Tuesday, November 27, 2007

Antideutsche Libertäre?

Ein altliberales Klagelied, das mich doch stark an Ludwig von Mises’ „Im Namen des Staates“ erinnerte, entdeckte ich dieser Tage in einem Büchlein, das ich beim Blogger-Seminar Ende Oktober von Michael Kastner erworben habe:


„Weder im November 1918 noch im November 1989 – beide eher Implosionen als Revolutionen – standen die individuelle Freiheit oder die universalen Menschenrechte im Mittelpunkt. Dazu war es 1918 zu spät, die Revolution mit der sozialen Frage überfrachtet. Es ging um den Achtstundentag, um das soziale Netz, um Fürstenenteignung und Verstaatlichung. Und gut 70 Jahre später ging es um die »Anpassung des Lebensniveaus« bei gegebener »sozialer Geborgenheit«. Keine revolutionäre Forderung, die in Deutschland nicht etatistisch aufgefangen wurde, keine soziale Errungenschaft, kein Aufbauprogramm, deren Fluchtpunkt nicht das Wohl des Staats- respektive Volksganzen gewesen wäre. Arbeiterbewegung, Nationalsozialismus und hundertjähriger Primat staatlich administrierter Sozialpolitik haben jenes deutsche Kollektiv geschaffen, das noch die Gegenwart der Bundesrepublik bestimmt. Die Vielfalt der einzelnen, ihr differenzierter und differenzierender republikanischer Bürgersinn blieben marginal.“

Götz Aly, „Macht Geist Wahn. Kontinuitäten deutschen Denkens“, Frankfurt am Main 1999

Jemand hat kürzlich in einem Kommentar auf meinem Blog die Frage aufgeworfen, ob es neben der antideutschen Linken, auch „antideutsche Libertäre“ gebe, sei es aus ideologischen Gründen, sei es auch aus psychologischen, etwa den von ihm unterstellten Frust mancher Libertärer über die mangelnde Bereitschaft der Deutschen, vom Staatsmystizismus Abschied zu nehmen, sich also als historisch lernresistent zu erweisen.

Ende des 19. Jahrhunderts war man sich hinter deutschen Kathedern und im bildungsbürgerlichen Milieu ganz allgemein zumindest einig, daß der radikale Liberalismus (unter dem Label „Manchester“ mehr geschmäht als verstanden) in jedem Falle als jüdisch-englische Schnapsidee, mithin als von Haus aus „undeutsch“ zu gelten habe. Ist der Libertarismus, als Extrakt aus diesen radikal-liberalen Ideen, also per se antideutsch?


Zwei Zitate aus anarcho-syndikalistischer Richtung scheinen zunächst für eine gewisse Verbindung von liberal-libertären und „antideutschen“ Positionen zu sprechen. In der Broschüre „Das Volk hört die Signale. Zur diskursiven Rekonstruktion einer ‚deutschen Nation’“ von Teodor Webin, in der auch das Lager des antideutschen „Gegen-Nationalismus“ kritisch gewürdigt wird, heißt es:

„Im besten Falle erweisen sich Anti-Deutsche als auf die neoliberale Ideologie reingefallen, im schlechtesten Falle als sich dieser Tatsache nicht bewusste Individualanarchisten (wobei sie – Marx sei dank [und das ist wörtlich zu nehmen] – Anarchismus als unkollektiven Individualismus wahrnehmen.“

und:

„Die antideutsche Ideologie lässt sich summieren unter: Kollektive sind destruktiv, Individuen sind – zumindest relativ – konstruktiv. Mit diesem Ideologem treffen sie den „Nabel“ der Zeit. „Antideutsche“ sind in der Tat die schlimmsten Feinde sowohl der eingebildeten nationalen Kollektive wie auch utopischer kommunistischer Gemeinschaften – und es tut weh, aber diese ideologische Gemeinsamkeit haben die beiden Theorien leider.“

