Friday, September 19, 2008

Die Zulässigkeit von "Nazi-Vergleichen"

Ein unerschöpfliches Thema und ein Daueraufreger in vielen Diskussionen. Konservative, die mir weismachen möchten, man dürfe zwar getreulich antitotalitaristischer Wegmarken Kommunisten mit Nazis vergleichen, aber niemals Konservative, sind entweder Spitzbuben oder Idioten. "Unorthodoxe" Linkssozialisten, die das Vergleichsverbot für in den Faschismus verstrickte Konservative (immerhin Steigbügelhalter Hitlers, Mussolinis, Francos und - am stärksten involviert - Pinochets) mit Recht verneinen, es auch bei von ihnen geschmähten Kommunisten ("Stalinisten") nicht anwenden, wohl aber eine Faschismusvorwurfsverschonung gegenüber klassisch sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaatlern (vgl. "Hitlers Volksstaat") proklamieren, wollen mich ebenfalls hinter die Fichte führen.

Es gibt eine einzige Ideologie, deren gemeinsame Teilmenge mit der Ideologie Hitlers am geringstmöglichen ist, nämlich gegen NULL geht: der Anarchismus. Der Anarchist hat als einziger keine Leiche im Keller, da er KEINE Überzeugung mit Hitler teilt oder teilen könnte. Daher liegt es einzig und allein und völlig legitimerweise im Belieben des Anarchismus, darüber zu befinden, wann ein Nazi-Vergleich zulässig ist oder nicht. Alle anderen reden in dieser Frage pro domo, den eigenen Vorrat an Gemeinsamkeiten zumeist klein, den der Konkurrenz lassen sie gerne etwas größer erscheinen. Und ganz Verwegene nehmen sogar den Standpunkt ein, die Gemeinsamkeit sei ja richtig, weil Hitler schließlich auch mal recht hatte. Zumindest mit der Autobahn.

Fazit: wer sich über Nazi-Vergleiche aufregt sollte seinen eigenen Anteil an NS-Kompatibilität auf das sozialverträgliche Maß - also NULL - herunterfahren, müßte ergo Nullstaatler werden. Oder sich den zu polemischen Zwecken legitimen Vorwurf gefallen lassen.

Womit noch nichts über den Gebrauchswert des Nazi-Vergleichs gesagt ist. Der kann durchaus auch mal gegen Null gehen. Mit der Bloßstellung des Etatisten ist es ja nicht getan, damit hat die Analyse noch nicht einmal begonnen. Die Wahlverwandtschaft zu kennzeichnen kann immer nur notwendige, nie aber hinreichende Bedingung sein, um Staazis jedweder Couleur zu widerlegen. Aber um sie zur Weißglut zu treiben, ist es manchmal doch hilfreich.

13 comments:

Le Penseur said...

Vergleichen kann man alles. Es ist nur die Frage, wie sinnvoll die Vergleiche jeweils ausfallen.

Und natürlich kann man auch den Anarchismus mit dem NS-Regime vergleichen, da sich dieses ja geradezu dadurch charakterisierte, daß es keine geordneten Hierarchien gab, sondern höchst anarchisch in parallelen Organisationsstrukturen (und oft einfach ad-hoc-"Strukturen") "regiert" wurde.

Belege finden Sie dazu jede Menge. Ich glaube, einiges darüber in Höhne's "Orden unter dem Totenkopf" gelesen zu haben (bin aber jetzt ehrlichgesagt zu faul, das Buch aus meiner Bibliothek rauszusuchen — es ist, falls Sie's nicht kennen, jedenfalls lesenswert, und Spiegel-Redakteur Höhne wird man wohl nicht des Neonazismus verdächtigen können)

Was die Konservativen betrifft, sind sie keine Spitzbuben oder Idioten, wenn sie sich einen Vergleich mit dem Nazismus verbitten, sondern unterscheiden zwischen "Konservativismus" als Weltanschauung, die nun mit NS-Weltanschauung nun wirklich kaum irgendwas gemeinsam hat, und einem konkreten Herrn Reichstagsabgeordneten X der DVP, der (aus Opportunismus? aus Blödheit? was weiß ich) mit den Nazis sehr wohl gemeinsame Sache gemacht hat.

Denn vergleichbar sind wohl sinnvollerweise nur (oder eben auch nicht!) Weltanschauungen, Programme — nicht konkrete Handlungen konkreter Personen, die sich selbstverständlich mit den Weltanschauungen und Programmen nicht zwangsläufig decken mußten und müssen.

