Großen und Ganzen sagte er: "Man kann das System des Privateigentums beschuldigen, alle sozialen Übel zu verursachen, welche nur der Sozialismus heilen kann. Gut. Aber könnten Sie nun etwas tun, was Sie bisher noch nie zu tun gedacht haben: Könnten Sie bitte erklären, wie ein komplexes wirtschaftliches System ohne Märkte und damit ohne Preise für Kapitalgüter funktionieren sollte?" Mises zeigte, dass wirtschaftliche Rechnung ohne Privateigentum unmöglich war und entblößte Sozialismus als leidenschaftliche Illusion.

Indem Mises die vorherrschende Orthodoxie herausforderte, öffnete er vielen Denkern in Europa und Amerika die Augen. F. A. Hayek, Wilhelm Röpke und Lionel Ribbons waren unter denen, welche Mises zum freien Markt bekehrte. Und während seiner äußerst langen Karriere verfeinerte und erneuerte Mises seine ökonomische Theorie und soziale Philosophie, wodurch er als führender klassisch-liberaler Denker des zwanzigsten Jahrhunderts Anerkennung fand.

In Europa und besonders in den Vereinigten Staaten hielten verstreute Einzelpersonen und Gruppen etwas vom alten Liberalismus am Leben. An der London School of Economics und der University of Chicago konnte man sogar in den 1930er und 40er Jahren Akademiker antreffen, die zumindest die grundsätzliche Gültigkeit der Idee des freien Unternehmertums verteidigten. In Amerika überlebte eine bekämpfte Brigade brillanter Schreiber, vor allem Journalisten. Unter ihnen, die nun als "Old Right" bekannt sind, waren Albert Jay Nock, Frank Chodorov, H. L. Mencken, Felix Morley und John T. Flynn. Durch die totalitären Implikationen des New Deal von Franklin Roosevelt aufgeschreckt, brachten diese Autoren wieder den traditionellen amerikanischen Glauben an die Freiheit des Individuums und das spöttische Misstrauen gegenüber der Regierung zum Ausdruck. Sie waren auch gegen Roosevelts Politik der globalen Einmischung, weil es die amerikanische Republik untergrub. Unterstützt von einigen wenigen mutigen Herausgebern und Geschäftsleuten, nährten die "Old Right" die Flamme der Jeffersonschen Ideale während der dunkelsten Tage des New Deal und des Zweiten Weltkriegs.

Am Ende dieses Krieges entstand eine Art Bewegung. Sie war zunächst klein, wuchs dann aber durch Aufnahme verschiedener Strömungen. Hayeks Buch "Road to Serfdom" ("Weg zur Knechtschaft") aus dem Jahre 1944 machte viele Tausende darauf aufmerksam, dass der Westen, indem er sozialistische Politik umsetzte, den Verlust seiner traditionellen freien Zivilisation riskierte. 1946 gründete Leonard Read die Foundation for Economic Education in Irvington, New York, und veröffentlichte die Werke von Henry Hazlitt und anderen Verfechtern des freien Marktes. Mises und Hayek, die nun beide in den Vereinigten Staaten lebten, setzten ihre Arbeit fort. Mises, der als Lehrer unübertroffen war, gründete ein Seminar an der New York University, zu dem es solche Studenten wie Murray Rothbard und Israel Kirzner zog. Rothbard vermählte die Erkenntnisse der österreichischen Ökonomie mit den Lehren des Naturrechts, um eine mächtige Synthese zu erzeugen, die viele junge Menschen ansprach. An der University of Chicago leiteten Milton Friedman, George Stigler und Aaron Director eine Gruppe klassisch-liberaler Ökonomen, deren Spezialgebiet es war, die Mängel der Handlungen der Regierung aufzuzeigen. Die hoch begabte Autorin Ayn Rand brachte betont libertäre Thematiken in ihre gut geschriebene Bestseller ein und begründete sogar eine philosophische Schule.

Die Reaktion auf die Erneuerung des authentischen Liberalismus war auf Seiten des linken - "liberalen" oder, besser gesagt, sozialdemokratischen - Establishment erwartungsgemäß heftig. 1954 gab Hayek beispielsweise einen Band mit dem Titel "Capitalism and the Historians" ("Kapitalismus und die Historiker") heraus, eine Sammlung von Aufsätzen von ausgezeichneten Gelehrten, die gegen die vorherrschende sozialistische Interpretation der Industriellen Revolution argumentierten. Ein wissenschaftliches Journal erlaubte es Arthur Schlesiger Jr., seines Zeichens Harvard-Professor und New-Deal-Fanatiker, das Buch mit folgenden Worten zu verreißen: "Amerikaner haben schon genug Ärger mit einheimischen McCarthys. Sie brauchen keine Wiener Professoren zu importieren, um diesem Prozess akademischen Glanz zu verleihen." Andere Werke versuchte das Establishment durch Totschweigen zu vernichten. Selbst 1962 hatte noch keine einzige prominente Zeitschrift oder Zeitung Friedmans Buch "Capitalism and Freedom" ("Kapitalismus und Freiheit") besprochen. Dennoch stießen die Autoren und Aktivisten, welche die Wiederbelebung des klassischen Liberalismus anführten, in der Öffentlichkeit auf zunehmende Resonanz. Millionen Amerikaner aus allen Schichten hatten im Stillen die Werte des freien Marktes und des Privateigentums in Ehren gehalten. Die zunehmende Präsenz eines soliden Corps intellektueller Vorreiter ermutigte viele dieser Bürger, offen für die Ideen einzutreten, die sie seit langem hegten.

In den 1970er und 80er Jahren, als klar wurde, dass die sozialistischen Planungs- und Interventions-Programme fehlgeschlagen waren, wurde der klassische Liberalismus zur weltweiten Bewegung. In den westlichen Ländern und schließlich erstaunlicherweise auch in den Nationen des ehemaligen Warschauer Paktes bekannten sich politische Führer als Schüler von Hayek und Friedman. Gegen Ende des Jahrhunderts war der alte, authentische Liberalismus wieder am Leben und sogar stärker als noch vor hundert Jahren.

Dennoch expandiert der Staat in den westlichen Ländern ungehemmt und erobert einen Bereich des gesellschaftlichen Lebens nach dem anderen. In Amerika gerät die Republik in Vergessenheit, weil zentralstaatliche Bürokraten und globale Planer mehr und mehr Macht ans Zentrum reißen. Daher geht der Kampf weiter, und so muss es auch sein. Vor zwei Jahrhunderten, als der Liberalismus jung war, hatte Jefferson uns bereits über den Preis der Freiheit informiert: ewige Wachsamkeit.

* Quelle: Liberty.li

Donnerstag, Oktober 11, 2007

Imperium Europa, da capo

Zu dieser leidigen Debatte einiger spin doctors aus dem Hause Springer hat sich jetzt auch Roger Köppel zu Wort gemeldet. Sein Statement ist im besten Sinne schweizerisch - und erzliberal:

Joschka Fischers Europa. In einem Essay für den Tages-Anzeiger fordern der frühere deutsche Aussenminister Fischer und ein paar Kollegen, Europa müsse endlich «Muskeln zeigen». Der in zwei Weltkriegen militärisch ruinierte Kontinent soll sein ökonomisches Gewicht in strategische Macht ummünzen. Eine in Brüssel koordinierte europäische Aussenpolitik habe die «Werte und Interessen Europas in der Welt» zu fördern. Skizziert wird die Aufrüstung der EU durch aussenpolitische Gewaltmittel, ein multilateraler Machttransfer von der nationalen auf die supranationale Stufe. Die Naivität erstaunt. Vor einigen Jahren sah Grossraumpolitiker Fischer seine europäischen Bundesstaatsambitionen scheitern. Jetzt hofft er offensichtlich auf das Amt des europäischen Aussenministers. Wie stellt man sich das Gebilde im Ernstfall vor? Hat der europäische Aussenminister die Kompetenz, Truppen zu entsenden? Könnte ein deutscher Politiker einer britischen Armee den Fronteinsatz befehlen? Wird die EU militärisch bündnisfähig? Kann sie am Ende eine europäische Wehrsteuer erheben? Fischers Vorstoss steht quer zur Wirklichkeit. An den Urnen scheiterte der Versuch, die EU per Verfassung mit staatsähnlichen Attributen zu versehen. Die Macht über Krieg und Frieden, über Wirtschaftssanktionen und Boykotte soll nun aber dennoch kommen. «Zu oft», heisst es, «vergeudet Europa seine potenzielle Stärke durch Nabelschauen und Uneinigkeit.» Grösse, Stärke, Macht: Global-Denker Fischer schliesst an unheiligste europäische Traditionen an. Vor 60 Jahren endete der letzte Versuch einer zwanghaften Reichswerdung in einem Blutbad. Jetzt darf unter neuen Vorzeichen wieder geträumt werden. Das Friedensprojekt Europa wird heimgesucht von alten, dunklen Fantasien. Hat da jemand Grössenwahn gesagt?