Tatsache ist, daß der Libertarismus/entschiedene Liberalismus sämtlichen Hauptströmungen der deutschen Ideen- und Mentalitätsgeschichte konträr gegenübersteht. Er ist zu den „deutschen Ideen“ (siehe v.a. Kapitel „Das deutsche Lied: Nationalismus, Nationaler Sozialismus“ und „Die Tonart des deutschen Liedes: Antiliberalismus und Antikapitalismus“ in Roland Baaders „totgedacht“) schlechthin Antithese. Fest auf dem Fundament des methodologischen und normativen Individualismus stehend ist er gleichwohl frei von (auch inversiv) rassistischen Diskursen, was, abgesehen vom strikten Antimilitarismus und Antiinterventionismus der genuinen Libertären, das Hauptunterscheidungsmerkmal zur antideutschen Linken ausmacht. Vielmehr nimmt er den Faden auf zu – zugegebenermaßen nicht allzu üppig gesäten, aber bei gutem Willen dennoch auffindbaren – positiven Beispielen liberal-individualistischer Traditionslinien im deutschen Geistesleben – wofür etwa große Namen wie Wilhelm von Humboldt und Eugen Richter stehen.


Alle Wege antiliberaler Ideologie – und es gibt keinen, der in Deutschland nicht erdacht und erprobt worden wäre – münden letztlich immer in Exklusion, Ausgrenzung, Ethnizismus, atavistische Hordenmoral und chauvinistischen Kollektiv-Dünkel. Es erhebt sich die Frage, ob der natürliche Widerspruch von liberal (was ja universalistische, kosmopolitische und individualistische Werte umfaßt) und national als politische Ordnungsprinzipien nicht prinzipiell unaufhebbar ist, der Terminus „national-liberal“ somit nichts weiter als ein Oxymoron bedeutet? Aber spricht gegen diese schroffe Gegenüberstellung nicht die in Europa schon häufiger anzutreffende und (zumindest temporär) erfolgreiche Programm-Synthese aus erzliberalen und betont patriotischen bis schrill nationalistischen Ingredienzen, wie etwa bei Margaret Thatcher, Christoph Blocher und Vaclav Klaus? Spielen theoretische Inkonsistenzen in der politischen Praxis überhaupt eine Rolle? Über kontroverse und gehaltvolle Beiträge meiner Leser würde ich mich freuen!

23 comments:

Urs Bleyli said...

Wie Gerard Radnitzky einmal so schön schrieb:

"Deutschland wurde bereits unter dem sozialen Königtum zum klassischen Land des Etatismus und der Hoheitsmystik. Es galt als die klassische ‚terra obedentiae’, das Land des Gehorsams. Oswald Spengler sprach von der ‚stolzen libertas obedentiae’, der Freiheit zu gehorchen."

In Deutschland werden es freiheitliche Ansätze geschichtlich bedingt immer schwerer haben als beispielsweise in der Schweiz, aber auch in angelsächsischen Ländern. Insofern kann ich deutsche Libertäre schon verstehen, wenn sie an ihren Landsleuten verzweifeln.

Anonymous said...

Wenn man gewisse Abirrungen und Fehlentwicklungen der deutschen Geschichte und Gegenwart kritisiert, ist man noch lange nicht "antideutsch"!

Matt Jenny said...

Hallo Dominik,

Ich weiss nicht, ob ich die generelle Stossrichtung Deines Artikels richtig verstehe.

Mühe habe ich unter anderem mit diesem Satz:

"Fest auf dem Fundament des methodologischen und normativen Individualismus stehend ist er gleichwohl frei von (auch inversiv) rassistischen Diskursen, was, abgesehen vom strikten Antimilitarismus und Antiinterventionismus der genuinen Libertären, das Hauptunterscheidungsmerkmal zur antideutschen Linken ausmacht."

Erstens ist der Libertarismus ja leider überhaupt nicht frei von rassistischen Diskursen. Und auch wenn er es wäre, würde ich nicht ganz verstehen, warum dies das Hauptunterscheidungsmerkmal zwischen dem Libertarismus und der antideutschen Linken wäre. Oberflächlich betrachtet, ist an der antidetuschen Linken m.E. mal gar nichts rassistisch. Vielmehr plegt man ja einen recht ausgeprägten Philosemitismus. (Aber natürlich schlägt dieser leider ab und zu in undifferenzierte Islamophobie um.)

Aber die zwei anderen Unterscheidungsmerkmale, die Du nennst, sind m.E. zentral: strikter Antimilitarismus und Antiinterventionismus. Auch wenn sich die antideutsche Linke durchaus durch einen sehr erfrischenden Individualismus auszeichnet, so ist das Falkenhafte doch bestimmt ihr wichtigstes Identifikationsmerkmal. Und damit wird sie in meinen Augen enorm unattraktiv (auch wenn ich den von ihr vorangetriebenen innerlinken Antisemitismusdiskurs sehr löblich finde). Besonders bei genauerem Hinsehen fällt es sehr schwer, Antideutsche von Neokonservativen zu unterscheiden.