Es ist daher natürlich möglich und sinnvoll, über die Kollaboration konservativer DVP-Abgeordneter mit den Nazis zu reden (und wird ja auch gemacht), "den Konservativismus" hingegen mit "dem Nationalsozialismus" in ein Steigbügelhalter-Verhältnis zu bringen, ist hingegen purer Unsinn von linker Seite, denen alles, was nicht für Marx ist, den Ruch des Faschismus an sich trägt ...

Wer es dennoch partout versuchen will, muß sich allerdings die Parallelen zum Anarchismus (s.o.) auch gefallen lassen. So wirklich sinnvoll wird aber vermutlich beides nicht sein ...

Matt Jenny said...

@Dominik:

"Es gibt eine einzige Ideologie, deren gemeinsame Teilmenge mit der Ideologie Hitlers am geringstmöglichen ist, nämlich gegen NULL geht: der Anarchismus. Der Anarchist hat als einziger keine Leiche im Keller, da er KEINE Überzeugung mit Hitler teilt oder teilen könnte."

Das stimmt zwar prinzipiell, Ideenhistorisch ist es aber auch nicht so einfach. Ein Beispiel dazu bei Shawn Wilbur:

"Unfortunately, we know that some apparently sincere libertarians of the late 19th century were equally earnest anti-semites in the early 20th. Morrison I. Swift, to take the most disturbing example, went from "the ablest critic of Anglo-saxonism" to a proponent of the sterilization of the Jews. And in 1909, when libertarians were talking perhaps too glibly about "the unfit" in the pages of their journals, the programs of forced sterilization were already underway in the United States, targeting groups like the Ishmaelites of Indiana."

Gut bekannt ist auch Proudhons Antisemitismus.

Christian Hoffmann said...

Eine witzige Darstellung.
Ich sehe selbst das Problem nicht in der Beleidigung der Etatisten, sondern eher umgekehrt in der Verniedlichung des "real-existierten" NS.
Ich schätze der Faschismus ist für eine Klassifizierung politischer Strukturen besser geeignet, als der NS (als gewisse Sonderform desselben). Auch mir fallen so gesehen immer wieder faschistoide Tendenzen gewisser Staaten und Politiker auf.
Aber bei aller berechtigter Kritik relativiert nunmal der ständige Vergleich aller sozialdemokratischen oder sicherheitspolitischen Massnahmen der BRD mit dem NS das Ausmass dessen tatsächlicher Gräuel.
Meinst net?

Dominik Hennig said...

@Le Penseur: So treuherzig brauchen Sie einem alten Kämpen der deutschen Rechten wie mir nicht zu kommen. Der Nachteil an mir ist ja, daß ich in der "Szene" sozialisiert worden bin. Ich weiß, daß zwischen einem reputierlichen Konservativen und einem Horst-Wessel-Lied-Gröler oft nur ein paar Promille liegen, ich bin in vielen deutschen und österreichischen Vereinen, Parteien, Vorfeldorganisationen, Studentenverbindungen etc. verkehrt, und die Affinitäten der Konservativen (selbst mit CDU-Parteibuch!) zum Haselnußschwarzbraun, zu Rassismus, Kriegs- und NS-Verherrlichung, die ich erleben durfte, kann man wohl nur noch als flächendeckenden Einzelfall beschreiben. Immer, wenn es zu später Stund vertraulich wurde und man sich "unter sich" wähnte, taten sich Abgründe auf.

@Matt: Du kennst Dich ja in der nordamerikanischen Ideengeschichte besser aus als ich, aber sind diese Abirrungen nicht gerade als Häresien zu verstehen? Wird, weil irgendein Libertärer zum Beispiel Schwule nicht leiden kann der Libertarismus davon kontaminiert und infolgedessen homophob?

@Christian: Keine Frage, die uns bis heute bekannten historischen Erscheinungsformen des Faschismus und Nationalsozialismus in seiner Epoche (im 20.Jh.) sind unerreicht barbarisch, verbrecherisch, grausam und voll krimineller Energie. Bis heute.

Aber ob das so bleibt? Ich gewinne immer mehr den Eindruck, daß die Wahrscheinlichkeit, daß dieser Negativrekord doch noch einmal gebrochen werden könnte, zwar noch immer nicht besonders hoch ist - aber sie war eben auch schon einmal niedriger als heute. Je weiter diese Ereignisse "historisiert" werden und ihren schockierenden Schrecken ganz allmählich verlieren, desto weniger Ingredienzen des historischen Faschismus werden als Tabus, als das schlechthin Undenkbare angesehen. Es gibt heute in der und durch die westliche Welt vieles, was noch in den 80er und 90er Jahren außerhalb unseres Vorstellungsvermögend lag und dort besser auch geblieben wäre. Der Gewöhnungsprozeß ist ein schleichender. Es gibt schon wieder Lager, freilich NOCH keine, die man bei intellektueller Redlichkeit mit denen der deutschen Vergangenheit gleichsetzen darf. Es gibt schon wieder Angriffskriege, freilich NOCH keine, die das Label "totaler Krieg" rechtfertigen würden. Es gibt viele kleine Schritt, kaffeeböhnchengroß, weg vom Pol der Freiheit hin zu ihrem Gegenpol.