Fischers Europa, Nachtrag. Die Schweiz war einst eine europäische Grossmacht. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts glaubte der Florentiner Strategie-Experte Machiavelli, die Eidgenossen seien stark genug, Italien zu erobern. Die Grossmachtallüren endeten vor Mailand in der Schlacht von Marignano. Die Eidgenossen unterlagen. Der Untergang war total und heilsam. Die Schweiz gab ihre aussenpolitischen Ambitionen auf. Sie entwickelte im Umgang mit der Welt das Ethos einer früh globalisierten Privatbank. Man ist überall dabei, nirgends wirklich drin und hält sich alle Türen offen. Das drückte auf die nationale Sehnsucht nach Grösse, aber es machte uns reich und ungefährlich. Nicht die alte römische Reichsidee sollte die europäischen Geo-Fantastiker beflügeln. Eine europäische Magna Helvetia wäre erfolgreicher.

Roger Köppel, Tagebuch, Weltwoche Nr. 40.07

Köppel hält übrigens zum Thema "Europa - quo vadis?" am Mittwoch, 24. Oktober in Zürich beim Liberalen Gesprächskreis ein Impulsreferat.

Mittwoch, Oktober 10, 2007

Eva-luierung einer deutschen Debatte

In diesem Lande sind einmal wieder sämtliche Schränke tassenfrei. Man könnte glauben, dieses Land habe wirklich keine anderen Sorgen, als stutenbissige Debatten zwischen keifernden Weibern (by the way: warum fehlte eigentlich die unvermeidliche Neocon-Hexe Thea Dorn in der gestrigen Kerner-Runde?) zu verfolgen, die es sich in ihren paläo- oder neospießigen Kuschelecken wohnlich eingerichtet haben und die ihren Nachbarn unerbetene Vorschriften über allgemeinverbindliche Lebensstile zu machen sich befugt fühlen im Namen der Chimäre "Gemeinwohl", über die Bodo Wünsch heute alles Notwendige gesagt hat.

Nachdem ich mich zunächst durch wirklich sehr viel närrischen Müll hindurcharbeiten mußte, fand ich die klügste und differenzierendste Erörterung der in holprigem Deutsch verkleideten, wirren Thesen von Evchen Herman bei Marian Wirth von den Bissigen Liberalen und korrespondierend dazu die schonungsloseste Bloßstellung ihrer aufgeplusterten und sich zu kalkulierten Empörungsgesten warmlaufenden Gegner bei Henryk M. Broder. Broder nannte dankenswerterweise auch den stets unausgesprochenen Subtext dieser quälenden Debatten, über den sonst alle Meinungslager dieser verlumpten Republik den Mantel des Schweigens decken, einmal beim Namen:


"Und es sind nicht nur die Autobahnen, die zum gerne und selbstverständlich benutzten Erbe des Dritten Reiches gehören. Der Historiker Götz Aly hat in seinem Buch "Hitlers Volksstaat" an vielen Beispielen belegt, woher der Reichtum der Bundesrepublik kommt und welche sozialen Regelungen von den Nazis übernommen wurden, darunter das sogenannte Ehegattensplitting und die Krankenversicherung für Rentner. Wer sich heute glaubwürdig und nachhaltig von den Nazis distanzieren wollte, müsste nicht nur die Autobahnen meiden, sondern auch auf das Kindergeld verzichten, schließlich wurden im Dritten Reich Ehestandsdarlehen gewährt, die durch die Geburt von vier Kindern vollständig getilgt werden konnten."


Die hier schon desöfteren thematisierten Kontinuitäten und Affinitäten des Gegenwärtigen und vermeintlich Guten zum Vergangenen und unsagbar (singulär!) Bösen machen ein krampfhaftes und dabei nicht selten hyperventilierendes Abgrenzen vom als intuitiv eben doch als ähnlich Empfundenen so notwendig. Der ganze öffentlich zur Schau gestellte Anti-Nazi-Exorzismus dient der Selbstentlastung des Anti-Nazi-Kollektivs Deutschland, welches seine begründeten Selbstzweifel ob der Berechtigung, sich überhaupt "anti" fühlen zu dürfen dadurch zu überdröhnen versucht. Andernfalls drohte, mit der Lebenslüge eine systemstabilisierende Kollektiv-Identität zusammenzubrechen. Wie Sloterdijk einmal sagte:

"Nach 1945 haben wir vom Nationalsozialismus auf Sozialnationalismus umgestellt, parteiübergreifend. Folglich konnte damals der einzige real existierende Beinahe-Sozialismus der Welt auf deutschem Boden entstehen, in Form der guten alten Bundesrepublik. Die DDR lieferte hierzu die Parodie."


Oder wie ist es sonst zu erklären, daß sich durch die vom Permafrostgrinsen der unsäglichen Frau von der Leyen orchestrierte familienpolitische mainstream-Debatte (und nicht nur durch die eher albernen Wortmeldungen einer ohne Teleprompter irgendwie sprachgestört wirkenden TV-Ansagerin) immer mehr Singles und Kinderlose dem impliziten Vorwurf des sozialen Trittbrettfahrertums ("Schmarotzer" und "Volksschädlinge" zu sagen, käme heutzutage medial irgendwie uncool rüber) ausgesetzt sehen, weil sie nichts zur Volksgemeinschaft Solidargemeinschaft beitragen? Warum schreibt Alice Schwarzer nicht auch einmal der derzeit die Erfordernisse sogenannter "Familienpolitik" (vulgo: Bevölkerungspolitik) durchdeklinierenden classe politique ins Stammbuch, was sie der völlig überforderten Frau Herman durchaus zu Recht entgegenschleuderte: "Zum Glück müssen wir dem Führer heute keine Kinder mehr schenken." Dem Führer nicht, aber dafür dem umlagefinanzierten Rentensystem, dem fiskalkleptokratischen Leviathan und der auf verheizbares Menschenmaterial angewiesenen Interventionsmacht Europa schon.

Schließlich steuerte noch Christian Hoffmann eine medienanalytische Betrachtung bei, die wohl den Kern aller deutschen Tabu-Debatten sehr schön erfaßt.