Darum weiss ich nicht ganz, was ich von dem Label "antideutsche Libertäre" bzw. von der von Dir erwünschten Diskussion zum Thema halten soll. Willst Du Diskutieren, ob der Libertarismus tatsächlich dem Deutschtum bzw. dem Nationalismus diametral gegenübergestellt ist? Ob der so verstandene Begriff des "antideutschen Libertarismus" ein Pleonasmus darstellt? Sehr gerne! Und meine generelle Zustimmung kriegst Du obendrauf. ;) Aber in diesem Zusammenhang halte ich das Adjektiv "antideutsch" für irreführend, da damit wohl hauptsächlich doch der "deutsche" Neokonservatismus verbunden wird.

Burkhard von Grafenstein said...
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Matt Jenny said...

Ah, was ich noch hinzufügen wollte: Die Bezeichnung Thatchers als Erzliberal finde ich übrigens auch ein bisschen irritierend. Die Gründe, warum ich das irritierend finde, kann man unter anderem hier nachlesen. ;) Ausserdem war es auch Thatcher, die die britische Variante des "War on Drugs" gestartet hat, womit sie auch ganz ihrem vermeintlich "erzliberalen" Kollegen Reagan gefolgt ist.

Matt Jenny said...

Mist, schon wieder etwas vergessen: Dass ich Blocher auch nicht erzliberal finde, sollte Dir ja klar sein. ;)

Klaus kenne ich abgesehen von seinen Positionen zum Klimawandel kaum, darum kann ich das nur schwer beurteilen.

gis said...

Wieso soll Liberalismus/Libertarianismus immer konträr zu "sämtlichen Hauptströmungen der deutschen Ideen- und Mentalitätsgeschichte" stehen? Was ist mit dem Vormärz (Börne, Heine), einem Grossteil der Junghegelianer, Feuerbach?

In diesem Zusammenhang noch ein Tipp an die Kollegen von anarcho-syndikalistischen Lager: Es lohnt sich, einen Blick zu werfen in Max Nettlaus "Der Vorfrühling der Anarchie" von 1925.

Simon said...

in den USA lebend muss ich momentan sagen, dass sich Nationalismus und Liberalismus ganz sicher nicht ausschließen müssen. Aber das liegt wohl an der angelsächsichen politischen Philosophie, die den Staat nur als ein nützliches Werkzeug sieht, dessen man sich bedient. Warum der Staat ein nützliches Werkzeug sein soll, versteh ich auch nicht und um es herauszufinden, müsste ich mir mit meinem amerikanischen Kumpel J.P. wahrscheinlich die Köpfe einschlagen. Das will ich aber nicht, denn obwohl er den Staat für notwendig hält, hat J.P. eine sehr liberale, einfach unabhängige Lebenseinstellung. Das Problem ist wohl einfach Deutschland als soziale Einheit. Mir ist das aufgefallen, als ich mir den "Jungen Törless" von Volker Schlöndorff nach Musils Roman vor kurzem angeschaut hab. Darin wird diese Freude des einen Internatsschülers geschildert, der in die Psyche eines anderen eindringt und ihn so zu seinem vollständigen Werkzeug macht - so etwas Perverses kann man sich doch nur an Orten wie Deutschland (wozu ich die österreichische Monarchie mal mitzähle, in der der Film spielt) ausdenken, an diesem verlogenen Ort, der Kollektive schafft, in denen man miteinander wie mit Bestien umgeht und das auch noch hinter wohlklingenden Begriffen wie Solidarität versteckt. Manchmal frag ich mich wirklich, ob die Bewohner meines Heimatlandes einfach nicht merken was sie sich gegenseitig antun, oder ob sie darauf stehen, sich zu quälen. Die Amerikaner haben ja durchaus ihre Mängel und in der Hinsicht hab ich auch einiges dazugelernt. Aber eines haben sie, weswegen sie auch ihre Straßen noch so mit blau-weiß-rot zupflastern und immer noch ein freies Land bleiben können: Respekt vor dem Individuum. Deutscher Liberalismus? Genau das ist für mich das Oxymoron.

