Friday, September 14, 2007

Libertärer Dezisionismus

Liberale Parteien müssen sich endlich entscheiden, auf wessen Seite sie stehen wollen: auf der des Staates oder auf der des Bürgers. "Staatstragender Liberalismus" ist eine contradictio in adiecto.

Das gleiche gilt, in noch viel stärkerem Maße, für klassisch liberale think tanks. Auch sie müssen sich endlich entscheiden, wem sie als Ideenlieferanten dienen möchten: den Regierenden oder den Regierten. Beides zugleich ergibt keinen Sinn bzw. führt zu multiplen Persönlichkeitsstörungen. Der "gradualistische" Liberalismus ist speziell im hardcore-etatistisch durchseuchten Deutschland eine närrische Erscheinung, vergleichbar einem Wanderprediger, der vermeint, er könne den Wolf dazu bringen, doch bitte das Lamm zu verschonen, indem er ihm einredet, es sei ohnehin nicht schmackhaft für ihn.

Viele bundesdeutsche Minimalstaatler lamentieren gern darüber, allzu dogmatische Anarcho-Libertäre sprächen ihnen in ehrenrühriger Weise ihren Liberalismus ab, würden sie gleichsam "exkommunizieren". Dabei sind sie es selbst, die Zweifeln an ihrer Integrität stets neue Nahrung geben, wenn sie, im Gegensatz beispielsweise zu andere Schwerpunkte im Meinungskampf setzenden klassischen Liberalen anderer Länder, etwa 80 Prozent ihrer Zeit und Energie darauf verwenden, sich eilfertig und dienstbeflissen von dem prozentual im Promille-Bereich angesiedelten Häuflein erklärter und kompromißloser radikalliberaler Staatsfeinde zu distanzieren und zum Teil schon degoutante Staats-Apologetik zu betreiben. Wem will man damit imponieren? Und warum verschießt man seine ganze Munition immer nur in die "Minimalstaat minus X"-Richtung, aber attackiert dafür die übermächtigen "Minimalstaat plus X"-Strömungen allenfalls mit Wattebäuschchen? (Stattdessen produziert man in einem fort liebedienerische, kollaborationistische, raffelhüschige und straubhaarige Broschüren mit Maßhalteappellen an die Mächtigen, in denen man ihnen anempfiehlt, der Kuh zwar das Euter wundzumelken, aber sie nicht gleich zu schlachten und rümpft die Nase über diejenigen, denen die Behandlung der Kuh Anlaß zur Sorge gibt.)

Es sind nicht die Anarchokapitalisten, die permanent den Gegner in den eigenen - liberalen - Reihen suchen!

3 comments:

Lydia Krasnic said...

"raffelhüschig und straubhaarig" lol :)

Herfried said...

Das ist wahr, die setzen wirklich die Prioritäten falsch. Hat man z.B. bei den Hayek-Tagen gesehen. Ich sage nur Willgerodt!

Ganz anders dagegen Anthony de Jasay:

"Trotz der Logik der These, dass der Staat im Grunde nicht notwendig ist, und obwohl eine geordnete Anarchie sehr reizvoll erscheint, lohnt es sich kaum, für die Abschaffung des Staates einzutreten. Aber es lohnt sich, immer wieder seine Legitimität in Frage zu stellen. Die fromme Lüge vom Gesellschaftsvertrag darf nicht dazu führen, dass der Staat den Gehorsam seiner Bürger allzu sehr als Selbstverständlichkeit voraussetzt."

Herfried said...
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