Darum soll er heute auch das Schlußwort haben:

"Der Umgang der deutschen Öffentlichkeit (d.h. in erster Linie der Intellektuellen) mit der Vergangenheit des 3. Reiches ist durchaus interessant - vor allem sozialpsychologisch. Angenommen, man möchte die kollektive Identität “der Deutschen” beibehalten und sich als Teil dieses Kollektivs identifizieren, dann man sich mit der hässlichen Vergangenheit dieses Kollektivs auseinandersetzen. Nur sehr wenige sind dabei verbohrt genug, die hässliche Vergangenheit zu beschönigen und zu umarmen. Eine andere Möglichkeit des Umgangs ist das Ignorieren der Vergangenheit. In der Regel wird man die Hässlichkeit der Kollektivvergangenheit jedoch anerkennen müssen. Damit diese dann nicht die Kollektividentität gefährdet (kognitive Dissonanz), muss man Wege finden, das Stigma identitätsverstärkend zu interpretieren. Also versucht man sich an einer “Aufarbeitung”, welche eben vorbildlich und besonders lobenswert ist. Der Verbrecher wird zum Held, indem er seine Taten öffentlich büsst und bereut und kompensiert. Damit wird jedoch das Verbrechen, bzw. seine Überwindung zum Bestandteil der Kollektividentität. Dem heutigen kollektiven Deutschen das Dritte Reich zu nehmen, wäre mindestens so schmerzhaft, wie dem Schweizer das Rütli und den Tell zu nehmen. Daran wird sich erst etwas ändern, wenn die Geschichte genug alternative Anlässe einer Reorientierung der Kollektividentität geboten hat. Solche Reorientierungen sind aber meist mit dramatischen Einschnitten verbunden. Insofern wäre es mir lieber, die deutschen Kollektivisten identifizierten sich weiterhin als Ex-Nazis. Als Kollektivisten kommen sie aus dieser Falle zu Recht nicht heraus."


und:

"Als bestes Rezept gegen die Germanomanie empfehle ich meist die Entwicklung einer individuellen Identität *gasp* Leider ein für viele Patienten allzu schmerzhafter Prozess…
Wenn jemand sich also schon unbedingt als Doitscher identifizieren will, dann soll er auch das zugehörige Büssergewand tragen! Kollektive Identitäten sollten prinzipiell so unangenehm wie möglich sein."

Dienstag, Oktober 09, 2007

Großer Lesesaal

Anläßlich der heute ihre Pforten öffnenden Frankfurter Buchmesse möchte ich auf ein paar Lektüre-Empfehlungen freiheitlicher Blogger verweisen. So haben die Kollegen von GayWest kürzlich den anarchistischen Denker Paul Goodman mit seinem radikale Ein- und Ansichten vermittelnden Werk "Natur heilt" ausgegraben, Manfred Messmer macht schon einmal auf den dieser Tage neuerscheinenden Dirk Maxeiner "Hurra, wir retten die Welt" neugierig und Michael Kastner empfiehlt in Jo@chims Bibliothek für die Freunde der spannenden Unterhaltungsliteratur den neuesten Krimi von Stefan Blankertz "2068".

Wer sich für die Ökonomie des Linkslibertarismus interessiert, dem bieten "Studies in Mutualist Economy" von Kevin Carson sicher eine wertvolle Einführung. Und mit einer fulminanten libertären Demokratiekritik überrascht Bryan Caplan in seinem neuen Buch "The Myth of the Rational Voter: Why Democracies Choose Bad Policies" mit für deutsche Leser unerhörten Gedanken.

Sonntag, Oktober 07, 2007

Donnerstag, Oktober 04, 2007

Mittwoch, Oktober 03, 2007

Sonntag, September 30, 2007

Isolationismus und Appeasement III

Die eindrücklichsten Gedanken zum libertären Revisionismus, der mich ja schon mehrfach beschäftigt hat, entdeckte ich in Stefan Blankertz' "Die Therapie der Gesellschaft". Darin enthalten auch eine sehr kluge Abgrenzung zur rein zweckgerichteten Apologetik der jeweils unterlegenen Kriegspartei. Meinen geschätzten Lesern, verbunden mit einer Empfehlung sich dieses Schatzkästlein tiefsinniger Einsichten zuzulegen, hier nun die sonntägliche Leseprobe zur Appetitsanregung:


249.

Scar. – Das 20.Jahrhundert ist wie kaum eine andere Zeit wesentlich vom Krieg bestimmt. Obgleich das Wort „Krieg“ jeder umstandslos zu verstehen scheint, muß zur Vermeidung von Ideologie ins Gedächtnis gerufen werden, was Krieg ist: das organisierte Töten zwischen Menschen, die meinen, einer Gruppe von Personen – genannt Staat – mehr Gehorsam zu schulden als dem Gewissen, der Moral und dem mitmenschlichen Gefühl, ohne Rücksicht auf das einfache Faktum, daß jene, die sie töten, ihnen persönlich weder etwas Böses getan haben noch tun wollen.

250.


„Repressive Entstaatlichung. – Gehorsam erreicht der Staat, indem er natürliche Gruppenidentitäten wie „Nation“, „Rasse“, „Kultur“ okkupiert, um das Interesse abzulenken, das Gewissen zu beruhigen und jede wahre Identifikation der Menschen mit sich und ihrer Gemeinschaft zu verhindern.

Der Staat strebt Hegemonie über das Bewußtsein an. Dazu bedient er sich der Sehnsucht, ihm zu entkommen. Die kroatischen Kämpferinnen, die an Grausamkeit nicht hinter ihren männlichen Mitstreitern und den serbischen und bosnischen Widersachern zurückstehen, sind sich darüber im klaren, daß sie im Falle des Friedens heimkehren werden in eine patriarchalische Gesellschaft, die ihnen die im Kampf gewonnene Autonomie und das Selbstvertrauen wieder nehmen wird. Die kämpfen für das, was sie verabscheuen. Sie fürchten den Sieg, den herbeizuführen sie helfen. (Cf. Herbert Marcuses Begriff der „repressiven Entsublimierung“).

251.

Der siegreiche Staat schreibt nach dem Krieg die Geschichte, stellt dar, daß er selbst recht gehandelt habe und daß das gegnerische Land befreit worden sei vom Bösen. Über Jahrhunderte hinweg blieb die Historiographie die Chronik von Siegern.

Daß heute Historiographie nicht mehr immer nur Hofberichterstattung ist, haben wir einer Gruppe von mutigen Historikern zu verdanken, etwa Harry E. Barnes. Sie erschütterten nach dem ersten Weltkrieg die Behauptung der Sieger, Deutschland allein müsse die Schuld auf sich nehmen. Die genaue Rekonstruktion dessen, was über die Tatsachen des Kriegsausbruchs und seiner Vorgeschichte zu wissen ist, verbanden sie mit der allgemeinen These, daß Konflikte selten nur von einer Seite ausgehen. Diese Gruppe wurde als „revisionist historicans“ bezeichnet und bezeichnete sich dann auch selbst so. Was den ersten Weltkrieg angeht, hat diese Interpretation als vernünftig sich herausgestellt. Von einer Alleinschuld des deutschen Staates am ersten Weltkrieg spricht heute kaum noch ein Geisteswissenschaftler. Vielmehr läßt sich erkennen, daß alle wesentlich am ersten Weltkrieg beteiligten Nationen imperialistische Ziele verfolgten, die sie schließlich nur durch Krieg gegen die Konkurrenz verwirklichen zu können meinten. Dabei herrschte in Deutschland ein rückständiger – und darum objektiv schwacher – national-chauvinistischer Militarismus, der sich dem aufgeklärten Geist als besonders verachtenswert preisgab, während die Alliierten fortgeschrittenere subtilere Methoden im Gewande demokratischer Entscheidungsprozesse anwandten. Unerschrockene Historiker wie Barnes trugen mit ihrem Revisionismus einiges dazu bei, die moderne Demokratie als imperialismus- und kriegsfähiges Herrschaftssystem zu identifizieren.

252.