Hans-Ulrich Kopp said...

In die innerliberale Debatte möchte ich mich nicht einmischen, aber die letzte Frage glaube ich beantworten zu können. Theoretische Inkonsistenzen spielen in der praktischen Politik tatsächlich keine Rolle. Denn jede Theorie stößt tagtäglich auf widerstreitende Realitäten, so daß nur die Wahl bleibt zwischen Tatenlosigkeit und Pragmatismus. Zu ersterem fühlt sich aber ein Politiker nicht berufen. Man sollte daher scharf trennen zwischen ideologischen und praktisch-politischen Diskussionen. Beide haben soviel miteinander zu tun wie Beethovens "Alle Menschen werden Brüder" und Robespierres geübte Brüderlichkeit. Je anspruchsvoller eine Theorie ist (also je theorielastiger), desto öfter wird sie mit der Pragmatik kollidieren. Daher hat es auch nie eine Regentschaft der Philosophen gegeben: der Philosoph wäre am ersten Tag, an dem er politisch handelte, kein solcher mehr.

Josef Schüßlburner said...

Der Zusammenhang zwischen Liberalismus und Staaten- und Völkerpluralismus, wobei man letzteres als „Nationalismus“ bezeichnen mag, lässt sich anhand einer Aussage des großen liberalen und katholischen Schriftstellers Lord Acton (zitiert als Motto bei v. Hayek, Der Weg zur Knechtschaft, S. 271) gut darstellen: „Die Förderation (wie der Komplex Staaten- und Völkerpluralismus in der klassischen liberalen Literatur bezeichnet ist) „ist das einzige Mittel, um nicht nur die Herrschaft der Mehrheit, sondern auch die Macht der Volksgemeinschaft zu zügeln,“ d.h. der Staatenpluralismus ist ein wesentlichen Mittel, Liberalismus und Demokratie kompatibel zu machen. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass die klassische Gewaltenteilungslehre, die ja die politische Freiheit gewährleisten soll, bei John Locke, aber auch bei Montesquieu so konstruiert ist, dass die dritte Gewalt nicht die richterliche ist (diese wird - im Ergebnis berechtigter Weise - der Exekutive zugeordnet), sondern in der „föderativen Gewalt“ besteht, also in den besonderen Außenbeziehungen eines Staates, was voraussetzt, dass es Außenpolitik und nicht bloße „Weltinnenpolitik“ gibt. Dies stellt ein Wesenselement der politischen Freiheit dar! Man kann im Sinne von Tocqueville nur dann an die Menschheit appellieren (etwa auswandern, Asyl suchen), wenn diese Menschheit nicht politisch als solche organisiert ist.

Dieser Zusammenhang von Liberalismus und Staatenpluralismus ergibt sich aus der grundlegenden (west-)europäischen Entwicklung der Trennung von Politik und Religion (Kirche und Staat). Aufgrund der in der Menschheitsgeschichte üblichen theologischen Herrschaftsbegründung würde eine monotheistische Religion den Weltstaat erfordern (so durchaus auch ursprünglich das Christentum und noch immer der Islam). Die in Europa gefundene Lösung war daher, den Universalismus spirituell-religiös zu verstehen, während die Weltlichkeit der Politik, die notwendigerweise partikulär ist, den Staaten- und Völkerpluralismus nach sich zieht. Dementsprechend hat der maßgebliche intellektuelle Vertreter des Liberalismus in der Weimarer Republik Friedrich Meinecke, Weltbürgertum und Nationalstaat. Studien zur Genesis des deutschen Nationalstaates, 1928, S. 21 f., zu Recht postuliert, dass das Nationalgefühl das weltbürgerliche Ideal einer übernationalen Humanität einschließt. Politik als weltliches Geschäft ist aus dem gleichen Grunde partikulär, wie auch der Kapitalismus als Form von privaten natürlichen und juristischen Personen, die Geschäfte betreiben, partikulär ist. Würde man Universalismus unvermittelt politisch und wirtschaftlich verstehen, müsste man zum Sozialismus gelangen, der die Wirtschaft als ein einheitliches (Staats-)Unternehmen betreiben will.