Es gibt KEINE Gestapo, aber doch mehr Überwachung und Kontrolle, als wir als Lehre aus der Tatsache, daß es einmal eine Gestapo gab, ehedem für einer freien Gesellschaft zuträglich erachtet haben.

Es gibt keine Ausbürgerungen, aber doch Abschiebungen von Menschen, die hier faktisch Mitbürger waren und sind. Es gibt noch keine Einmauerungen einer ganzen Bevölkerung, aber doch das Bestreben, Arbeitsmigration genauso zu drosseln wie "Kapitalflucht" und - unter klimapolitischem Vorwand - Massentourismus. Es gibt von allem was nicht sein darf längst nicht soviel wie in der Katastrophe, aber es gibt von allem schon wieder mehr, als es nach der Katastrophe geben sollte.


Wenn ich ein Sandkorn hier vor mir hinstreue, dann ist das nur ein Sandkorn. Bei zwei Sandkörnern oder auch dreien wird niemand von einem Sandhaufen sprechen. Aber bei tausend Sandkörnern spricht man von einem Sandhaufen. Ab dem wievielten Sandkorn ist es zulässig, von einem Sandhaufen zu sprechen? Ab dem 573ten oder erst ab dem 924ten?

Wenn ich mir ein paar Haare ausreiße, habe ich noch keine Glatze, reiße ich sie mir büschelweise aus, dann schon. Ab dem wievielten Haar, das ich mir ausreiße, fängt die Glatze an?

Wenn ich im Zug von Stuttgart nach München sitze, und nicht nach München will, ist es sinnvoll, vorher auszusteigen. Letzte Station ist München-Pasing. In diesem Zug sitzen mit mir vermutlich noch viele andere Menschen, die auch nicht nach München wollen sondern deren Ziel eine Station ist, die irgendwo auf der Strecke liegt. Aber objektiv sitzen sie im Zug nach München. Entscheidend ist nicht der jeweilige Haltepunkt, an dem man sich gerade befindet, sondern die Zielrichtung des Zuges. Und wenn man im Zug Stuttgart-München sitzt, dann kann man, selbst bei Mehdorns Chaos-Kombo, mit traumwandlerischer Sicherheit die kühne Vorhersage wagen, daß dieser Zug irgendwann auch in München ankommen wird. Und auch wenn diejenigen, die ein paar Stationen vorher aussteigen, nicht nach München wollen, wird der Zug dennoch dort einfahren.

Wir müssen in Prozessen denken, nicht nur augenblickliche Zustände wahrnehmen. Im Moment leben wir nicht im Faschismus. Aber es kann gut sein, daß wir heute schon auf einem Weg sind, der in ein Morgen führt, das selbst das Gestern noch an Schrecken übertrifft und wir die Menetekel an der Wand nicht erkennen. Manch einer würde erschaudern, wenn er seine eigenen Überzeugungen im "war on terror" oder im Bereich des law-and-order-"Liberalismus" nur konsequent zuende denken würde.

Auch die unangebrachte und zugleich unerschütterliche Loyalität der middle-of-the-road-Liberalen gegenüber dem Regime aus BRD, NATO und EU hat historische Vorgänger. Auch die nationalkonservativen Militär-Eliten zaudernden und zögerten ewig, bevor sie sich endlich aufrafften, sich innerlich vom Glauben an das System zu befreien und dann erst zur Tat schritten. Auch die neoliberalen Wirtschafts-Eliten unserer Tage machen lieber den Ausputzer und begnügen sich mit etwas palliativliberaler Leidminderung (also defensiven Forderungen, das nächste Drehen an der Zwangsschraube doch bitteschön vorerst auszusetzen, diese oder jene Steuer nicht zu erhöhen etc.), anstatt einmal zu sagen, uns paßt die ganze Richtung nicht.

