Monday, May 26, 2008

Wenn Nachtigallen von Polit-Rülpsern übertönt werden

Ohne jeden Anflug von Ironie: Wer durch DSDS verwöhnt ist – vor allem durch die musikalischen Darbietungen von Monika Ivkic, Linda Teodosiu, Thomas Godoj und ganz besonders Fady Maalouf - dem bereitete das am Samstag via ARD übertragene Festival der Grausamkeiten oder wie der Tagi schrieb: „Wettbewerb der Geschmacklosigkeiten“, in Belgrad körperliche Schmerzen.

Nicht erst das Desaster der – um der Wahrheit die Ehre zu geben: grottenschlechten - „No Angels“, sondern die seit über einem Vierteljahrhundert nicht enden wollende Chronik deutscher Grand Prix-Pleiten sollte aber nun auch dem letzten unverbesserlichen Lord-Ralph-Siegel-Bewahrer deutscher Song-Contest-Begeisterung die Augen für die schlichte und unabweisbare Tatsache öffnen, daß deutscher Massengeschmack nun einmal nicht europakompatibel ist.

Der bekannte Euro-Skeptiker Daniel Hannan stellt derweil in einer Rundmail den ganzen Osteuropa-lastigen Stimmenverschiebe-Basar aus betont angelsächischer Sicht infrage und zugleich erfrischenderweise Parallelen zur ebenfalls byzantinesken EU her:


Better Off Out... Of Eurovision

Here’s a heartening piece of trivia: no two Eurovision contestants have ever fought a war against each other. The constituent Yugoslav republics were admitted to the competition following their peace accords. Armenia and Azerbaijan likewise. Is the Eurovision Song Contest a price worth paying for peace in Europe?

Peace is, of course, the traditional justification for that other 52-year-old international outfit, the European Union. Its members have never fought each other either – although this has more to do with the defeat of fascism, the spread of democracy and the American alliance than with the Euro-apparat. Still, “peace” is a pretty knock-down way of closing down an argument. You think that the EU isn’t democratic? Look at the cemeteries in Flanders! You worry about the unaudited accounts? You warmonger! You’re against the European Constitution? What’s your alternative – genocide? (
This last argument really was put, by the Swedish Commissioner, Margot Wallström, at the Theresienstadt concentration camp.)

The Eurovision song contest, like the EU, is based on a measure of cant. “I always find the word Europe in the mouths of those who want something that they don’t dare demand for their own nation,” remarked Bismarck. Just as the EU is a handy way of securing olive subsidies or fishing quotas, so Eurovision, especially since it adopted the phone-in voting system, has divided into regional alliances: a Baltic/Nordic bloc, a Balkan league, a diaspora Turkish vote. In both cases, the British are nagged by a suspicion that not everyone is playing by the spirit of the rules.

Multi-national organisations place a premium on the simple, the facile, the babyish. Eurocrats tend to speak and think in cliché: “respecting the principles of subsidiarity and proportionality”, “bringing Europe closer to the citizen”. These phrases are always machine-gunned out: if the speaker stopped to ponder what he was saying, he’d realise he was talking balls. It’s what Orwell called duckspeak: making articulate speech issue from the larynx without involving the higher brain centres at all.

Eurovision, aimed at a multi-lingual audience, carries duckspeak to its fullest conclusion. Look at the entries over the years: “Ring dinge-ding” (Netherlands), “La la la” (Spain), “Boom bang-a-bang” (UK), “Ding-a-dong” (Netherlands, again) “Do re mi” (Norway), “Diggi-loo diggi-ley” (Sweden).

Here, though, is the most striking parallel. When we first watched Eurovision, our pleasure was enhanced by the thought that not everyone treated the thing as a joke. We British might understand the camp humour, but surely someone somewhere – a grave Macedonian shepherd, or perhaps a swag-bellied Hollander – was earnestly cheering on his national entry. As time passes, though, we realised that even the most Ruritanian countries also saw the kitsch side.