Ich halte dementsprechend die Position des Nationalliberalismus in diesem Sinne sehr gut begründbar. Er reflektiert am adäquatesten die positive weltgeschichtliche Besonderheit der (west-) europäischen Entwicklung, der Trennung von Politik und Ideologie/Religion und vermeidet sozialistische Kurzschlüsse, die die (politische) Nation entweder mit außenwirtschaftlichen Beschränkungen verbinden oder eine die Menschheit umfassende Weltwirtschaftsbehörde fordern.

Christian Hoffmann said...

Die Frage ist ja auch, was unter "deutsch" verstanden wird. Ein Sprach- und Kulturraum? Oder das deutsche Staatsgebilde BRD?
Auch "Liberalismus" deckt ein weites Feld ab - von Ordoliberalen, konstitutionalistischen Minimalstaatlern bis hin zu strikt anti-kollektivistischen Libertären.
Kann also ein Deutscher liberal sein? Ja sicher. Hat der Liberalismus im deutschen Sprachraum eine starke Tradition? Sicher nicht. Ist er in der heutigen BRD tief verwurzelt? Eher nicht existent.
Woran aber liegt diese deutsche "Liberalismusschwäche"? Vor kollektivistischen, ja rassistischen Antworten würde ich als Liberaler zurück schrecken. (Dies ist meines Erachtens die grösste Schwäche der Antideutschen - was ist schon "der deutsche Geist"?). Eine Antwort wäre jedoch notwendig, um die Frage zu beantworten, ob Libertarismus "antideutsch" sein sollte, oder gar muss.
Wie steht es nun mit der theoretischen Position eines National-Liberalismus? Auch hier wäre eine Begriffsklärung hilfreich. Sicher kann auch ein Liberaler sich im deutschen Kulturraum heimisch fühlen und entsprechend lokalpatriotische Gefühle hegen. Auch könnte ein politisch orientierter Liberaler das Ziel verfolgen, Liberalismus primär im eigenen, nationalen Rahmen zu verwirklichen (ähnlich dem "Kommunismus in einem Land"). Kann aber ein Liberaler Nationalist sein, den Nationalstaat verehren und ihn zu Grösse und Macht hernwachsen sehen wollen? Sicher nicht. Ein so verstandener National-Liberalismus ist zur Janusköpfigkeit verdammt. Chauvinistische Ausprägungen des Nationalismus müssen daher wohl kaum weiter erörtert werden.
Aus meiner ganz persönlichen Sicht passen national und liberal grundsätzlich nicht zusammen. Die nationale Identität ist eine kollektive. Auch wenn sie rein friedlich, weltoffen und positiv definiert wird (Liebe zu Kunst und Kultur etwa), so ersetzt sie doch das "ich" mit dem "wir". Dem anonymen, abstrakten "wir", wohlgemerkt. Die Flucht in eine kollektive Identität steht jedoch der individuellen Freiheit entgegen. "Nationaler" Liberalismus trägt m.E. daher immer den Keim zur eigenen Zerstörung in sich.

einer der dich kennt said...

Gibs zu, ein bisschen antideutsch bist du in den letzten Jahren schon geworden, lieber DDH! Dieser Beitrag hier zum Beispiel zeigt es.

Tobias Nesemann said...