4. July. – Vor dem zweiten Weltkrieg versuchten Revisionisten, den sich abzeichnenden Eintritt der USA in den zweiten Weltkrieg abzuwenden. Neben Barnes ist in diesem Zusammenhang besonders Charles Beard zu nennen, der sich durch seinen Kampf gegen den Krieg und durch die Lektüre von Rudolf Rockers „Nationalismus und Kultur“ (1937) von einem Roosevelt-Etatisten zu einem konservativen Anarchisten wandelte. Bis zu Pearl Harbor repräsentierten die Revisionisten eine Mehrheit des amerikanischen Volkes. Politisch wurden sie als „Isolationisten“ bezeichnet. Sie hielten an der revolutionären Maxime Jeffersons fest, Amerika solle mit allen Völkern Handel treiben und mit keinem Staat eine Allianz eingehen. Die Isolationisten modernisierten diese Maxime zu der Formel, die USA dürften sich nicht als Weltpolizist aufspielen, sondern sollten nur zur Verteidigung gegen Bedrohung des eigenen Territoriums militärisch sich rüsten. Dem „America First Committee“, das dieser Formel politische Wirksamkeit zu verschaffen suchte, gehörten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Geschäftsleute, Politiker, Schauspieler, Historiker an. Er vereinigte ein breites politisches Spektrum, das von Konservativen über Liberale, Sozialisten und Kommunisten bis zu Anarchisten reichte.

253.


Die Kunst des Möglichen. – Mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor 1941 änderte sich die öffentliche Meinung schlagartig. Die Gegner der Isolationisten, die „Internationalisten“ Roosevelts, erlangten eine größere Zustimmung im Volk. (1940 hatte Roosevelt die Wahl nur gewinnen können, indem er der isolationistischen Politik scheinbar entgegenkam.) Revisionistische Historiker machten sich daraufhin ans Werk, um diesen Vorfall kritisch zu untersuchen. Bereits im Krieg fanden sie starke Hinweise, daß Pearl Harbor kein echter Überraschungsangriff war. Zum einen setzte die US-Regierung alles daran, den japanischen Staat zu einem Erstschlag zu reizen, zum anderen wußte sie Wochen vor dem Angriff Ort und Zeit. Der amerikanische Staat hat bewußt Tausende von amerikanischen Soldaten einem Angriff ausgesetzt, um die Bevölkerung für militärische Aktivitäten außerhalb des Territoriums der USA bereit zu machen.

254.

Spellbound. – Die revisionistische Kritik an Roosevelts Politik war keine Relativierung des japanischen Kriegsverbrechens. Die japanische Regierung hat den Überraschungsangriff beabsichtigt. Jene Kritik war auch keine Unterstützung des Kriegsgegners und schon gar keine Parteinahme für den Faschismus. Sie bezog ihren Maßstab aus der amerikanischen Tradition des Liberalismus. Und so lautete denn der revisionistische Vorwurf im Kern, daß die USA sich unter der Führung der nationalistischen und kollektivistischen Internationalisten zu einem Staat entwickeln würden, der seinen faschistischen Gegnern näher als dem eigenen liberalen Erbe stehe. „As we go marching“ nannte John T. Flynn seine Analyse von 1943 und meinte damit: Indem wir gegen den Faschismus ziehen, verwandeln wir uns selbst in Faschisten. Für wie selbstverständlich die Revisionisten trotz aller Kritik die Existenz einer liberalen Demokratie annahmen, ist an der Empörung abzulesen, mit der Beard reagierte, als nach dem zweiten Weltkrieg seine wissenschaftlichen Untersuchungen anders als nach dem ersten Weltkrieg nicht nur nicht begrüßt, sondern von offizieller Seite auch zu behindern versucht wurden.

255.


„Not to be swift“ (Justus D. Doeneke). – Die amerikanischen Revisionisten haben sich auch mit der europäischen Siegerhistoriographie des zweiten Weltkriegs nicht abgefunden. Ihre Analyse sah, vereinfacht ausgedrückt, in Europa drei gleichermaßen verachtenswerte Parteien am Werk. Mit keiner von ihnen sei es moralisch oder strategisch ratsam, zu koalieren. Sollten die Bösewichter sich doch gegenseitig umbringen! Die eine Partei bildeten England und Frankreich, die zwar eine einigermaßen funktionierende innere Demokratie aufwiesen, als Kolonialmächte jedoch eine unmenschliche Politik betrieben, die ein freies Land nicht unterstützen durfte. Die zwei anderen Parteien bildeten die Achsenmächte und die UdSSR, Nationen, die von blutigen Diktatoren regiert wurden ohne Respekt vor Freiheit, Eigentum und Frieden, Diktatoren, die andersrassische, andersgläubige und anderslebende Menschen, Juden, Zigeuner, Homosexuelle, Pazifisten, Oppositionelle, Jehovas Zeugen, Asoziale, abtreibende Frauen, Behinderte einsperrten, ausbeuteten und ermordeten und den Rest des verschüchterten Volkes ihren eigenen verbrecherischen Absichten unterwarfen.

Die US-Hilfe für Stalin (der übrigens nicht weniger Antisemit war als Hitler) sahen die Revisionisten als verheerend an. Für sie gab es keine moralische oder strategische Rechtfertigung dieser Zusammenarbeit mit dem einen Verbrecher, um einen anderen, kaum schlimmeren Verbrecher zu besiegen. Ihrer Meinung nach war die Koalition mit Stalin Teil des Versuchs von Roosevelt, Amerika zu bolschewisieren oder zu faschisieren, d.h. das liberale Gefüge durch einen kollektivistischen Staat zu ersetzen. Einige Revisionisten meinten Ende der 40er Jahre gar, sich an McCarthys anti-kommunistischen Säuberungen beteiligen zu sollen: Sie hofften, so die wahren, in der Regierung sitzenden „Kommunisten“ beseitigen zu können. Es ging ihnen nicht darum, irgendwelche diffus linken Intellektuellen und Schauspieler zu verfolgen, mit denen sie ja in den 30er Jahren zusammen gegen den Kriegseintritt gefochten hatten. Die Illusion verflog, als sich McCarthy offen den Internationalisten – die eigentlich als „nationale Chauvinisten“ bezeichnet werden müßten – anschloß, indem er den Korea-Krieg (1950-1953) unterstützt. Wiederum waren wahrscheinlich bis zu zwei Drittel des amerikanischen Volkes gegen die Kriegsbeteiligung.

256.


Vergiftung. – Als am Ende des zweiten Weltkriegs und dann besonders nach dem Krieg sowohl die stalinistischen Greueltaten nicht mehr verheimlicht werden konnten, als auch Stalins Imperialismus unübersehbar wurde, geriet die offizielle amerikanische Kriegsrechtfertigung unter Druck. Einen zusätzlichen Rechtfertigungsdruck erzeugte der wachsende Abscheu der Völker vor der Bombardierung der deutschen Zivilbevölkerung durch die Alliierten. Manche Revisionisten formulierten daraufhin den Verdacht, daß zur Ausfüllung der so entstandenen Lücke in der Kriegsrechtfertigung eine Legende geboren worden sei, der Holocaust. Mit der „Legende“ vom Holocaust sollte – ihrer Meinung nach – belegt werden, der Nationalsozialismus sei noch brutaler, noch unmenschlicher, noch irrationaler als der Stalinismus, und darum hätte man legitimerweise mit Stalin gegen Hitler paktieren müssen.

Dieser Verdacht muß auf dem Hintergrund verstanden werden, daß die US-Regierungen im Krieg und nach dem Krieg die Bevölkerung fortwährend belogen und Menschen im In- und Ausland in großangelegte, an den Faschismus erinnernde Menschenexperimente mit Radioaktivität und Giftgas einbezogen haben.

257.

„Historical Blackout“ (Harry E. Barnes). – Wenn Historiographie nicht der Siegergeschichte verpflichtet wäre, müßte der Verdacht einiger Revisionisten, der Holocaust habe in der behaupteten Form nicht stattgefunden, zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit Fakten und Argumenten werden. Die Frage müßte lauten, wer die überzeugendere Interpretation vorlegt. Das geschieht jedoch meist nicht. Die Holocaust- und Kriegsschuldfrage werden radikal tabuisiert. Sie anders als standardmäßig zu behandeln, ist ein Sakrileg. Wer es begeht, wird Opfer sowohl von sozialer Ausgrenzung als auch bisweilen von staatlicher Verfolgung. Wie ist es möglich, daß in Ländern mit relativ freier Presse die Tabuisierung des zweiten Weltkriegs funktioniert?