So it has proved with the EU. For a long time, it seemed that the British were the only people not getting into the spirit of things. Now we find that whenever any country is given a referendum, it votes “No”.

No one would invent the EU or Eurovision today. They are awkward hangovers from the 1950s. But we keep them going because so many people find them a useful way to make a living. Oh, and one more thing: Britain and Germany pay disproportionately for both organisations, but get no thanks from either.


Einer der wenigen Lichtblicke in diesem ansonsten an Glanzlichtern eher armen Eurovisions-Spektakel war nach meinem Dafürhalten der Beitrag Israels. Wäre ich so simpel gestrickt wie die Medienkapitäne Döpfner (immerhin promovierter Musikwissenschaftler!) und Diekmann, die mit den Presse-Erzeugnissen ihres Hauses einen jungen Libanesen um JEDEN Preis als DSDS-Gewinner verhindern wollten und zu diesem Behufe wirklich in die untersten Schubladen griffen, und würde ich den Triumph polit-ressentiment-bestimmter Gesinnung über das musikalische Hör- und Urteilsvermögen bei mir selbst zulassen, also auf einen Narren einen anderthalben setzen, dann dürfte ich nicht sagen, was ich jetzt sage:

Boaz Mauda, der Gewinner von Kokhav Nolad, der israelischen Variante von DSDS, der in seiner Heimat wegen seiner familiären Wurzeln den Ehrentitel „Jemenitische Nachtigall“ trägt, hat in Belgrad mit Abstand den besten und überzeugendsten Auftritt abgeliefert:




Mit einer glockenklaren Stimme, viel Gefühl, ohne Pyrotechnik und Brimborium und mit Ke’ilo kan („Fire in Your Eyes“) , einer wunderschönen epischen Ballade, die zudem überwiegend in Hebräisch vorgetragen wurde, was dem ursprünglichen völkerverbindenden Geist des Grand Prix früher einmal entsprochen hätte, setzte er künstlerisch Maßstäbe. Hätte Israel in der europäischen Öffentlichkeit eine bessere Presse (um es vorsichtig auszudrücken), er hätte es deutlich weiter bringen können als bloß bis Platz 9. Aber so ist das nun einmal, wenn Politik und Ideologien sich anschicken, mit ihren trivialen Rülpsern in die Welt der Musik einzudringen und dort alle feineren Klänge überdröhnen. Bei DSDS nicht anders als beim ESC.

9 comments:

Ansgar said...

Israel fand ich auch nicht schlecht, aber Russland hat, wie ich finde, den Sieg wirklich verdient gehabt. Der Bilan Dingsbums mitsamt Geiger und Eisläufer hat einfach Spaß gemacht! Fand die Show auch nicht so schlecht wie Du.

Anonymous said...

Danke Dominik, dass Du die Aufmerksamkeit der Leser auf das brilliante Blog von Daniel Hannan lenkst. Es ist seit langer Zeit mein Lieblingsblog.

Was mir am Grand Prix in Belgrad offen gesagt sehr gut gefiel, das war die serbische 'funeral and wedding band', die in der Pause spielte. Auch der Beitrag des englisch-singenden Franzosen war nicht schlecht.

tbw

Intza said...

Hallo!
Vielen dank für Ihren Besuch und Ihren Kommentar!
Ich verstehe ein Wort des Deutschen (nicht ich schreibe zu Ihnen diese Linien mit einem On-line-Übersetzer, verzeihe mir) aber ich sehe, dass ich mich in meinem Musikinstinkt nicht irre: ist dieser Mann ein Wunder, zu der wenn?

Eine Umarmung von den Pyrenäen!
Intza


Hello!
Thank you for your visit and your commentary!
I do not understand a German's word (I write to you these lines with a translator online, excuse me) but I see that I am not wrong in my musical instinct: is this man a marvel, to which if?

An embrace from the Pyrenees!
Intza

Anonymous said...