Liebe Blogger,
wenn mir der Seitenhieb nicht persönlich genommen wird, so sei mir folgende vorausgehende Bemerkung erlaubt. 'Die Worte sind dazu da, unsere Gedanken zu verbergen' (Le paroles sont faites pour cacher nos pensèes; H.Heines abgewandelte Worte des Polizeiministers Napoleons) oder ,leicht anders, auch um sie ins Reich der Unverständlichkeit zu zerren. Folgender Gedankengang zwingt mich zu dem Schluss die Vereinbarkeit von libertären oder entschieden liberalen Postionen jeglichen Patriotismus bereits im Ansatz abzusprechen. Patriosmus kann sich nur auf eine Gemeinsamkeit einer Personenmehrheit beziehen. Diese Personenmehrheit, wie bereits von christian hofmann erwähnt, ist unterschiedlich ausgeprägter Natur. Zum einem kann dies eine Kleinstebene in Form der Familie, Wohnstraße, Dorfgemeinschaft oder gar Stadt sein, zum anderen eben im Gefüge eines Landes in Form des Staates oder eines Staatenbundes. Die Grenzen erscheinen meines Erachtens als willkürlich gezogen und deshalb nicht zweckgeeignet für eine Differenzierung. Weiterhin sehe ich keinen Unterschied zwischen der Form eines örtlich bezogenen Stolzes und dem lediglich weiter gefassten Raum des nationalen Hohegefühls. Ein solch patriotisches Gefühl darf sich doch nur auf gemeinsam erreichtes oder erschaffenes erstrecken, was sonst ist Patriotismus. Ich selbst habe für meinen Nachbarn ebenso wenig getan, wie dieser für mich, über meinen Beitrag zur verwaltungstechnischen Aktivität Deutschland ganz zu schweigen. Von der Vertragsidee der gesellschaftlichen Organisation ausgehend, in der mein selbst organisiertes Leben durch den Vertrag mit der Feuerwehr, der Polizei, der Versicherung, der Straßennutzungs-Gmbh, etc. geregelt wird, habe ich als Libertärer gerade keine Bezugspunkte zu 'meiner' Gemeinschaft ausser eben jenen Verträgen. Es ist gekennzeichnet durch meine Auswahl. Hier entsteht keine gemeinsame Sache, kein übereinstimmender Raum, keine deckungsgleichen Vertragsverhältnisse mit anderen Personen, da sie eigenständig ausgehandelt, bzw. abgeschlossen worden sind. Einzig verbleibender Anwendungsbereich der Übereinstimmung ist nunmehr das gemeinsame Gefühl nicht verbunden zu sein. Was widersinnige Logik ist.

Aber auch für den Liberalen oder Minimalstaatler ist der Patriotismus nicht wirklich denkbar. Denn auch er sieht lediglich den Staat als ein Vertragsgebilde an, welches durch besondere Rechte im Hinblick auf den Abschluss und die Durchsetzung der Kontrakte ausgezeichnet ist. Eine verwaltende Einrichtung deren Hauptfunktion in der Abwicklung von 'Verträgen', zumeist aufgedrängt oder erzwungen und damit ungewollt, besteht, kann doch aber nicht sinnstiftend für Stolz sein.
Gemeinsame Unternehmungen können, deren Gelingen vorausgesetzt, den Mitwirkenden das Recht auf Stolzheit einräumen. Wo aber ist unsere deutsche gemeinsame Unternehmung? Oder anders gefragt, welchen Beitrag hat der stolztrunkende Deutsche für seine Nationalfußballmannschaft bei der WM geleistet? Doch wohl nicht etwa das taumelnde Gegröle der nicht beherrschten und schlecht gesungenen Hymne.

Leider bleibt der Patriotismus oder gemeinsame Stolz oder sozialnotwendige Kollektivgedanke zwingend und auf ewig in allen Staaten erhalten. Denn diese haben es geschafft die oben genannte Kleinstebene zu zerstören. Aber einen Anlehnungspunkt braucht die Mehrheit. Wer sich keine Alternative vorstellen kann, muss dem Patriotismus verhaftet bleiben.

Dominik Hennig said...

Zunächst einmal vielen Dank für die vielen klugen und gehaltvollen Beiträge!

Vielleicht ist die Frage ja garnicht, warum das tapfere Häuflein entschiedener Liberaler (Libertärer) hierzulande als "antideutsch" wahrgenommen wird, sondern viel mehr, wie es kommt, daß die Deutschen den Liberalismus - das Gegenteil des "servilismo" - als eine "Sache für Tröpfe" (Oswald Spengler) ansehen und sich jeder antiliberalen Ideologie an den Hals werfen - jüngstes Beispiel ist das demoskopische Einverständnis der Volksgemeinschaft mit Verstaatlichungen, staatlicher Kinderbetreuung, Tempolimit, Mindestlöhnen und Klimarettungswahn. Warum sind die Deutschen so furchtbar antiliberal?

Wie Spengler an anderer Stelle einmal sagte:

»Es gibt in Deutschland verhaßte und verrufene Grundsätze, verächtlich aber ist auf deutschem Boden allein der Liberalismus«

(Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1920, S.34)

CK said...

Zu Thatcher fällt mir nur ein: Tiocfaidh ar là !!! Ihre Aussenpolitik bzgl. Irland war nicht so erzliberal, sorry.

Legendär jedoch folgender Spruch der Iron Lady: "Richten Sie ihm aus, dass wir die Deutschen in diesem Jahrhundert schon zweimal in ihrem Nationalsport besiegt haben.“ (1990, nachdem Helmut Kohl im Fernsehen gesagt hatte, dass die Deutschen die Engländer in ihrem Nationalsport Fußball besiegt hätten) :D :D :D

Dominik Hennig said...