Vereinzelte Repression und Vorenthaltung von Dokumenten sind keine dauerhaften Garanten der Tabuisierung. Es gibt jedoch einen wirkungsvollen sozialtechnisch gesteuerten moralischen Druck. Allein die Vorstellung, daß Menschen den Holocaust betrieben und duldeten, ist so erschütternd, daß das Hinterfragen von Details wie die Ausmessung auch der kriegspropagandistischen Dimension im Umgang mit dem Holocaust schon als Rechtfertigung des Nationalsozialismus angesehen wird.

Der Nationalsozialismus wird, um gegen seine dämonische Anziehungskraft immun zu machen, mit dem Tun des Undenkbaren identifiziert. Nimmt man „es“ weg, fällt es den heimlichen Faschisten schwer, den Nationalsozialismus überhaupt noch abzulehnen. Daher die Rede, der Revisionismus mache den Nationalsozialismus „wieder hoffähig“. Da dies aber nicht sein darf, müssen jene verfolgt werden, die den Holocaust in Frage stellen. Dagegen ist festzuhalten, daß es den unmenschlichen Charakter des Nationalsozialismus nicht mindert, selbst wenn eine geringere Zahl von Opfern und eine andere Art der Ermordung als historisch korrekt sich erweisen – nicht seine nationalistisch-rassistische Borniertheit, nicht seine ausbeuterische keynesianische Kriegswirtschaft, die einen kurzen Boom hervorbrachte, von manchem heute noch als Wirtschaftswunder gefeiert.

Wer den Holocaust braucht, um den Nationalsozialismus als Unrecht abzulehnen, muß in tiefstem Herzen Faschist sein: Die kollektivistische Ideologie ist ihm so weit in Fleisch und Blut übergegangen, daß er als Differenz zwischen Recht und Faschismus nur noch die gigantische Zahl der Opfer sieht.

258.


Lügen haben lange Ohren. – Hilfloser Antifaschismus ist am Umgang mit dem Tagebuch der Anne Frank zu erkennen. Als Revisionisten anfingen, die Echtheit des Tagebuchs zu bezweifeln, wurde dies als Verhöhnung des Opfers angesehen. Schließlich mußten sich die Siegerhistoriographen dem Argument stellen, es sei eine Tinte mit einer nach dem Krieg stammenden chemischen Zusammensetzung verwendet worden. Zum Triumph über die Revisionisten stilisierte man, daß sich herausstellte, im Kern sei das Tagebuch echt, es seien „nur“ nachträgliche Zensureingriffe geschehen. Ganz nebensächlich erscheint eine Erkenntnis, daß vor allen Dingen Passagen mit Berichten über Auseinandersetzungen in der Familie und über ihre sexuellen Phantasien gestrichen worden sind.

So wird Anne Frank dreifach verhöhnt: durch die, die die Zweifel an der Echtheit ihres Tagebuchs in ihre Rechtfertigungsstrategie eingebaut haben – nicht die ursprünglichen Revisionisten - , durch die, die ihr Tagebuch einer typisch faschistoiden Zensur unterworfen haben, sowie durch die, die diese Zensur heute verharmlosen. Die Zensur war der erste Schritt.

259.

Halbe Moral. – Die Verunglimpfung der Revisionisten als Sympathisanten des Faschismus hat freilich auf die Gruppe zurückgewirkt. Einerseits machen viele Revisionisten inzwischen einen Bogen um das Thema des zweiten Weltkriegs im allgemeinen und des Holocaust im besonderen und wenden sich inneramerikanischen Fragestellungen zu, wie der Herausbildung des korporatistischen Staates und des politischen Kapitalismus. Andererseits haben Rechtfertiger sich des Holocaust-Revisionismus bemächtigt, die im Prinzip mit den ursprünglichen Absichten der Revisionisten nichts zu tun haben. Zu den wenigen, die nach wie vor das Gesamtpanorama des Revisionismus vertreten, gehört der Barnes-Schüler James J. Martin. Jedenfalls sind Autoren wie Nolte mit seiner klammheimlichen Rechtfertigung des Nationalsozialismus und Irving mit seiner offenen Parteinahme keine Revisionisten. Ziel des Revisionismus ist es nicht, die Verabscheuungswürdigkeiten des Nationalsozialismus herunterzuspielen, sondern zu zeigen, daß faschistische Strukturmerkmale wie Verstaatlichung des Kapitalismus, keynesianische Kriegswirtschaft, Ideologie der Kollektivschuld, Konzentrationslager und Euthanasie Kennzeichen aller kriegführenden Parteien waren und über den Krieg hinaus Bestand haben. Basiert die Internierung amerikanischer Staatsbürger japanischer Herkunft durch Roosevelt auf einer anderen Ideologie als diejenige deutscher Staatsbürger jüdischer Abstammung durch Hitler?


260.

Sich selbst im Wege stehen. – Die Revisionisten scheitern. Sie scheitern mit dem Versuch, die historischen Erfahrungen des ersten Weltkriegs vorausschauend auf die Politik ihres Landes im zweiten Weltkrieg anzuwenden. Dieser Versuch, der sie in seiner Einmaligkeit zu intellektuellen Helden machen müßte, ließ sie unter objektiven, geopolitischen Gesichtspunkten zu Helfern des Faschismus werden. Und die Revisionisten scheitern mit dem Ansinnen, die Siegerchronik des zweiten Weltkriegs einer historischen Kritik unterwerfen zu wollen. Denn sie läßt sich ihrer humanen Absichten entkleiden und in die Ideologie von Rechtfertigung einbauen.

Sie scheitern an sich selber. Sie lassen sich auf das ein, was sie ablehnen müßten. Ihre Analysen sind geopolitisch angelegt, und man kann es drehen und wenden, wie man will: Geopolitisch waren die Alliierten im Recht. Denn Geopolitik wird aus siegreichen Schlachten gemacht, und aus nichts anderem. Es gibt keine Vernunft der Nationen, sondern nur die bessere Ökonomie, die besseren Waffen, die besseren Kämpfer, die besseren Strategen. Die revisionistische Kritik müßte sich gegen das System der internationalen Politik selbst richten – das System des „perpetual war for perpetual peace“, wie es Beard nannte. Barnes hat aus dieser Formulierung den Titel zu seinem grundlegenden Werk über den zweiten Weltkrieg gemacht. Mit einer solchen Kritik jedoch läßt sich kein politischer Einfluß erlangen.

Samstag, September 29, 2007

Wider die verfolgende Unschuld!

"Ich weiß wie die Menschen in Mügeln sich fühlen, es gab nämlich keine Hetzjagd in Mügeln sondern eine Hetzjagd auf Mügeln und die Mügelner."

Georg Milbradt, CDU-Ministerpräsident des Freistaates Sachsen


In recht(slibertär)en und vulgär-neokonservativen Kreisen gehören solcherlei wehleidige Jeremiaden über die vermeintlichen Pressionen der Political Correctness und die demagogische Vertauschung von Opfern und Tätern, wie es Milbradt hier in geradezu exemplarischer Rabulistik vorexerziert, längst zum verpflichtend guten Ton. Auch Doofstellen ist eine beliebte Strategie im spießbürgerlichen Milieu der "kulturellen Mehrheit", wenn man es beim handfesten und nicht selten handgreiflichen Minderheitenbashing (wie in Mügeln) mal wieder gar zu dolle getrieben hat, dabei erwischt wurde und nun in Erklärungsnöte gerät.