Kleiner Mann

was den Geschmack anbelangt, stimmts: grottenschlecht
Was den letzten Absatz anbelangt: es wäre glaubwürdiger, wenn nicht immer die selber dämmliche Leiher käme, dass Israel nur wegen der schlechten Presse und sonstwas nicht siegen würde. Geschmäcker sind verschieden und Du mal genauer hingeschaut hättest (die Scheuklappen abgenommen und die dumpfe Ideologie in der Schublade gelassen) hättest Du vielleicht gemerkt, dass Politik eine recht geringe Rolle spielte: denn wie sonst hätte Kroatien Serbien einige Pünktchen hinterlassen oder Russland Georgien.

Dominik Hennig said...

@Kleiner Mann: Gerade diese symbolische Grand Prix-Diplomatie soll ja zwischen Ländern, die ein "gespanntes" Verhältnis haben, eine Annäherung anbahnen. Hinzu kommt, daß in Osteuropa viele Minderheiten leben, die den jeweiligen Takt vorgeben. So erklärt die starke russische Minorität die lettischen Stimmen für Rußland etc. pp.

Nein, ohne jeden Zweifel geht es UM NICHTS ANDERES als um Politik beim Grand Prix. Alles andere zu behaupten hieße, seinen Sinnesorganen Wahrnehmungsverbot zu erteilen. Und natürlich spielen weit verbreitete Sympathien und Antipathien für Länder und Völker eine starke Rolle, bei der die individuelle künstlerische Leistung allenfalls nachrangiger Beachtung teilhaftig wird. Wobei Deutschland das "Glück" hatte, daß sein Beitrag so unterirdisch war, daß sein schlechtes Image ihm diesmal garnicht weiter schaden konnte.


Wahr ist allerdings auch ein Ausspruch, der Nicolas Gomez Davila zugeschrieben wird, wonach man sich eigentlich nur über Geschmacksfragen streiten könne und müsse, da alles andere ohnehin nebensächlich sei.

Anonymous said...

DDH hat recht:

http://youtube.com/watch?v=V1nIECfsrps

Roberto J. De Lapuente said...

Zwei Dinge, die mir auf Anhieb auffallen, zu denen ich etwas sagen möchte:

1.) Deutschland wurde in Belgrad nicht letzter. Man war punktgleich mit Polen und Großbritannien. Das Reglement sieht aber vor, dass im Falle einer Punktgleichheit die Häufigkeit der Vergaben herangezogen wird. Alle drei Länder wurden jeweils zweimal "belohnt". Ist auch hier ein Remis vorzufinden, so zählt die jeweils höchste Einzelwertung. Hier hat Deutschland am besten von den drei Nationen abgeschnitten, da es aus Bulgarien 12 Punkte erhielt. Gefolgt von Polen mit 10 Punkten aus Irland und Großbritannien mit 8 Punkten ebenso aus Irland.
Über die flachen Stimmchen und den noch flacheren Titel Deutschlands, sagt diese Korrektur freilich wenig aus. Interessant ist aber, dass die BILD vom letzten Platz schreibt und alle plappern es nach, selbst Medien wie Stern und Spiegel prüfen das nicht.

2.) Der deutsche Beitrag sei nicht europakompatibel gewesen, genauer: der deutsche Musikgeschmack. Zum einen darf bezweifelt werden, ob die Telefonaktion beim Vorentscheid, in dem aufgescheuchte Teenager ihre Helden zum Sieg telefoniert haben, wirklich viel mit deutschem Musikgeschmack zu tun hat; zum anderen: Was hat ein solcher Allerweltstitel mit deutschen Musikgeschmack zu tun? Er hätte genauso gut aus Aserbaidschan oder Schweden stammen können. Es ist die nichtssagende Kommerzmusiziererei, die rund um den Erdenball gleich klingt. Das war fehlende Europakompatibilität eines internationalen Mistsongs. Aber auch die dasjenige, an dem der ESC seit Jahren krankt: Die Punktvergabe.