@Matt & CK: Zugegeben: der Nimbus "erzliberal" bei Thatcher und Blocher war ein Zugeständnis an meine gradualistischen Leser (Jo@chim und Rayson). ;-)

@Matt: Allerdings würde ich sagen, nur weil es rassistische Libertäre gibt (v.a. in Auburn und Grevenbroich!), gibt es noch lange keinen rassistischen Libertarianism. Wenn Hoppe solche Diskurse befördert, dann sind das eben Hoppe-Diskurse und keine libertären Diskurse!

Dominik Hennig said...

@gis: Danke für den Einwand! Heinrich Heine hat mich schon inspiriert, da war ich noch ein Kind. Tatsächlich kann der linkslibertäre Rebell bei ihm fündig werden.

Wir sollten dabei allerdings nicht vergessen, wie gerade das deutsche Philistertum mit Heine und Börne, gerade wegen ihrer jüdischen Herkunft, umgegangen ist!

Dominik Hennig said...

@B.v.G.: Naja, Posener ist vor allem gefrustet, wenn die Völker Europas seinen neo-wilhelminischen Tagträumereien nichts abgewinnen können.

Deutschlands Strahlkraft wirkt sich natürlich fatal aus auch auf seine Nachbarstaaten. Wer weiß, wieviel mehr die angelsächsischen Länder zu Anfang des 20. Jahrhunderts von ihrer inneren Freiheit hätten zu bewahren vermocht, hätte man nicht Ideen-Einfuhr aus Deutschland betrieben.

Trotzdem, und da komme ich auf Simons Beobachtung, war selbst die Ära Roosevelt, also die Periode des amerikanischen Faschismus, nicht in der Lage, dem Individualismus und der "rule of law" in Amerika den völligen Garaus zu machen, wozu in Deutschland schon in Friedenszeiten eine gemäßigt sozialdemokratische Regierung ausreicht, die eigentlich mit all ihren autoritaristischen Vorhaben in der Bevölkerung immer nur offene Scheunentore einrennt.

Wenn bei uns sich dann einer querlegt und die schwachsinnigen Regeln der Obrigkeit oder des "Kollektivs" (in das "erfolgreich" sich eingefügt zu haben anscheinend der Olymp einer Lebensleistung zu sein hat) nicht befolgt, wird er denunziert und mit vorwurfsvoller Miene gefragt, wie er sich denn erdreisten könne. "Wir müssen uns schließlich alle dran halten!", "Wenn nun jeder aus der Reihe tanzte?", "Ordnung muß sein!", "Da könnte ja jeder kommen!", "Was glaubst Du denn, wer Du bist?", und wieviele ähnliche Floskeln noch von der teutonischen Kapo-Mentalität, die sich bis zur Servilität gegenüber Bezirksschornsteinfegern und GEZtapo-Spitzeln erstreckt, trauriges Zeugnis ablegen.

Dominik Hennig said...

@ck: Irlands Tragödie im 19. Jahrhundert ist in der Tat immer schon der Schandfleck der englischen Geschichte, also beginnt der Skandal nicht erst bei Thatcher (wenngleich ihr der Vorwurf zu machen ist, daß sie ihn nicht beendete. Aber es ist eben leichter, aus Eiern Omelette zu machen als aus Omelette Eier). Letztlich sollte aus der Episode des "Liberal Imperialism" der Schluß gezogen werden, daß ein Homunkulus aus Liberalismus und Imperialismus eine intellektuelle Mißgeburt ist und in der realen Welt nicht überlebensfähig.

gang said...

Lieber Dominik,

lass mich mit einem Zitat von Mises antworten:

"Eine lange geschichtliche Entwicklung, die man aus dem Leben der Menschheit nicht tilgen kann (und die, nebenbei bemerkt, der Liberalismus auch nicht tilgen will), hat es dahin gebracht, daß das Herz eines Deutschen höher schlägt, wenn von deutscher Art, von deutschem Volk, von Deutschland gespro-chen wird. Dieses nationale Gefühl war gegeben ehe die Politik darauf ausging, auf seiner Grundlage deutsche Staatsidee, deutsche Politik und auch deutschen Chauvinismus aufzubauen. Daß die Worte Europa oder Paneuropa und europäisch oder paneuropäisch diesen Klang nicht haben, daß sie alles das nicht auslösen können, was die Worte Deutschland und deutsch auslösen, das nicht beachtet zu haben ist der Grundfehler aller jener gutgemeinten Entwürfe, die an Stelle der Nationalstaaten Unionstaaten treten lassen wollen, möge es sich nun um Mitteleuropa, Paneuropa, Panamerika oder sonst ein ähnliches Gebilde handeln."