Nicht der von allen nicht-libertären und nicht-anarchistischen Meinungslagern gemeinsam zu verantwortende Ist-Zustand ist faschistisch, sondern der Zustand, der folgerichtig eintreten wird und muß, wenn man nicht heute schon sagt, wo das alles enden wird. Der radikale, individualistische Anarchismus ist die einzige Versicherungspolice gegen den neuen Faschismus kommender Tage - ein Überlebensimperativ!


Wer keinen Sandhaufen haben will, darf auch kein einziges Sankorn streuen, wer keine Glatze haben will, auch kein einziges Haar ausreißen. Und wer in einem Zug sitzt, der in die katastrophal falsche Richtung fährt, muß die Notbremse ziehen.

Christian Hoffmann said...

Die Zug-Metapher ist sehr schön ;) Dem würde ich auch zustimmen - die Stossrichtung vieler politischer Initiativen ist eine faschistoide. Logisch zu Ende gedacht, führt sie in eine Allzuständigkeit und Allgegenwart des Staates.
Nur macht das aus einer Merkel oder einem Schäuble einen Faschisten? Oder doch nur einen banalen Etatisten? Sicher, der Etatismus zu Ende gedacht IST Faschismus/Kommunismus/NS/Totalitarismus. Aber darum ist nicht jeder Etatist ein Anhänger totalitärer Ideologien.
Der Nazi-Vergleich inflationär angewandt wird lediglich entwertet - und damit auch der NS & Co. relativiert.
Es spricht also wenig gegen das Schonen dumpf-etatistischer Vorstösse, denn sie sind zweifellos gefährlich. Aber es spricht m.E. doch etwas gegen die unvorsichtige Anwendung des Nazi-Vergleichs in der öffentlichen Debatte...

dergrinchertär said...

Den Vergleich mit den Sandkörnern finde ich, etwas anders gedreht besser, als den Zug nach München. Es geht nicht um die Mehrung des Sandhaufens durch eine Person. Vielmehr wird man sagen können:
1...der Sandhaufen ist mit 10000 Körnern ein Sandhaufen.
2. Jeder Politiker der auf der politischen Bühne wirkt muss sein Wirken sichtbar machen. Er muss.
3. Jede Sichtbarmachung drückt sich in der Menge Sandkörner aus, die hinwegenommen oder hinzugelegt worden sind. Es reicht nicht hin den Haufen zu verschieben.
4. Jeder der etwas hinzulegt, bereitet dem Sandhaufen den Boden zur Vollendung, er legt also nicht nur die Grundbedingungen für den Haufen, er baut ihn mit.
5. Wer etwas mitbaut, ist Teil und wer Teil ist, kann nicht behaupten, er hätte mit dem zehntausendesten Korn nichts zu tun.

Meiner Meinung nach kann man den Vergleich mit den Faschisten durchaus bringen, er sollte nur eben auf deren Ideen gemünzt werden, nicht auf dessen Massentötungen.

Simon said...

@grinchertär: "4. Jeder der etwas hinzulegt, bereitet dem Sandhaufen den Boden zur Vollendung, er legt also nicht nur die Grundbedingungen für den Haufen, er baut ihn mit."

deine differenzierung finde ich insgesamt schon ganz gut. aber unter diesen sandkörnern befinden sich nunmal auch die abschaffung der frakturschrift, die früher oder später sowieso gekommen wär, um den schreibprozess zu vereinfachen. deshalb würde ich schon sagen, dass man die frage aufwerfen sollte, warum jemand jetzt das korn da hingelegt hat und was er damit bezwecken sollte. man sollte unterscheiden zwischen sandkörnern, die auch bei nicht-faschistoiden sandhaufen verwendung finden und solchen, die ein faschistoider sandhaufen braucht, um faschistoide zu sein.

Uwe Timm said...

Hinsichtlich Analogien Nationalsozialismus - Faschismus -Kommunismus verweise ich auf meinen Text: Was ist eigentlich Faschismus.
Antisemitismus war bei Intellektuellen jegliche Couleur verbreitet und wenn hier Proudhon genannt wird, solte es mit einer kritischen Distanz betrachtet werden, denn in seiner Grundhaltun war Prodhom. dessen Werke die meisten Leute gar nicht kenne, sid ihn Rudolf Rocker beschrieb, ein freiheitlicher Geist wider jeder Tyrannei.
Gruesse Uwe Timm

Matt Jenny said...

@Dominik:

Du kennst Dich ja in der nordamerikanischen Ideengeschichte besser aus als ich, aber sind diese Abirrungen nicht gerade als Häresien zu verstehen? Wird, weil irgendein Libertärer zum Beispiel Schwule nicht leiden kann der Libertarismus davon kontaminiert und infolgedessen homophob?