Darum ist es überaus verdienstvoll von Christian Hoffmann und Matt Jenny, es auf paxx.zine in ihrem brillanten Essay "Ein Lob der Political Correctness" unternommen zu haben, einmal aus konsequent freiheitlicher Perspektive gegen den Strich zu bürsten. Das kompromißlose Eintreten für die Rechte und die Würde von Minderheiten steht veritablen Liberalen allemal besser zu Gesicht, als sich hinter Vorurteilen zu verschanzen und in Schmoll- und Schmuddelecken heimisch einzurichten. Es ist wirklich an der Zeit, der Political Correctness als einer vielschichtigen und primär zivilgesellschaftlichen kulturellen Bewegung mit intellektueller Redlichkeit zu begegnen und letztlich ihre im Kern liberalen Intentionen zu beleuchten, wie das die beiden Autoren getan haben. Denn was sich hinter dem Signet "PC" verbirgt, das sind schlicht jene unverzichtbaren Konventionen und Regeln für ein friedliches und gedeihliches Zusammenleben in einer Gesellschaft freier Bürger, wie sie der klassische Liberalismus immer ausdrücklich bejaht hat. Das enthebt uns freilich nicht von der Verpflichtung, staatliche Interventionen in den Meinungsmarkt mit aller gebotenen Deutlichkeit und Schärfe zurückzuweisen.

Um es mit Lord Acton zu sagen: "Der verläßlichste Prüfstein der Freiheit eines Landes ist das Maß an Sicherheit, dessen sich Minderheiten erfreuen."

Diese Freiheit der Minderheiten und damit die Freiheit aller zu verteidigen ist das Gebot eines progressiven, aufgeklärten und, wenn man so will, "antipolitisch korrekten" Liberalismus für das 21. Jahrhundert!

Freitag, September 28, 2007

Euro-Imperialismus

Der Europa-Chauvinismus und gewisse Wahlverwandtschaften der angeblich so blütenweißen Europa-Idee gaben mir schon häufig Anlaß zu kritischer Anmerkungen auf diesem Blog und anderswo. Der von mir besonders verachtete Dr. Kohl gab bekanntlich anno ’92 den Startschuß für eine neue Ära des Wilhelminismus, deren identitätsstiftendes Fundament jedoch nicht der klassische Nationalstaat des 19. Jahrhunderts sein sollte, sondern ein „supranationales“ europäisches Ersatzvaterland mit territorialer Ausdehnung von der Algarve bis nach Lappland. Das freie Europa der Vielfalt sollte nach dem Willen Kohls der Vergangenheit angehören.

Die zur Rechtfertigung dieses an den Turmbau zu Babel gemahnenden Giga-Projektes von der classe politique häufig gebrauchten, der Sphäre des Militärischen entliehenen Metaphern hätten eigentlich einer vergangenheitsbewältigungserprobten Linken alle Alarmglocken schrillen lassen müssen – doch statt höchst real heraufdämmernden Gefahren von Großmannssucht und transkontinentalem Großreichstreben entschieden zu begegnen, lieferte man sich auf der Linken lieber Scheingefechte mit der – überwiegend staatlich erzeugten – „kostümfaschistischen“ (Martin Walser) Chimäre des Rechtsextremismus. Während die herrschende Klasse Europas seit spätestens dem Fall der Berliner Mauer in aller Seelenruhe und unbehelligt von einer durch anderweitige Erregungszustände abgelenkte kritische Öffentlichkeit an einem „Imperium Europa“ bastelt, verloren sich die Sachwalter der Mühseligen und Beladenen in Gespensterjagden.


Auf den Kommandohöhen hält man es derweil jetzt für angelegen, dem Urnenpöbel (G. Schramm) die Marschroute für die nächsten hundert Jahre zu präsentieren, damit er weiß, wofür er nach Gott, Volk und Vaterland nun wieder zu bluten, zu schuften und zu zahlen hat. Als Sprachrohr der Kommandohöhen dienen sich vor allem jene an, die früher in exponiert rechten oder linken Gefilden zuhause waren. Ein besonders unangenehmes Exemplar glaubenseifrigen Konvertitentums ist der Publizist Eckhard Fuhr, der ehedem von der FAZ zur WELT wechselte. Noch in den 90ern salutierte er den „Zitelmännern“, einem neurechten Intellektuellen-Netzwerk im Umfeld von Springer-Presse und Ullstein-Verlag, die damals eine deutsch-nationale Renaissance in der „Berliner Republik“ beschworen, via Leitartikel, wobei er sich gar zur Formulierung verstieg, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden Ignaz Bubis habe mit seiner Kritik an Figuren wie dem parteiintern als "FDP-Deutschländerwürstchen" apostrophierten Ex-Generalbundesanwalt Alexander von Stahl „den geistigen Bürgerkrieg erklärt“ ("Überwunden, nicht befreit", FAZ vom 11.04.1995) .

Neuerdings verschreibt sich derselbe Fuhr, wie immer Straßenkreuzer fahrend und keinen fahrenden Zug verpassend, dem imperial-chauvinistischen Westlertum, wenn er in der Zeitschrift Cicero erklärt:

„Europa wird im 21. Jahrhundert die Tarnkappe des Universalismus abstreifen. Es ist zwar universalistischen Werten verpflichtet, aber die sind nicht ablösbar von seiner konkreten Gestalt. Die europäische Einigung ist die Erfolgsgeschichte eines friedlichen, demokratischen Imperialismus, dessen wichtigstes Machtmittel die Strahlkraft einer Idee und die Attraktivität einer Lebensform sind. Das Imperium Europa muss im 21. Jahrhundert zur Großmacht werden, weil die anderen Hauptakteure der Weltpolitik – Amerika, China, Russland, Indien – es auch sind. Auch im Blick auf diesen notwendigen Prozess neuerlicher Staatsbildung wird deutlich, dass die politische Moderne, die 1789 ins Leben trat, noch nicht ausgeschöpft ist. Das neue Jahrhundert wird das Jahrhundert eines langen Déjà-vu.“

Ein Déjà-vu-Erlebnis hat tatsächlich, wer sich durch dieses generalmobilmachungsgeile, zudem permanente Bedrohungsszenarien halluzinierende Zitierkartell der Neo-Imperialisten quält. Es sind die pathologischen Ideen von imperialer Größe und staatliche Allmachtsphantasien, die am Ende des 19. Jahrhunderts dem Liberalismus die Lebenslichter ausbliesen – und die GULag und Auschwitz erst möglich machten (und nicht etwa, wie der abgebrühte klerikalbolschewistische CDU-attac-Staazi-Demagoge Heiner Geißler einmal behauptete, der Pazifismus!)


Falls es wirklich, wie von Fuhr behauptet, eine universelle Tendenz zur Großmachtbildung gäbe (was aber in Kosovo, Osttimor, Tschetschenien, Kaschmir, Tibet und Taiwan alles andere als ausgemacht ist) wäre es das Vernünftigste, als Kleinstaat flexibel, weltoffen, neutral und friedfertig zu bleiben. Das etwa erklärt die Erfolgsgeschichte der Schweiz, die insoweit auch Vorbild sein könnte für eine längst überfällige sezessionistische Auflösung der Bundesrepublik in ihre Teilstaaten, evtl. im Rahmen einer lockeren Konföderation. Einen schicksalhaft unausweichlichen Geschichtsdeterminismus zum imperialen Prinzip gibt es jedenfalls nicht. Dem steht schon die historische Erfahrung des Niederganges ALLER historischen Großreiche entgegen. Europa muß nicht Großmacht sein, sondern ein Gegenmodell, das zeigt, daß die Welt ein Pluriversum sein kann und muß!


Andernfalls ist es wohl bloß noch eine Frage der Zeit, bis die europäischen Machthaber und ihre „embedded journalists“ Posener, Fuhr e tutti quanti uns zurufen:

„Wollt Ihr das totale Europa?“

Dienstag, September 25, 2007

Meinungsfreiheit ist die beste Gewaltprävention

Derjenige, der zum ersten Mal an Stelle eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der eigentliche Begründer der Zivilisation.