Dein Fehler ist, dass Du hier Nation mit Staat gleichsetzt. Diese französische Irrlehre, im Blut von 1789 geschaffen, sollte langsam überwunden werden.
Die Nation als schlichte Kulturgemeinschaft schränkt Deine Freiheit hingegen in keinster Weise ein.

Dominik Hennig said...

„…[Ein weiterer] Gesichtspunkt der politischen Freiheit ist die nationale Freiheit, worunter das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu verstehen ist. Es ist ein rein kollektivistisches Freiheitsrecht, da hier die Definition von individueller Freiheit „im Sinne von Abwesenheit von Zwang auf ein Volk als Ganzes“ übertragen wird. Trotz der analogen Verwendung von persönlicher und nationaler Freiheit sowie der engen historischen Verbindung zwischen liberaler und nationaler Bewegung, insbesondere im 19. Jahrhundert, sind beide Begriffe klar zu trennen. Nationale Freiheit ist im Gegensatz zur persönlichen Freiheit ein kollektiver Begriff. Hayek befindet sich in diesem Zusammenhang in Übereinstimmung mit seinem Lehrer Ludwig von Mises, der feststellte, daß die individuelle Freiheit in einem kolonisierten Land größer sein kann als der Zustand nach der Befreiung des Landes. Diese Aussage ist für methodologische Individualisten wie Ludwig von Mises und F.A. von Hayek nur folgerichtig, da diese nicht auf Entitäten wie etwa die Nation abstellen, sondern auf das Individuum. Deshalb kommt es nicht in erster Linie auf die Freiheit der Nation und die sie konstituierenden Gruppen an, sondern auf die Freiheit des einzelnen.“ (Christoph Zeitler: „Spontane Ordnung, Freiheit und Recht. Zur politischen Philosophie von Friedrich A. von Hayek“, München, 1995, ISBN 3-631-48897-1 , S. 97)

Dominik Hennig said...

@Burk:

«Starrheit im Gehorsam und in der Disziplin hat den Deutschen unendlich mehr Unglück gebracht als anderen Völkern das Gegenteil dieser Eigenschaften; ohne sie hätten sie weder zwei Weltkriege und eine gigantische Inflation bis zum ruinösen Ende führen noch ein so monströses Regime wie das Dritte Reich zur Herrschaft kommen und so lange regieren lassen. In dasselbe Kapitel gehört es, daß unter allen Formen der proletarischen Bewegung Anarchismus und Syndikalismus in Deutschland niemals haben Fuß fassen können, während die dem deutschen Charakter angemessene Form die Sozialdemokratie mit ihrer Idee des wohlorganisierten Wohlfahrts- und Polizeistaates und mit ihrer straffen Organisation gewesen ist, von dem dann der Nationalsozialismus wesentliche Züge übernahm.»

Wilhelm Röpke, Die deutsche Frage, S. 146

Dominik Hennig said...

Über die Deutschen:

«Es scheinen den Deutschen auch die meisten jener unscheinbareren und doch so wichtigen Eigenschaften zu fehlen, die den Verkehr zwischen den Menschen in einer freien Gesellschaft erleichtern: Freundlichkeit und Sinn für Humor, persönliche Bescheidenheit, Distanzgefühl und Vertrauen in die guten Eigenschaften des Nächsten.»

F.A. von Hayek, Der Weg zur Knechtschaft, S. 189


«Der Deutsche hat eine überaus gefährliche und seiner Selbsteinkehr immer wieder im Wege stehende Neigung, sich verfolgt zu fühlen und sich selbst zu bemitleiden. Die schätzenswerte Gabe der Selbstironie und der Selbstkritik scheint ihm nur sehr spärlich verliehen worden zu sein und daher fehlt ihm auch jene schöne Art des Humors, sich über sich selbst lustig zu machen.»

Wilhelm Röpke, Die deutsche Frage, S. 155