Saturday, June 21, 2008

Spottjournaille

Wer glaubt, die staatstragende bundesdeutsche Politjournaille sei das geistig-moralische Ende der Nahrungskette, der hat sich noch kein Bild vom bejammernswerten Zustand des deutschen Sportjournalismus gemacht. Hier wird, anders als bei den von Zeit zu Zeit zumindest aus narzistischen Gründen die große Herde verlassenden Politik-Kollegen in den Redaktionsstuben, nicht einmal mehr Objektivität und Sachlichkeit camoufliert, sondern unverdrossen im Gleichklang geblökt. Ein Paradebeispiel ist die anhaltend negative Meinungsmache gegen den portugiesischen Stürmerstar und derzeit weltbesten Fußballer Cristiano Ronaldo. Da wird von einem lokalen Berliner Springer-Organ ziemlich faktenfrei von einer "Entzauberung" phantasiert, die so nicht stattfand, und die sonst so um ihren seriösen Anstrich bemühte FAZ ätzt gar im Schülerzeitungsjargon gegen den "Schönling im toten Winkel". Für deutsche Fußball-Kommentatoren ist Ronaldo, trotz seiner überragenden Leistungen in den letzten Jahren, seiner nervenstarken Souveränität im Umgang mit den englischen tabloids, die ihn nach und während der WM vor zwei Jahren zum "meistgehaßten Mann Englands" kürten und gehörig Spießruten laufen ließen, seiner - unlängst auch von Otmar Hitzfeld ausdrücklich gelobten - mannschaftsdienlichen Spielweise und seiner unzähligen Charity-Aktivitäten eine Diva, ein eitler Geck, ein rotes Tuch, ein arroganter W***. Einer, an dem man partout kein gutes Haar lassen darf - und wenn doch, dann nur mit dem Hinweis versehen, dieses sei ja gegelt.

Lediglich Ronald Reng von der taz schwimmt gegen den Strom und bricht in seiner Nachlese des Deutschland-Portugal-Spieles (in welchem die deutsche Mannschaft erstmals in diesem Turnier tatsächlich erstklassigen Fußball zeigte) eine Lanze für Ronaldo:

"Stars wie er, die schon vor dem Turnier ausgerufen werden, ereilt meistens dasselbe Schicksal in drei Stufen. Erste Stufe: Sie werden, bevor ein Ball gespielt ist, in den Himmel geschrieben. Zweite Stufe: Die Medien werden ihrer eigenen Worte müde und bemerken erstaunt, dass da ja noch andere in seiner Elf spielen. Dritte Stufe: Seine Elf scheidet aus, und plötzlich war alles schlecht, der Star eine Riesenenttäuschung. Man wird verrückt, wenn man sich über die kranke Medienmaschine aufregt, aber es bleibt einem doch nichts anderes übrig, als gegen die Windmühlen anzuschreiben: Ronaldo hat eine ordentliche EM gespielt. Er schenkte dem Turnier genügend Momente, in denen seine Einzigartigkeit für jeden zu erkennen war. Wie er etwa in Basel den Ball mit der Hacke an Arne Friedrich vorbeilegte, sich drehte und auf und davon war; welcher andere Fußballer kann das schon? Es gelang Ronaldo nicht, Portugal zu ähnlicher Einmaligkeit zu führen - aber wie konnte man das erwarten? Es war schon vor der EM wahrscheinlicher, dass etwa Spaniens medial missachteter Spielmacher Xavi der Star des Turniers würde, als dass es Ronaldo würde - weil Xavi in einer Elf spielt, die etwas besser organisiert, mit weniger Wundstellen versehen ist als Portugal."


Übrigens bietet Real Madrid für den von den Teutonen geschmähten (weil für deutsche Vereine unerreichbaren?) Madeirenser inwischen die Rekordsumme von 80 Millionen Euro seinem bisherigen Verein Manchester United als Ablöse - der ihn indes postwendend für "unverkäuflich" erklärt.

7 comments:

Mario Lüdecke said...

vielleicht steht es aber deutschen sportjournalisten einfach nur bis oben, dass dieser selbstverliebte schwalbenkönig von der uefa zum fussballgott augeblasen wird!? das sie sich daran nicht beteiligen spricht für sie!

kno said...

Dominik, ich finde ihn auch sexy (nebenbei kann er auch Fußball spielen) aber beim Spiel gegen Deutschland hatte eher eher durch Schwalben gegänzt (er ist am Bein getroffen und hält sich den Kopf :-)) )

Anonymous said...

Nachdem Ronaldo von den deutschen Kommentatoren laufend als "bester Spieler der Welt" angekündigt wurde, habe ich vergeblich versucht diese ihm zugeschriebene Klasse in den Spielen ausfindig zu machen. Er ist ein guter Spieler, sicherlich, aber es gibt eine Reihe an Spielern, die diesen Titel weitaus eher verdient hätten, als Ronaldo. Und die Schwalbe gegen Deutschland war ja auch keine Einzelfall...
Ansonsten schließe ich mich meinem "Vorschreiber" Mario Lüdecke an.

Peter said...

Es gibt viele verhinderte Helden bei dieser Europameisterschaft, Gernegroße, Scheinriesen, bei denen das wahre Leben nicht Schritt halten konnte mit den Erwartungen. Cristiano Ronaldo ist solch ein Fall, der sich albern wie ein B-Filmheld vor den Ball stellte und dann nach dem Viertelfinale nach Hause fahren durfte, ungeduscht, geduzt und ausgebuht, wie Max Goldt sagen würde.

schwul-und-liberal said...

Soll er doch arrogant sein! Dieser Adonis kann es sich auch leisten!!! *hechel*

Anonymous said...

Tja, die deutschen Sportjournallie ist so wirklich das letzte. Bei einem Mannschaftssport die Häme auf einen einzelnen Spieler zu konzentrieren zeigt schon alles. Ronaldo kann es nicht alleine richten. Zudem war der Elfer für Deutschland ein Witz. Die rote karte muß man auch nicht geben. Dann wäre das Spiel anders gelaufen.

Und sämtliche deutsche Titel, wurden von krassen Fehlentscheidungen der Schiedsrichter begünstigt. 74 gegen Holland eine Schwalbe und es gab Elfmeter. 1990 genau das Gleiche. Da Ronaldo "Schwalben" vorzuwerfen ist da schon interessant. Auch jetzt gegen Frankreich ging dem Tor ein klares Foul voraus, zudem waren die Franzosen klar besser. Man sollte den Kopf nicht so hoch heben.

kno said...

@Anonymos es ging nicht um die aktuelle WM sondern um die EM von 2008