Sigmund Freud


Wo das Ventil, ein Schimpfwort gebrauchen zu können (dessen zivilisatorisches Verdienst schon Sigmund Freud zu würdigen wußte) und die freiheitliche Gewißheit, daß im Grunde ALLES sagbar ist, gestopft und beseitigt wird, ist bereits der Bürgerkrieg erklärt, die "Offene Gesellschaft" mutiert zur geschlossenen Anstalt.

Gerade weil ich mich nicht auf Moral und Anstand der Menschen, die ich durchaus für Mängelwesen halte, verlassen kann, möchte ich nicht eine Machtkonzentration bei einigen wenigen, die den "Staat" bilden und die dann als (wie auch immer ermächtigte) Gewaltmonopolisten durchsetzen können, welche Auffassungen öffentlich vertretbar sein sollen und welche nicht. Jede staatliche Regulierung des "Wort-Marktes" führt zu Wettbewerbsverzerrungen und damit zu Unterdrückung! Auch wenn ein interpersoneller Nutzen-Schaden-Vergleich m.E. unzulässig ist, sollte man doch zumindest mal darüber nachdenken, was unsere Rechtsordnung eigentlich dazu bewog, grundsätzlich davon auszugehen, daß der Schmerz eines empfangenen Schmähwortes immer schwerer wiegen muß, als der Schmerz, einem emotionalen Bedürfnis nach öffentlicher, durchaus nicht-wohlwollender Charakterisierung einer Person aufgrund von "Würde- und Ehre-Schutz"-Tatbeständen nicht nachkommen zu dürfen. Dieses "Runterschluckenmüssen" führt, und das sollte die Sozialpsychologie den Juristen einmal erklären, zu einem erst recht sozialunverträglichen Aggressionsstau. Außerdem treiben die aufgrund von sich verkniffen habenden "Beleidigungen" hervorgerufenen Magengeschwüre und Neurosen auch noch die Gesundheitskosten in die Höhe. Kommunikationsdelikte - eine gesellschaftliche Schadensbilanz, deren Dunkelziffer einen Schatten auf den "freiesten Staat der deutschen Geschichte" wirft.

Außerdem verbilligt die juridische Verteuerung von rustikalem Wortgebrauch relativ den Einsatz physischer Gewalt, wenn etwa die erwartbaren Sanktionen bei "Arschloch" sagen und Ohrfeige verpassen einander konvergieren. D.h. der Gewaltpegel in einer Gesellschaft steigt, die nonverbale Konfliktaustragung nimmt zu, je niedriger die Kommunikationstoleranz angesiedelt ist. Auf den Punkt gebracht ist das Verfolgen von bloßen Meinungen Anstiftung zur physischen Gewaltanwendung!

Dienstag, September 18, 2007

Hijacker

Wer das liest, dem wird schlagartig klar: es sind Euro-Imperialisten und neokonservative Demokratieglaubenskrieger, die dieses Land wie ein Flugzeug gekapert haben. Und wir sind die Passagiere auf dem Flug ins Ungewisse!

Montag, September 17, 2007

Weitere Blogger zur Freiheit

Die liberale Familie im Netz wächst und gedeiht prächtig. Das libertäre Info-Portal gegen staatliche Zwangsdienste Zwanglos.org erfährt jetzt als Blog unter zwanglos.wordpress.com eine Renaissance - Danke übrigens an Ranting Kraut für die Empfehlung! Ebenfalls unter die Blogger gegangen ist der eigentümliche Freigeist und ef-Vizechefredakteur Thorsten Boiger unter "The Owner's Blog". Und dieser Tage habe ich noch Liberty and Reason, eine andere spannende libertäre Blogseite entdeckt. Wünsche allen Projekten Erfolg und empfehle meinen Lesern den gelegentlichen Besuch der Seiten! Sachdienliche Hinweise zu weiteren Freiheitsblogs nehme ich jederzeit mit Freuden entgegen!

Die Quadratur des Kreis

Wer glaubt, der Schweizer Historiker und nebenamtliche Großinquisitor Georg Kreis, der sich vor allem als unermüdlicher Vorkämpfer für die Abschaffung der Meinungsfreiheit in der Eidgenossenschaft zweifelhaften Ruhm erwarb, sei aufgrund seiner FDP-Mitgliedschaft ein "Liberaler", der glaubt auch, daß ein Zitronenfalter Zitronen faltet. Schön zusammengefaltet wird der Basler Torquemada-Verschnitt darum nun in der aktuellen Weltwoche von Philipp Gut.

Freitag, September 14, 2007

Die Dinge zu weit getrieben

Über das intellektuelle Hijacking der amerikanischen Rechten durch ehemalige Trotzkisten die sich "Neokonservative" nennen (und die kaltschnäuzig in ihrer Kriegslust sowohl mit der Tradition der "Old Right" als auch mit der Verfassung brechen), deren Äquivalent in Bundesrepublikanien die Übernahme der Wortführerschaft bei den radikalen Liberalen durch zu einer Form von Hybrid-Liberalismus konvertierte Alt-68er ist, die hüben wie drüben den Alt-Liberalen bzw. Paläo-Konservativen expansiven Etatismus kombiniert mit außenpolitischem Interventionismus als "wahren" Konservatismus respektive "wahren" Liberalismus, gar "zeitgemäßen" Libertarianism einzutrichtern versuchen, ist wahrlich schon viel geschrieben worden. Aber immer viel zu nett. Etwas prononcierter als allgemein üblich äußerte sich aus traditionskonservativer Sicht unlängst der emeritierte Historiker Professor Stephen Tonsor von der University of Michigan, dem auf einer Tagung einfach mal der Kragen platzte:

„Es schien mir immer eigenartig, ja abartig, daß früheren Marxisten gestattet wurde, ja daß sie aufgefordert wurden, eine derart führende Rolle in der konservativen Bewegung des 20. Jahrhunderts zu spielen. Es beeindruckt, wenn die Stadthure religiös wird und der Kirche beitritt. Hin und wieder kann sie eine gute Chorleiterin abgeben; doch wenn sie anfängt, die Sonntagspredigten des Pfarrers zu bestimmen, dann sind die Dinge zu weit getrieben.“


Doch auch bei der Öffnung nach rechts wurden im eigentümlich libertären Beritt in jüngster Zeit ganz offensichtlich "die Dinge zu weit getrieben". Und zwar deutlich.


Libertärer Dezisionismus

Liberale Parteien müssen sich endlich entscheiden, auf wessen Seite sie stehen wollen: auf der des Staates oder auf der des Bürgers. "Staatstragender Liberalismus" ist eine contradictio in adiecto.

Das gleiche gilt, in noch viel stärkerem Maße, für klassisch liberale think tanks. Auch sie müssen sich endlich entscheiden, wem sie als Ideenlieferanten dienen möchten: den Regierenden oder den Regierten. Beides zugleich ergibt keinen Sinn bzw. führt zu multiplen Persönlichkeitsstörungen. Der "gradualistische" Liberalismus ist speziell im hardcore-etatistisch durchseuchten Deutschland eine närrische Erscheinung, vergleichbar einem Wanderprediger, der vermeint, er könne den Wolf dazu bringen, doch bitte das Lamm zu verschonen, indem er ihm einredet, es sei ohnehin nicht schmackhaft für ihn.