Zudem möchte ich anmerken, dass natürlich der BILD-Zeitung Schuldzuweisung auf die sogenannte Punkte-Mafia vorallem dazu instrumentalisiert wird, um vom Desaster der "Angels" abzulenken. Immerhin stehen sie für ein nettes Märchen der Kommerzgesellschaft. Man kann es schaffen, wenn man nur... ja, wenn man was eigentlich kann?
Aber wir müssen auch erkennen, dass das Abstimmen der Zuschauer bewirkt, dass vorallem nationale Verbindungen zu hohen Punktwertungen führen. Wenn Peter Urban, der deutsche Kommentator des ESC, feststellt, dass es vollkommen normal sei, wenn Rußland 12 Punkte aus Israel bekommt, weil dort viele ehemalige Russen leben, dann ist das ein Armutszeugnis. Man sollte doch nach Geschmack und musikalischer Qualität, nicht nach Herkunft wählen.
Die Zeiten einer Musikjury sind wahrscheinlich passé; man will die zusehenden Menschen beteiligen, auch wenn es dann zur Farce wird. Vielleicht sollte man sich dazu entschließen, die Punktevergabe zu koppeln. Einerseits rufen die Zuschauer an, vergeben damit weiterhin ihre Punkte, andererseits muß jedes Land eine unabhängige Expertenrunde stellen, die ebenso Punkte verteilt. Beides fließt ineinander und das Land gibt dann seine Wertung ab. So wäre gewährleistet, dass das Begehren der Laien und das Musikverständnis der Experten vereinigt würde. Und man dürfte hoffen, dass qualitativ hochwertige Beiträge, wie jener von Vania Fernandes (Portugal) besser abschneiden als am Samstag.

Goelet said...

Ich verstehe nur Banhoff :S

es tut mir leid, mein Deutsch ist potthasslich.

Aber, danke fur Seine "visita" :)

Dominik Hennig said...

@Roberto: Hab einen viel besseren Vorschlag. Man hört auf, sich der Illusion hinzugeben, über ästhetisch-kulturelle Geschmacksfragen ließe sich prozedural durch Majorzprinzip eine Antwort herbeiführen, die mehr wert wäre, als ein Hundeschiß. In JEDEM Abstimmungsverfahren, wie ausgeklügelt es auch immer sein mag, werden Stimmen nicht gewogen, sondern gezählt. Das ist der Fehler. Lieschen Müller hat nicht die gleiche Kompetenz wie ein Absolvent eines Konservatoriums, wenn es um Musik geht. Soviel zum Grundsätzlichen aus Sicht eines unzeitgemäßen Antidemokraten. ;-)

Zu Punkt 1.) Guter Hinweis!

Zu Punkt 2.) Die Deutschen haben aber ein besonderes Geschick dabei, nivellierte "Mistsongs" ohne Profil zu präsentieren. Da hat bspw. der eine eigenständige kulturelle Identität widerspiegelnde Beitrag Israels schon ein ganz anderes Kaliber!

Von "Punktemafia" würde ich auch nicht reden ("Verblödung" ist ja keine "Verschwörung", da sie nicht im Verborgenen stattfindet), sonst müßte man jede kollektiv-korrumpierende Mehrheitsentscheidung, bei der durch Appelle an Zugehörigkeits- und Loyalitätsempfindungen individuelle Vernunft- und/oder Geschmackspräferenzen neutralisiert werden, als mafiös betrachten. Okay, das tue ich ja auch. Verflixt! ;-)

Was die BILD uns da auftischt, ist in der Tat eine Dolchstoßlegende.

Das "Armutszeugnis" der nationellen Überlagerung des Musikalischen in den meisten teilnehmenden Ländern ist die logische und unvermeidliche Folge des untauglichen Versuches, über Qualität abstimmen zu lassen. Geht nicht!

Bei DSDS wie auch beim ESC gewinnt zwar nie der Schlechteste aber eben auch so gut wie nie der Beste. Es ist das Maß der Demokratie, das stets obsiegt: Das Mittelmaß!

Es wird mal wieder Zeit, den Ortega y Gasset zur Hand zu nehmen...