Ja, das sind gewiss "Häresien". Aber die Beispiele, von denen uns viele weitere ja leider nur allzu gut bekannt sind, zeigen m.E. sehr gut, dass der Schritt vom Anarchismus zum Faschismus (und umgekehrt) -- so gross er theoretisch auch sein mag -- in der Tat schon oftmals, zumindest teilweise getätigt wurde.

Uwe Timms Kommentar zeigt das ja auch sehr gut: Man kann sich bestimmten "Moden" nicht immer so leicht entziehen, auch wenn sie einem eigentlich total gegen den Strich gehen. (Wobei ich damit Proudhons Antisemitismus nicht verharmlosen möchte. Es wäre m.E. sowieso mal eine eingehendere Untersuchung wert, die Verbindungslinien zwischen der sozialistischen Arbeitswerttheorie und dem Antisemitismus zu aufzuspüren.)

Le Penseur said...

@DDH:

Ich weiß, daß zwischen einem reputierlichen Konservativen und einem Horst-Wessel-Lied-Gröler oft nur ein paar Promille liegen

... und noch viel öfter zwischen einem reputierlichen Sozialisten und einem Horst-Wessel-Lied-Gröler. Da reicht u.U., daß kein Andersdenkender zuhört ...

Der österreichische (und sehr antinazistische — no na, nach Dachau und Buchenwald!) sozialistische Innenminister Franz Olah (http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Olah) scheiterte nicht zuletzt daran, daß er die "braune Blase" in der SPÖ auffliegen lassen wollte.

Das war dem späteren Justizminister Broda, dem großen marxistischen Humanisten (und früheren KZ-Beamten) aber gar net recht, und so wurde Olah ein erbärmlicher Schauprozeß gemacht ... Olah lebt noch immer, 98-jährig, mittlerweile hochdekoriert und geehrt, nachdem einige von der "brauen Blase" (der Broda nicht, das hätte der Gusi nicht überstanden) mittlerweile in einer Reue- und Brustklopfaktion der SPÖ (größtenteils posthum) zu Buhmännern gemacht wurden und der Gusi ein paar Krokodilstränen über "braune Flecken in der SPÖ" vergossen hatte, die aber schon längst ... und überhaupt und außerdem — ja, ja, so läuft's halt!

Also: mit "konservativ" hat das alles recht wenig zu tun. Und Karriere-Nazis, die nachher Karriere-CDUler wurden, waren vermutlich weder Nazis noch Konservative, sondern einfach Berufsopportunisten.

So treuherzig brauchen Sie einem alten Kämpen der deutschen Rechten wie mir nicht zu kommen. Der Nachteil an mir ist ja, daß ich in der "Szene" sozialisiert worden bin

Ja, die Renegaten sind die schlimmsten ...

Nun: mein Vor- (und Nach-)teil ist, daß ich in gar keiner "Szene" sozialisiert worden bin (also ein strikt asozialer ;-) Mensch bin). Wenn ich mich überhaupt irgendwo einordnen könnte, wäre es ein individualistisch-skeptizistischer Konservativismus à la Dubslav von Stechlin, aber ins Akademisch-Bürgerliche gewendet. Auch mit Herrn von Montaigne könnte ich mich sicherlich ganz gut reden (sofern dieser mit bürgerlichen Juristen geredet hätte ...)

Ach, und Ihre Zug-Metapher ist sehr poetisch. Gefällt mir! Ob sie inhaltlich unsere Situation hinreichend beschreibt, muß ich noch weiter durchdenken. Ich komme darauf zurück.

scrutograph said...

Auch Hitler war in gewisser Weise Anarchist, er wollte nämlich keine staatliche und gesetzliche Herrschaft über sich dulden.

Außerdem brüllte er einmal ins Mikro:
"Nicht der Staat befiehlt uns, sondern wir befehlen dem Staat!"

scrutograph said...

In Deutschland begibt man sich mit Nazi-Vergleichen, wenn sie nicht gut und anschaulich begründet sind, rasch ins Abseits des "Pöblers".

Ich halte auch nichts davon, Ähnlichkeiten zwischen NS und BRD anzuprangern, wenn sie sich nicht auf akute Menschenfeindlichkeit oder Schädigung von Menschen beziehen.

Anonymous said...

Den Zugvergleich finde ich auch sehr schön, der einzige Widerspruch liegt meines Erachtens in der Tatsache, dass ein Zug betrieben werden muss, um voranzukommen, dass er stehen bleibt, wenn man keine Energie hineinsteckt.

Mir drängt sich der Vergleich von Macht und Masse auf.