Viele bundesdeutsche Minimalstaatler lamentieren gern darüber, allzu dogmatische Anarcho-Libertäre sprächen ihnen in ehrenrühriger Weise ihren Liberalismus ab, würden sie gleichsam "exkommunizieren". Dabei sind sie es selbst, die Zweifeln an ihrer Integrität stets neue Nahrung geben, wenn sie, im Gegensatz beispielsweise zu andere Schwerpunkte im Meinungskampf setzenden klassischen Liberalen anderer Länder, etwa 80 Prozent ihrer Zeit und Energie darauf verwenden, sich eilfertig und dienstbeflissen von dem prozentual im Promille-Bereich angesiedelten Häuflein erklärter und kompromißloser radikalliberaler Staatsfeinde zu distanzieren und zum Teil schon degoutante Staats-Apologetik zu betreiben. Wem will man damit imponieren? Und warum verschießt man seine ganze Munition immer nur in die "Minimalstaat minus X"-Richtung, aber attackiert dafür die übermächtigen "Minimalstaat plus X"-Strömungen allenfalls mit Wattebäuschchen? (Stattdessen produziert man in einem fort liebedienerische, kollaborationistische, raffelhüschige und straubhaarige Broschüren mit Maßhalteappellen an die Mächtigen, in denen man ihnen anempfiehlt, der Kuh zwar das Euter wundzumelken, aber sie nicht gleich zu schlachten und rümpft die Nase über diejenigen, denen die Behandlung der Kuh Anlaß zur Sorge gibt.)

Es sind nicht die Anarchokapitalisten, die permanent den Gegner in den eigenen - liberalen - Reihen suchen!

Sklavereigegner vor BRD-Gericht

Weil er sich dem staatlichen Wehrzwang entzog, wurde der christliche Pazifist Jonas Grote aus Minden erst zu 42 Tagen Arrest verdonnert und jetzt wird ihm von von jener Institution, die Henryk M. Broder in anderem Zusammenhang als "Die Erben der Firma Freisler" bezeichnete, der Prozeß gemacht. Im "Rechtsstaat BRD" (Oxymoron!).

Der Gerichtstermin, auf dem möglichst viele Libertäre Präsenz zeigen sollten, ist der 1o. Oktober 2007.

Donnerstag, September 13, 2007

Gelbgrüner Etatismus - sowieso alles eine Mischpoke!

Was der umtriebige FDP-Politiker Chatzimarkakis da fordert, nämlich die Fusion der sogenannt "liberalen" Parteien FDP und Grüne, liegt einerseits irgendwie lifestylemäßig in der Luft, offenbart aber auch bei allen Unterstützern dieses Vorschlages ein zutiefst neomarxistisches Liberalismus-Verständnis: der Liberalismus wird verstanden als soziologisches Phänomen, als interessegeleitete Klassenideologie des Besitzbürgertums, und eben nicht als eine grundsatzgeleitete, normative Gesellschaftslehre, etwa im Sinne von Ludwig von Mises. Liberal ist nach Chatzi et alii offenbar jemand, der irgendwie im medial-edukativ-gouvernementalen Komplex, also in den geschützten Bereichen untergekommen ist und davon nicht schlecht lebt, daß andere die Arbeit tun. Fettlebe als Kollektivzugehörigkeitsmaß für "liberales Lager". Die letzte Schwundstufe des Liberalismus. Und in der Tat: es macht keinen Unterschied, ob man sich unter dem geklauten Label "liberal" nun Cornelia Pieper oder Claudia Roth vorzustellen hat. Daß deren Klientel, nämlich die durch die Ausschaltung von Wettbewerb von Big Government Wohlgenährten und durch Big Business-Privilegien (Kammernwesen, "geistiges Eigentum", staatliches Berechtigungswesen für Berufsausübungen etc.pp.) Begünstigten die "Reichen" hierzulande sind und diese Reichen dann gelb und in noch weitaus größerem Maße grün wählen, beweist nur, daß sich die dünkelhaft-krokodilstränengetränkt als "sozial benachteiligt" apostrophierten Menschen (vulgo: Arme; in verquastem Politsprech auch Prekariat, Niedrigqualifizierte, praktisch Begabte, Mitbürger mit Migrationshintergrund genannt) in den ungeschützten Bereichen, denen Bürokratismus, Dirigismus und Zentralismus ständig Knüppel zwischen die Beine werfen und sie immer tiefer in die Misere der Abhängigkeit und Unmündigkeit hinabstoßen, diese im Kern anti-liberale Politik von grünen und gelben Staazis und Privilegienrittern nicht mehr leisten können. Würden diese "Liberalen" auf den Markt setzen, als "geniales Entmachtungsinstrument" (Franz Böhm) aber eben auch als Vehikel sozialer Befreiung (hier sind die Anhänger der "kritischen Theorie" genauso mit Blindheit geschlagen wie die "Neoliberalen"), dann könnten Gelbe oder auch Grüne Motor der Veränderung sein. Doch sie sind wie sie sind nur Agenten der Erstarrung und Versteinerung der Verhältnisse, mithin überflüssige und bizarre Erscheinungen, die durch den Ansturm der Neototalitären (Lafontaine & Co.) hinweggerissen werden, weil sie kein eigenes Fundament haben.

Die paar echten Liberalen die es bei der FDP noch gibt (die ich an den 10 Fingern meiner Hände abzählen kann) und die drei Hanseln echte Liberale bei den Grünen (Oswald Metzger und zwei Kumpanen von ihm, womit die Liberalenquote bei den Grünen aber prozentual immer noch höher ist als bei der lupenrein sozialistischen CDU) könnten ja dann eine neue Partei aufmachen. Nach dem Vorbild der "Libertarian Party" in den USA, die in ihrem Logo den Schriftzug stehen hat: The Party of Principle!

Mittwoch, September 12, 2007

"Freiheit ist Zwang"

"Rundfunkfreiheit" nennen es deutsche Gerichte, wenn Rundfunkzwang unbeschränkt möglich ist. So gesehen gibt es im Prinzip keine rechtliche Schranke mehr, gleich das gesamte Volksvermögen für die GEZ zu konfiszieren. Orwell in roter Robe! Die geballte Empörung der liberal-libertären Bloggosphäre gegen diese Unverfrorenheit, diese dreiste Fratze des "Ihr könnt mir nix, denn ich habe das System auf meiner Seite" ist so verständlich wie folgenlos. Es gibt einen Punkt im Geschichtsverlauf, ab dem Protest nichts weiter darstellt als betuliche Geschwätzigkeit und der Weg des Widerstandes beschritten werden muß. Die Frage lautet nur noch: Quousque tandem ... ?

Sonntag, September 09, 2007

Handbibliothek für den Freiheitsfreund

Wem schon immer ein Kanon liberaler Klassiker ein Desiderat war, dem sei die gerade erschienene “Idee der Freiheit”, welche von Gerhard Schwarz, Gerd Habermann und Claudia Aebersold-Szalay herausgegeben wurde, wärmstens empfohlen. Wie ein Blick in das im aktuellen CNE-Monatsmagazin abgedruckte Autorenverzeichnis verrät, kommen auch radikalere Freiheitsfreunde in dieser im Umfeld der Hayek-Gesellschaft entstandenen Anthologie durchaus auf ihre Kosten.

Dazu noch der aktuelle Veranstaltungshinweis:

am 12. September 2007 findet im Hotel Savoy, Paradeplatz, in 8001 Zürich um 18:00 Uhr eine Buchvernissage zum kürzlich im NZZ-Verlag erschienen Buch "Die Idee der Freiheit. Eine Bibliothek von 111 Werken der liberalen Geistesgeschichte" statt. Nach einer Begrüssung durch Robert Nef, Leiter des Liberalen Instituts, referiert Dr. Gerhard Schwarz, Mitherausgeber und Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion, zur Entstehung des Buches. Danach werden einige Autoren ihre Beiträge kurz vorstellen.

Samstag, September 08, 2007

Donnerstag, September 06, 2007

Zurück aus der Sommerpause

die ich, wie immer, außerhalb der EU verbracht habe, nämlich in der schönen Schweiz (hier auf dem Bild sitze ich gerade auf der Brissago-Insel im Lago Maggiore im Tessin - der Sonnenstube der Schweiz)!

Damit man in der Schweiz auch in Zukunft noch frei atmen kann, sei vornehmlich meinen eidgenössischen Lesern diese Warnung vor dem europäischen Superstaat aus der Feder des deutschen Ordo-Liberalen Gerd Habermann, auch im Hinblick auf die Wahlen im Herbst, wärmstens ans Herz gelegt!